Von Stefan Schultz
Hamburg - Karl-Gerhard Eick läuft die Zeit davon. Allein für dieses Jahr muss der Arcandor-Chef 960 Millionen Euro auftreiben, um die Sanierung seines kriselnden Konzerns voranzutreiben. Sorgenkind ist das Geschäft mit den Karstadt-Kaufhäusern, eine der drei tragenden Säulen Arcandors.
Arcandor-Interessenvertreter Middelhoff, Oppenheim, Schickedanz, Eick: Undurchsichtige Gemengelage
Vor allem aber bettelt Eick beim Bund: Arcandor hat eine Staatsbürgschaft über 650 Millionen Euro beantragt - und zeigte sich noch vor wenigen Tagen zuversichtlich, mit dieser Bitte erhört zu werden. Am Donnerstag hatte sich der Bürgschaftsausschuss der Bundesregierung erstmals vertraulich mit Eicks Antrag befasst. Der Manager sagte anschließend, die Gespräche seien "sehr gut verlaufen".
Am Mittwoch nun erhielten Eicks Hoffnungen einen herben Dämpfer: Erst drohten mehrere kleinere Gläubigerbanken damit, ihre Arcandor-Kredite nicht zu verlängern - dann verkündete Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, er sehe kaum noch Chancen auf Staatshilfen. Der CSU-Politiker sagte, die EU-Kommission habe eine "sehr klare Ansage" gemacht, dass der Kaufhauskonzern bereits zum 11. Juli 2008 in Schwierigkeiten gewesen sei. Damit sei ein ganz wichtiges Kriterium entfallen, Hilfen aus dem Deutschlandfonds beziehen zu können. Er habe Eick darauf hingewiesen, dass er andere Wege suchen müsse, um die Arbeitsplätze zu retten.
Viel Zeit bleibt dafür nicht. Arcandor muss bis zum 12. Juni Kredite in Höhe von 650 Millionen Euro bei seinen drei großen Gläubigerbanken BayernLB, Dresdner Bank und der Royal Bank of Scotland refinanzieren. Alle drei verlangen ein Sanierungskonzept für die defizitären Karstadt-Warenhäuser und den Quelle-Versandhandel - sowie eine Absicherung der Kredite durch den Staat. Eick selbst hatte bereits vor Wochen geunkt: "Wenn wir die Bürgschaft nicht erhalten, stünde Arcandor vor der Insolvenz."
Kurz: Die Aussichten auf eine Rettung des Konzerns haben sich am Mittwoch weiter verdüstert. Die Aktie verlor erneut an Wert. Tausende Jobs sind bedroht, die Gewerkschaft Ver.di geht auf die Barrikaden. Die Haupteigentümer, Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz und die Privatbank Sal Oppenheim, müssen Branchenkennern zufolge um viele Millionen bangen.
Auch die Regierung gerät immer stärker in die Zwickmühle: Einerseits darf sie nicht den Anschein erwecken, die insgesamt gut 53.000 deutschen Arcandor-Mitarbeiter im Stich zu lassen - andererseits muss sie, nach der umstrittenen Rettung des Autobauers Opel, knallhart verhandeln, um nicht als Dukatenesel von Verliererfirmen abgestempelt zu werden. In der undurchsichtigen Gemengelage gibt es derzeit nur einen Gewinner: den Karstadt-Konkurrenten Kaufhof.
Wer will was bei Arcandor? SPIEGEL ONLINE zeigt die Protagonisten des Machtkampfs - und analysiert ihre Interessen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH