Von Marc Pitzke, New York
Wie genau dieses Opfer wirklich aussieht, erfahren die Betroffenen zur gleichen Zeit an Ort und Stelle. GM benennt die 14 Werke, die geschlossen oder heruntergefahren werden, darunter viele historische Stätten. Etwa die frühere Saturn-Fabrik in Spring Hill in Tennessee, bekannt für ihre "Homecoming"-Partys für Autokäufer, und das Getriebewerk Willow Run in Michigan, wo im Zweiten Weltkrieg B-24-Bomber gebaut wurden.
"Erst war ich wütend, dann habe ich geweint, dann wurde ich wieder wütend", sagt der für Willow Run zuständige Gewerkschaftschef Don Skidmore vor Journalisten. "Und dann dachte ich, machen wir uns lieber wieder an die Arbeit und lasst uns sehen, was wir tun können."
Die vielen privaten Tragödien, die daraus nun erwachsen werden, versucht Obama mit dem typisch amerikanischen Drang nach einer besseren Zukunft zu verklären: "Heute wird das Ende des alten GM markieren und den Beginn eines neuen GM." Es ist die neue, doch wenig hilfreiche Sprachregelung der Krise.
Auch Henderson wiederholt diesen Satz gleich zweimal, als er schließlich in New York vor die Kameras tritt - in einem Skyscraper, der nur noch den Namen seines Konzerns trägt und den GM schon voriges Jahr aus Geldnot an ein Bankenkonsortium verkaufen musste. Seine Miene ist ernst, doch im Laufe der mehr als einstündigen Pressekonferenz ist ihm anzumerken, dass er auch erleichtert ist. Er wolle, sagt er ironisch, der Rede Obamas "ein paar Beobachtungen meinerseits hinzufügen".
Das Insolvenzverfahren sei ein "außerordentlich harter und schwieriger Schritt", gibt er zu - "professionell und persönlich". Vor allem der mehrheitliche Abtritt seines Konzerns an den Staat schmerze, aber er glaube dem Präsidenten, wenn der die geringst mögliche Einmischung verspreche.

Vor der Presse zeigt sich Henderson später ebenfalls "außerordentlich dankbar" für die "Unterstützung" der deutschen Regierung. Zum Thema Opel will er freilich wenig mehr sagen. Ja, es sei seine Priorität gewesen, diese Frage vor dem 1. Juni "zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen", damit GM alle ausländischen Vermögenswerte aus dem Insolvenzverfahren heraushalten konnte. Ja, es seien "komplexe, angespannte Verhandlungen" gewesen. Ob er selbst während der Verhandlungen mit Kanzlerin Angela Merkel gesprochen habe? "Nein, aber ich war persönlich eingebunden", seufzt Henderson und ergänzt: "Mitten in der Nacht."
Den Großteil seiner Worte widmet Henderson freilich den GM-Kunden - und Ex-Kunden, "die uns aufgegeben haben" und an die er nun appelliert, GM eine "zweite Chance" zu geben: "Wir wissen Ihr Vertrauen zu schätzen." Denn ohne neue US-Autokäufer wird natürlich auch das kleine, "neue GM" nicht überleben können.
Dieses "neue GM" werde jedenfalls "schlanker, schneller" sein. Doch es bleibt ein hochriskantes Spiel: Auch Henderson kann nicht hundertprozentig sagen, ob "new GM" seine avisierte Gewinnschwelle erreichen wird.
Was hätte der legendäre Alfred Sloan an seiner Stelle getan? Die Frage lässt Henderson nicht los. "Würde er heute hier stehen", sagt er, "dann würde er sagen: Erledige deinen Job."
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