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Autometropole Detroit Eine Stadt stirbt

2. Teil: Nur Kneipen und Stripclubs florieren

Mulally dürfte dabei auch die desolate Innenstadt von Detroit vor Augen gehabt haben. Leere Straßen, hässliche Baulücken, verbarrikadierte Ladengeschäfte. Dazwischen ehemals imposante Art-Deco-Wolkenkratzer und rohe Industriearchitektur. Die Gassen sind mit Graffiti verziert. Der frühere Zentralbahnhof ist eine zum Abriss bestimmte Ruine. Und über allem ragt stets die Spitze des GM-Towers.

Wenige Straßen weiter, am staubigen Broadway, ist die Zeit stehengeblieben: Die Auslagen wirken wie Relikte der sechziger Jahre, und bei "Harry dem Hutmacher" (Stetsons für 140 Dollar) ist nichts los.

Nur Kneipen und Stripclubs florieren. Die "Boulouki Lounge" lockt mit scharfen Kurven, die "Baltimore Bar" mit einem "Food & Booze Special", Essen und Fusel für fünf Dollar. Dagegen ist das Motto an der städtischen Bibliothek nur noch blanker Hohn: "Der Reichtum des Geistes ist der einzig wahre Reichtum."

Detroits Reichtum waren Autos. 1903 gründete Henry Ford hier die Ford Motor Company und schickte fünf Jahre später das Model T auf die Straßen, das heute in der Automotive Hall of Fame geehrt wird, der Ruhmeshalle verlorener Größe. Die Industrie zog Arbeiter aus aller Welt an, 1950 war Detroit die fünftgrößte US-Stadt, 1960 nannte Berry Gordy sein Plattenlabel Motown Records. Auch dessen Häuschen am West Grand Boulevard ist heute ein Museum.

Alle hängen am Auto

Irgendwie hängen hier alle an der Autobranche, nicht nur die, die direkt bei GM, Chrysler und Ford arbeiten. Commercial Fabricating & Engineering, eine Metallfirma nordwestlich von Detroit, machte bisher 95 Prozent ihres Geschäfts mit Zulieferungen für die Autokonzerne. Jetzt ist Chrysler zahlungsunfähig, GM steht kurz davor, und Besitzer Jim Shoner musste 22 seiner 30 Angestellten entlassen. "Es ist trübe", sagt er im lokalen Sender WWJTV. "Ich glaube nicht, dass wir das Jahresende überstehen werden."

Nur wenige wehren sich gegen den Absturz zur Krisenzone. "Detroit ist eine phantastische Stadt", widerspricht Maureen Kearns. Sie steht im "Downtown Welcome Center", einem einladend dekorierten Laden an der weniger einladenden Woodward Avenue, einer Shopping-Meile ohne Shops. Sie will, dass sich Touristen hier trotzdem wohlfühlen, verteilt Broschüren, hat eine Couch ins Fenster gestellt. "Detroit hat so viel mehr als Autofabriken", sagt sie. "Nachtleben, Museen, einmalige Architektur."

Gemeindeführer und Bürgergruppen schwören, durchzuhalten. "Wir tun mehr, als in der Zeitung all diese Weltuntergangsgeschichten zu lesen", beharrt William Jones, der Chef der Wohltätigkeitsorganisation "Focus Hope", die hier jeden Monat 41.000 Arme speist. "Wir arbeiten mit Leuten, die ihre Lage verbessern wollen." Jones war zuvor COO bei Chrysler.

"Wir müssen zusammenhalten, um die Stadt dorthin zu bekommen, wo sie jeder sehen will", sagt auch der neue Bürgermeister Dave Bing, ein ehemaliger NBA-Basketballstar, der Mitte Mai das Amt seines diskreditierten Vorgängers Kwame Kilpatrick übernahm. Bing hat in dem Elend eine Art neue Bestimmung gefunden.

Seine derzeit wichtigste Ambition: verhindern, dass die US-Regierung, die nach dem GM-Insolvenzverfahren 72,5 Prozent an dem Konzern halten wird, dessen Sitz ganz aus Detroit abzieht, um Geld zu sparen. Es wäre die letzte Demütigung.

Brief an Obama

Deshalb hat er jetzt einen Brief an US-Präsident Barack Obama geschrieben: Ein Verlust der GM-Zentrale "hätte vernichtende Folgen, nicht nur für die umliegende Geschäftswelt, sondern auch für unsere Bürger, unsere wirtschaftliche Lebensfähigkeit und eine generelle Kehrtwende der Stadt".

Dabei repräsentiert das GM-Hauptquartier alles, was an der Branche falsch ist. In der menschenleeren Lobby des Glaskolosses stehen GM-Auslaufmodelle, blankpoliert zum Verkauf: Hummer, Pontiac, Saturn. Vom Food Court weht Frittengeruch herüber. Ein GM-Banner verheißt: "Wir fangen gerade erst an."

Das sehen sie bei der Gewerkschaft UAW anders. Trauerstimmung umgibt Ron Gettelfinger, als er sich am Freitag vor den Devotionalien der alten Zeiten aufbaut. Er mag die Reporter kaum gehen lassen. "Bleiben Sie noch", fleht er, "wir reden doch so selten".

Als die Gäste schließlich das Haus verlassen, kommen sie an einer Bronzeplakette vorbei. "Mit unseren Händen bauen wir Automobile", steht darauf eingraviert. "Mit unseren Herzen bauen wir ein besseres Morgen."

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insgesamt 634 Beiträge
Benjamin1965 30.03.2009
Sollen sie ueberleben? Ist das im Interesse des deutschen Volkes? Ist das Interesse der Amerikaner? Eines ist absolut sicher: Obama (und jeder andere US President) werden US Interessen vor jegliche andere Interessen der Welt [...]
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Sollen sie ueberleben? Ist das im Interesse des deutschen Volkes? Ist das Interesse der Amerikaner? Eines ist absolut sicher: Obama (und jeder andere US President) werden US Interessen vor jegliche andere Interessen der Welt stellen. Leider kann man das von einer deutschen Regierung nicht behaupten.
Laotse 30.03.2009
Da müssen aus den fetten Raupen leichte Schmetterlinge werden und das wird nur im Kokon von US-Insolvenzverfahren möglich sein. Abwehr- oder Verzögerungsstrategien werden - so verständlich sie politisch und menschlich auch sind [...]
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Da müssen aus den fetten Raupen leichte Schmetterlinge werden und das wird nur im Kokon von US-Insolvenzverfahren möglich sein. Abwehr- oder Verzögerungsstrategien werden - so verständlich sie politisch und menschlich auch sind - nur zusätzliche verpulverte Kosten bedeuten. Dazu gehören auch die jetzt beschlossenen weiteren Nachfristen der US-Regierung.
Beutz 30.03.2009
Es passiert -im Gegensatz zu D- endlich das, was passieren muss. Liebe Grüße.
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Es passiert -im Gegensatz zu D- endlich das, was passieren muss. Liebe Grüße.
Tom_63 30.03.2009
Hätten die Taugenichtse von Manager schon früher nach alternativen Antrieben gesucht wäre es nicht soweit gekommen. Bush war da sicher auch ein Bremser und als Präsident ein Versager. Bei den Deutschen Autobauern gilt das [...]
Zitat von sysopFührungswechsel bei GM, großer Druck der US-Regierung, umstrittene Sanierungspläne - die Auto-Giganten von Detroit sind in ihrer schwersten Krise. Was muss passieren, damit sie überleben können?
Hätten die Taugenichtse von Manager schon früher nach alternativen Antrieben gesucht wäre es nicht soweit gekommen. Bush war da sicher auch ein Bremser und als Präsident ein Versager. Bei den Deutschen Autobauern gilt das Gleiche. Wenn sie weiter so schlafen dann ist es auch um sie geschehen. Auf keinen Fall dürften die Autobauer durch staatliche Hilfe gestützt werden. Dies gilt auch für die Banken.
kleinrentner 30.03.2009
hat es verdient gerettet zu werden. So gesehen ist eine Anpassung über ein geordnetes Insolvenzverfahren zu befürworten. Entspricht ja auch den Marktregeln!!! Für De sei noch zu sagen, dass ich es unerträglich finde, wie die [...]
Zitat von LaotseDa müssen aus den fetten Raupen leichte Schmetterlinge werden und das wird nur im Kokon von US-Insolvenzverfahren möglich sein. Abwehr- oder Verzögerungsstrategien werden - so verständlich sie politisch und menschlich auch sind - nur zusätzliche verpulverte Kosten bedeuten. Dazu gehören auch die jetzt beschlossenen weiteren Nachfristen der US-Regierung.
hat es verdient gerettet zu werden. So gesehen ist eine Anpassung über ein geordnetes Insolvenzverfahren zu befürworten. Entspricht ja auch den Marktregeln!!! Für De sei noch zu sagen, dass ich es unerträglich finde, wie die asozialen Opelbetriebsräte, denen das Schicksal und vor allem die Arbeitsbedingungen ihrer Leih-und Zeitarbeiter jahrelang nicht im Geringsten interessierte, jetzt die deutsche Politik mitleidsheischend versuchen in eine Staatsbeteiligung zu quatschen. Schlage vor, die Herren Betriebsräte fahren nach Detroit und jammern da, bei ihrem Herrn und Brötchengeber. Opel ist schliesslich seit 80 Jahren kein deutsches Unternehmen mehr, und als Steuerzahler ein Totalverweigerer.
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