Von Stefan Schultz
Hamburg - Er galt als Vulkan am Opernpult. Sein Taktstock zerschnitt heranbrandende Sound-Wellen, sein schlohweißes Haar wallte im Rhythmus der Musik auf und ab. Carlos Kleiber dirigierte sich in höchste Leidenschaft hinein, auf dem Podest schuftete er bis zum Rand des Zusammenbruchs.
Unter Klassikkennern galt der 2004 im slowenischen Konjšica verstorbene Maestro als vielleicht bester Dirigent des 20. Jahrhunderts. Nur er, Leonard Bernstein und wenige andere haben es in der Szene der Musikgenies zu Weltruhm gebracht. Glaubt man Itay Talgam, der in Israel selbst zu den Top-Dirigenten zählt, haben Kleiber & Co. ihren Ausnahmestatus vor allem einer Fähigkeit zu verdanken: ihrem unwiderstehlichen Führungsstil.
Talgam muss es wissen. Er schrieb eine Diplomarbeit über den freien Willen und lernte, so sagt er, im Libanon-Krieg 1982, wie wichtig es ist, dass man seinem Vorgesetzten vertrauen kann. Sein Mentor war Leonard Bernstein, Talgam selbst hat mehrere weltberühmte Orchester dirigiert.
Inzwischen lebt der dünne Mann mit den barocken Locken und der runden Brille allerdings hauptsächlich von der Lehre. Sein Spezialgebiet, die Parallelen zwischen Musik und Macht, gibt er an Manager weiter. Auch auf Konferenzen über Kommunikation, Medien oder Internet spricht Talgam oft - Veranstalter bereiten ihm gerne als hippem Querdenker die Bühne. Zuletzt sprach Talgam unter anderem auf der Londoner Zeitgeist-Konferenz (siehe Video), in Deutschland dozierte er Anfang Mai auf der Next09.
Talgam sagt, dass er gerne unterrichtet. Das Dirigentengeschäft sei eine aufzehrende Arbeit, das Vorträgehalten ein Weg, wieder etwas Rollendistanz zu gewinnen. Seine Dirigentenkollegen hält er für "gut lesbar". Anders als Manager, die ihre Manipulationsmethoden ja gerade zu kaschieren versuchten, müssten sich die Orchesterchefs weitgehend auf die Wirkung ihrer Körpersprache verlassen. "Einem Großmeister reichen wenige Gesten", sagt Talgam. "Er kann 110 Musiker mit einem Lächeln kontrollieren."
Wie man Krach in Musik verwandelt
Seine Macht zeigt der Dirigent schon zu Konzertbeginn. Er steigt aufs Podium, während unten im Orchestergraben die Streicher ihre Violinen und Celli stimmen, während die Bläser ihre Posaunen und Tuben auf Raumtemperatur pusten.
Der Dirigent tippt mit dem Taktstock aufs Pult, und wie von Zauberhand verwandelt sich Krach in Musik: Das kakophonische Gefiedel und Getröte weicht dem ersten geordneten Ton der Symphonie.
"Als Dirigent spürt man in diesem Moment, wie verführerisch Macht ist", sagt Talgam. "Fast könnte ich mir einbilden, ich bin es, der die Symphonie erzeugt. Die Musiker sind meine Instrumente, und die Partitur stammt von meinem Zuarbeiter Ludwig van Beethoven."
Das Konzert aber ist freilich das Erzeugnis vieler Menschen. Der Job des Maestros ist es nun, die Symphonie zu interpretieren. Er muss eine musikalische Vision haben - und diese an sein Personal, die Musiker, weitergeben, damit sie sie zum Leben erwecken. Das Produkt, die Musik, braucht sodann eine Kundschaft: Ohne Publikum würde die Symphonie ungehört verhallen.
Schafft es der Dirigent, seine Vision im Konzertsaal zu Leben zu erwecken, wird er beklatscht, bejubelt, mit Blumen überschüttet. Das "Da Capo" ist die Messlatte seines Erfolgs, ähnlich wie die Gewinn- und Umsatzzahlen oder der Aktienkurs bei Wirtschaftsbossen.
"Die großen Maestros kommen durch ganz unterschiedliche Dirigierstile ans Ziel", sagt Talgam. "Wer sie beobachtet, lernt viel über die hohe Kunst der Menschenführung."
Auf SPIEGEL ONLINE verrät Talgam, wie Ricardo Muti, Carlos Kleiber und Leonard Bernstein ihre Orchester dirigieren.
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Oh, das stimmt überhaupt nicht. Reden Sie mal mit Orchestermusikern darüber. Oder, wenn Sie zufällig talentiert genug sind (und die Gelegenheit bekommen :-), stellen Sie sich mal vor ein gutes Orchester und erleben, wie sich bei [...] mehr...
Zitat: "Wer so führt, braucht keinen Taktstock mehr. Und tatsächlich schaffte es Bernstein bei manchen Aufführungen, fast ohne Gesten auszukommen. Er dirigierte mit einem Lächeln, einem Augenrollen, einem Lippenschürzen [...] mehr...
ist mir die Lust an der Klassik vergangen. Wenn man die Gottesdienst von Papst Benedikt in Israel und Jordanien gehört hat, dann konnte man nur staunen wie schön die singen. Ein klassisches Konzert ist doch nur eine riesige [...] mehr...
Sehr gute Replik! Aber mein Einwand an Herrn Talgam wäre, daß er leider nicht deutlich macht, wie die Dirigenten ihren Einfluß auf die Musiker erzeugen: Wie schafft es z. B. ein Maestro Muti, seine Musiker zu beherrschen? [...] mehr...
Was mich interessieren würde sind die Parallelen, die Talgam zu seiner Soldatenerfahrung sieht. Ich habe noch keinen Regisseur erlebt, der nicht bei der ersten Probe klar gestellt hätte, das Regie nichts mit Demokratie zu tun hat [...] mehr...
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