Samstag, 21. November 2009

Wirtschaft



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27.05.2009
 

Opel-Rettung

Experten verteidigen Insolvenzoption

Von Christian Teevs

Die Politik streitet über eine mögliche Insolvenz von Opel: Wirtschaftsminister Guttenberg neigt dazu, die SPD und Hessens Ministerpräsident Koch warnen davor. Dabei bietet ein Insolvenzverfahren durchaus Vorteile.

Hamburg - Steffen Koch kämpft um das Image seines Berufsstands. Wenn der Hamburger Insolvenzverwalter seine Branche in Verruf sieht, ärgert er sich. Und zurzeit ärgert er sich häufig - Grund ist die Debatte um eine Rettung von Opel. "Politiker malen beim Stichwort Insolvenz ein Schreckgespenst an die Wand, das schlicht falsch und überholt ist", sagt Koch. Es werde so getan, als bedeute ein Verfahren für Unternehmen automatisch die Pleite. "Dabei sind Insolvenzen seit Jahrzehnten eine anerkannte Möglichkeit, Firmen zu sanieren." Dies sei auch beim Autobauer Opel möglich, versichert Koch.

Opel: Insolvenz könnte Absatz drastisch einbrechen lassen
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DPA

Opel: Insolvenz könnte Absatz drastisch einbrechen lassen

Die Öffentlichkeit sieht das jedoch anders: Seit Karl-Theodor zu Guttenberg erklärt hat, eine Opel-Insolvenz nicht ausschließen zu wollen, steht der Wirtschaftsminister in der Kritik. In der öffentlichen Wahrnehmung wird die Insolvenz immer noch gleichgesetzt mit Pleite und Massenentlassungen. Nicht nur die SPD hat sich auf den CSU-Minister eingeschossen. Auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch warnt: "Die Insolvenz ist praktisch eine Liquidation."

Doch laut dem Insolvenzverwalter Steffen Koch von der Kanzlei HWW Wienberg/Wilhelm ist das eine "erschreckende Verkennung der Tatsachen". Denn im Gegensatz zu einer Rettung durch die Investoren Fiat, Magna, Ripplewood oder BAIC hat ein mögliches Insolvenzverfahren seiner Meinung nach viele Vorteile. Nicht nur dass die Lösung für den Steuerzahler billiger wäre - auch Unternehmen und Arbeitnehmer könnten profitieren.

So würden in den ersten drei Monaten nach Eröffnung des Verfahrens mit dem sogenannten Insolvenzausfallgeld alte Forderungen gedeckt. Opel könne zudem von Altlasten, sprich teuren Zuliefererverträgen, befreit werden - und würde so attraktiver für Investoren. "Ein Insolvenzverwalter wäre sicher kein Wunderheiler", gibt Koch zu, "er könnte aber mit dem Pfund der Glaubwürdigkeit wuchern, neue Verträge aushandeln und Opel wieder wettbewerbsfähig machen."

Das sieht auch Unternehmensberater Stefan Weniger von der CMS AG ähnlich: "Ein Insolvenzverfahren ist zunächst einmal nichts Schlimmes." Ziel sei es, die Gläubiger bestmöglich zufriedenzustellen - und dies sei häufig eher mit einer Sanierung als mit einer Abwicklung erreichbar. Voraussetzung: Das Unternehmen ist strukturell wettbewerbsfähig. Ein Insolvenzverwalter könne dabei tiefergreifende Schritte angehen als ein Investor - etwa bei Arbeitsverträgen und Pensionsrückstellungen. Damit könnte Opel attraktiver werden. "Ich gehe davor aus, dass Opel aus einer Insolvenz kleiner hervorgehen würde, aber auch gesünder", sagt Weniger.

Doch was betriebswirtschaftlich vielleicht Sinn ergibt, hilft dem Unternehmen nicht unbedingt. Stefan Bratzel, Autoexperte an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach, ist daher deutlich skeptischer: "Man muss sich bewusst sein", warnt Bratzel, "dass die Umsatzzahlen deutlich einbrechen würden." Die Autobranche sei sehr sensibel und Käufer könnten durch das schlechte Image der Insolvenz abgeschreckt werden. Konsequenz: Es drohe ein starker Absatzeinbruch.

Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, warnte am Montag gar, der Verkauf könne um 30 bis 40 Prozent einbrechen. Bei Neuwagen müsse mit einem Abschlag von zehn Prozent gerechnet werden. Insgesamt würden Opel damit Umsatzeinbußen von vier Milliarden Euro in einem halben Jahr drohen.

Dass eine Sanierung des Autobauers unumgänglich sei, sagt auch Bratzel: "Opel hat riesige Probleme mit Überkapazitäten und teurer Produktion." Eine Insolvenz auszuschließen sei daher der falsche Weg. Sie sei sicherlich keine tolle Lösung, müsse aber als Option im Spiel bleiben. Schon um Druck auf die Investoren auszuüben. Deutliche Kritik übt der Ökonom daher an der Bundesregierung: "In Berlin scheint derzeit nicht die beste Möglichkeit favorisiert zu werden, sondern der Investor, der den Erhalt der meisten Arbeitsplätze verspricht."

Fraglich ist jedoch, ob bei einer Insolvenz tatsächlich mehr Arbeitsplätze gefährdet wären. Steffen Koch bestreitet das. "Sicher wäre ein Verfahren nicht frei von Konflikten und würde auch eine gewisse Anzahl von Jobs kosten - aber nicht mehr als Magna und Fiat auch prognostizieren." Beide Investoren sprechen in ihren Konzepten von einem Abbau von europaweit rund zehntausend Arbeitsplätzen.

Ähnlich äußert sich Bratzel: "Auf die Arbeitnehmer kommen harte Belastungen zu, der Jobabbau würde sich bei einer Insolvenz nicht dramatisch von einer Investorenlösung unterscheiden."

Einen klaren Gewinner aber gebe es im Fall einer Insolvenz: den Steuerzahler. Denn für den Staat käme die Insolvenz deutlich günstiger. So werde etwa das Ausfallgeld in den ersten drei Monaten durch ein Umlageverfahren der Bundesagentur für Arbeit finanziert und über die Berufsgenossenschaft eingezogen. "Das kostet den Steuerzahler gar nichts", sagt Insolvenzverwalter Koch.

HINTERGRUND: SO LÄUFT EINE INSOLVENZ AB

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