Essen - Zehn Monate haben Insolvenzverwaltung und Betriebsräte um die Rettung Herties gekämpft - am Ende waren alle Bemühungen vergebens: Hertie wird nach einem Beschluss der Gläubigerversammlung abgewickelt. Innerhalb von zwei Monaten solle die Kette liquidiert werden.
Hertie-Betriebsratschef Horn: "Keine realistische Chance auf einen neuen Arbeitsplatz"
Für die rund 2600 verbleibenden Mitarbeiter der bankrotten Kaufhauskette ist dieser Beschluss ein schwerer Schlag. "Manche der Kollegen sind zusammengebrochen und haben geweint", beschreibt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Bern Horn die erste Reaktion der Beschäftigten.
Und er macht der Insolvenzverwaltung kräftig Druck. Bei einem Altersdurchschnitt von "Mitte vierzig" habe vermutlich kaum ein Hertie-Mitarbeiter eine realistische Chance auf einen neuen Arbeitsplatz, sagte Horn. Er fordert nun einen Sozialplan - obwohl die finanzielle Lage des Kaufhauskonzerns äußerst undurchsichtig ist. Laut Biener Bähr ist noch nicht einmal klar, wie viel Geld für Abfindungen zur Verfügung stehen wird.
Gläubigerversammlung endet mit Eklat
Die Hertie-Gläubigerversammlung hatte zuvor mit 84,6 Prozent auf Empfehlung von Bähr die Schließung beschlossen. Bähr hatte Herties Schicksal besiegelt, indem er Antrag auf Schließung stellte. "Wir kommen nicht mehr weiter, so traurig das ist", sagte er.
Stumm, ohne jede Regung nahmen die rund hundert Hertie-Gläubiger Bährs Bericht zur Kenntnis. Eineinhalb Stunden lang referierte der Rechtsanwalt in einem halbleeren Saal im Essener Messegebäude über die Misere der traditionsreichen Warenhauskette - und stritt sich auf offener Bühne mit Vertretern von Dawnay Day. Er machte die britischen Hertie-Eigentümer für die gescheiterte Rettung verantwortlich. "Ich hätte Bill Gates als Investor präsentieren können, Dawnay Day hätte sich dennoch nicht bewegt."
"Keine Ahnung" habe die ebenfalls insolvente britische Immobiliengruppe vom Warenhausgeschäft gehabt, kritisierte Bähr. Es sei ihnen vor allem darum gegangen, Geld aus den Warenhäusern zu ziehen. Dawnay Day verlange überzogene Mieten, die teils bei bis zu 25 Prozent des Umsatzes lägen, sagte Bähr verbittert.
Dawnay Day hatte sich mit Immobilien verspekuliert und war 2008 selbst in die Insolvenz gegangen. Im Juli 2008 folgte die Hertie-Pleite. Seither ist die niederländische Dawnay-Day-Tochter Mercatoria Acquisitions für die Verwertung der Hertie-Gebäude zuständig und strebt an, die Häuser einzeln zu verkaufen.
Doch auch das scheiterte: Erst am Dienstag hatte sich eine Investorengruppe aus den Rettungsgesprächen zurückgezogen. Die Mietforderungen seien zu hoch gewesen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur AP verärgerte die Investoren zudem die Forderung der Immobilienbesitzer, die Mietverträge jederzeit kurzfristig kündigen zu können.
Mehrere Rechtsanwälte der Hertie-Eigner wiesen Bährs Kritik zurück. Ohne finanzkräftige Investoren habe es keinen Sinn, die "Agonie" bei Hertie um einige Monate zu verlängern, sagte Dawnay-Day-Jurist Detlev Stoecker. Man habe nicht Geld aus Hertie rausgezogen, sondern 180 Millionen Euro in die Kaufhäuser investiert.
In der Sitzung attackierten die Juristen Insolvenzverwalter Bähr. Sie warfen ihm Einseitigkeit und "Verblendung" vor. Im Gegenzug attestierte Bähr den Kontrahenten "Frechheit". Er lasse sich aber "nicht aus der Contenance bringen", so Bähr.
Eine Vertreterin der Gläubiger rief Bähr und die Dawnay-Day-Vertreter schließlich zur Ordnung: "Wir sollten die Diskussion versachlichen."
Zum ersten und einzigen Mal applaudierten die Gläubiger.
ssu/AP/dpa/ddp/Reuters
Auf anderen Social Networks posten:
Ok, also: Ist das Kaufhaus-Konzept überlebensfähig? Wenn nein: Sorry. So tragisch das für die Arbeitsplätze ist, aber jedes Wort über die steuerfinanzierte Rettung von Handelsunternehmen ist ebenso verfehlt wie das Geseire über [...] mehr...
Zitat von marypastor Schade. Leider veroeden Die Innenstaedte jetzt noch mehr. Ich frage mich aber, warum in New York die grossen Traditionshaeuser wie Bloomingdale oder Neiman Markus nicht pleite gehen, sondern jeden Tag voll [...] mehr...
Weil dort ein paar mehr Touristen zu übertriebenen Preisen einkaufen als bei Galeria Kaufhof in Bielefeld? mehr...
In diesem Fall wurde aber dementsprechend argumentiert. Ob trendy oder nicht, den Preisvorteil nehme ich aber ( nach der Arbeit ) gern nach Hause mit und muss nicht abends danach "surfen". mehr...
Das stimmt, man kann es nicht verallgemeinern. Natürlich sind Karstadt und Hertie bei einigen Dingen billiger, nur werden diese Fälle immer seltener. Es ist auch nicht alles Schlecht an den Kaufhäusern, die von Ihnen [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH