Von Marc Pitzke, New York
New York - Es sind harsche Vorwürfe, die Tony Paschal gegen seinen Ex-Arbeitgeber vorbringt. Zwischen 1997 und 2007 arbeitete er unter anderem als Kreditberater für Wells Fargo
. Das Institut gehört zu den größten Geldhäusern der Vereinigten Staaten. Was er jetzt über die Vertriebspraxis der Bank veröffentlicht hat, offenbart eines der düstersten Kapitel in der aktuellen Finanzkrise.
Paschals Vorwürfe sind hart: Kunden seien intern als "mud people" bezeichnet worden, Drecksleute. Oder auch: "Diese Leute, die ihre Rechnungen nicht zahlen." Und doch seien gerade die so Gescholtenen die begehrtesten Geschäftspartner der Bank gewesen - so begehrt, dass das Top-Management sogar "Kopfgeld" für ihre Anwerbung bezahlt habe.
Das allein klingt nicht gerade nett und zeigt ein fragwürdiges Kundenbild. Was aber Paschals eidesstattlichen Aussagen über seinen Ex-Arbeitgeber so schockierend machen, ist, dass mit "mud people" Afroamerikaner gemeint waren, die oft zum ersten Mal in ihrem Leben ein eigenes Haus besitzen wollten und dafür bei Wells Fargo Hypotheken beantragten.
Diese schwarzen Kunden - zum Teil ohne Ersparnisse, ohne nennenswertes Einkommen und damit eigentlich nicht kreditwürdig - waren demnach während des US-Immobilienbooms der vergangenen Jahre bevorzugte Beute für die Hypothekenverkäufer der Bank. Ihnen, so behaupten Paschal und eine weitere Ex-Beraterin jetzt an Eides statt, habe Wells Fargo bevorzugt die berüchtigten Subprime-Darlehen angedreht.
825 Seiten über Geschäftsgebaren
Zur Erinnerung: Subprime-Kredite - das waren jene Ramschprodukte, deren Zinsen irgendwann ins Unbezahlbare kletterten und die ihre Inhaber so häufig ins Verderben stürzten. Sie lösten jene verhängnisvolle Kettenreaktion aus, die erst die US-Banken mitriss und schließlich die globale Finanzbranche an den Rand des Zusammenbruchs bugsierte.
Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.
Die übereinstimmenden Erklärungen der früheren Bankangestellten sind Bestandteil einer Klage, die die US-Großstadt Baltimore beim Bezirksgericht Maryland gegen Wells Fargo eingereicht hat. Damit präzisiert Baltimore frühere Vorwürfe, untermauert sie erstmals im Detail.
Auf 825 Seiten wirft Baltimore Wells Fargo "unfaire, irreführende und diskriminierende Methoden" vor. Die Bank habe in schwarzen Wohngegenden gezielt mit Ramschkrediten geworben - und diese Gegenden seien nun am schlimmsten von Privatpleiten betroffen. Denn die geschröpften schwarzen Hausbesitzer seien, sobald sie die Hypothekenzinsen nicht mehr zahlen konnten, sofort enteignet worden. Die Folge: "Verlassene, vernagelte und leerstehende Immobilien" - was zu Kriminalität und "destabilisierten Stadtvierteln" führe.
"Unsere Minderheiten, von denen sich viele zum ersten Mal Immobilien kauften, wurden von Wells Fargo auf einen desaströsen Höllenweg gelockt", sagte der städtische Chefjustiziar George Nilson der "Baltimore Sun". "Wir tun, was wir können, um zumindest etwas Entschädigung zu erhalten."
Bank streitet Vorwürfe ab
Die Bank streitet die Vorwürfe jedoch kategorisch ab. "Wir haben extrem hart gearbeitet, um mehr afroamerikanischen Kreditnehmern und allen anderen Kundensegmenten den Hausbesitz zu ermöglichen, und wir haben das fair und verantwortungsbewusst getan", erklärte Wells-Fargo-Sprecher Kevin Waetke. "Wir tolerieren es absolut nicht, wenn Team-Mitglieder unsere Kunden respektlos oder unfair behandeln oder unsere Ethikvorschriften missachten. Hautfarbe ist nie ein Faktor bei der Preisgestaltung oder den Produkten gewesen, die wir anbieten."
Wells Fargo zankt sich schon seit vorigem Jahr mit Baltimore gerichtlich um die Subprime-Hypotheken und deren Konsequenzen für die Stadt. Von 2004 bis 2007 vergab die Bank dort nach Angaben der Kläger pro Jahr 1285 Hypotheken, insgesamt im Wert von 600 Millionen Dollar. Zugleich habe Wells Fargo 2005, 2006 und in der ersten Hälfte 2007 mehr zahlungsunfähige Kunden wieder enteignet und ihre Häuser zwangsversteigert als jede andere Bank.
Und das hat Folgen: "Die Zwangsversteigerungskrise hat schwarze Viertel und Hausbesitzer in Baltimore am schlimmsten getroffen", heißt es in der Klage der Stadt. Zwei Drittel der Fälle hätten sich in Nachbarschaften ereignet, die zu mehr als 60 Prozent schwarz gewesen seien. Wells Fargo hält dagegen, dass dies nicht die Schuld der Bank sei und dass die Stadt damit nur von ihrer eigenen Verantwortung ablenken wolle.
'Kopfgelder' für Minderheitenkunden
Die Aussagen der ehemaligen Mitarbeiter scheinen allerdings das Gegenteil zu belegen: "Sie nannten Subprime-Hypotheken in Minderheitenvierteln 'Ghetto-Kredite'", beschreibt Paschal die "Rassenstrategie" ("Baltimore Sun") seiner Bank in der eidesstattlichen Erklärung, aus der US-Medien im Detail zitierten. Paschal - selbst schwarz - berichtet, dass Wells Fargo 2001 eine eigene Abteilung gründete, um teure Refinanzierungsdarlehen für schwarze Kunden zu "pushen", insbesondere in Baltimore, im Südosten Washingtons und im Bezirk Prince George im Bundesstaat Maryland. Die Bank habe zum "Affinitätsgruppen-Marketing" Schwarze mit dem spezifischen Auftrag angestellt, afroamerikanische Kirchen anzusprechen, deren Pastoren als Meinungsführer gelten.
Doch damit nicht genug: "Die Firma setzte 'Kopfgelder' aus", berichtet Paschal. "Kreditberater bekamen Geldanreize, um Hypotheken in Minderheitenvierteln aggressiv zu vermarkten." Beth Jacobson, eine weitere Ex-Kreditberaterin bei Wells Fargo, bestätigt diese Taktik in ihrer eidesstattlichen Erklärung. Sie und ihre Kollegen hätten sich über die Kunden lustig gemacht: Die Kreditnehmer hätten nicht gemerkt, dass sie "auf der Kutsche zur Hölle ritten".
Eine bezeichnende Metapher: Wells Fargo gründete sich 1852 während des Goldrausches als Postkutschendienst, und die Kutsche ist bis heute das Bank-Maskottchen. Das Institut habe Baltimore nach potentiellen Minderheitenkunden richtig durchkämmt, heißt es in der Klage weiter. Auch habe die Bank spezielle Software benutzt, um ihr PR-Material in afroamerikanischen Slang zu "übersetzen".
Pastoren als nützliche Ansprechpartner
Die Schwarzen hätten sich als Opfer geradezu angeboten, da sie unbedingt am "American Dream" des Hausbesitzes hätten teilhaben wollen, sagte Jacobson der "New York Times" weiter. "Wir hatten es auf sie abgesehen." Pastoren schwarzer Gemeinden hätten als besonders nützliche Ansprechpartner gedient, da sie "viel Einfluss hatten und Kirchgänger überzeugen konnten, Subprime-Kredite aufzunehmen".
Allerdings ist auch für Wells Fargo die Rechnung am Ende nicht aufgegangen: Im Stresstest der US-Notenbank kam das Kreditinstitut nicht besonders gut weg. Im Gegenteil: Die Federal Reserve attestierte der in San Francisco beheimateten Bank Anfang Mai einen Kapitalbedarf von 13,7 Milliarden Dollar. Das Hypothekengeschäft allein werde Wells Fargo bis Ende 2010 Verluste von 47,1 Milliarden Dollar bescheren.
| Stresstest-Ergebnis | |
| Institut | Kapitalbedarf in US-Dollar |
| Bank of America | 33,9 Milliarden |
| Wells Fargo | 13,7 Milliarden |
| GMAC | 11,5 Milliarden |
| Citigroup | 5,5 Milliarden |
| Regions Financial | 2,5 Milliarden |
| SunTrust | 2,2 Milliarden |
| KeyCorp | 1,8 Milliarden |
| Morgan Stanley | 1,8 Milliarden |
| Fith Third | 1,1 Milliarden |
| PNC | 0,6 Milliarden |
| JPMorgan | null |
| Goldman Sachs | null |
| MetLife | null |
| U.S.Bankcorp | null |
| Bank of New York | null |
| State Street | null |
| Capital One | null |
| BB&T | null |
| Amercian Express | null |
Dazu kommt: Seit Baltimore 2008 erstmals gegen Wells Fargo vorging, haben weitere Städte und US-Staaten ähnliche Maßnahmen ergriffen. Illinois ermittelt inzwischen gegen Wells Fargo und gegen die ehemals größte US-Hypothekenbank Countrywide wegen Diskriminierung Schwarzer und Latinos. New Yorks Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo hat unter anderem Wells Fargo, JP Morgan Chase und Citigroup
im Visier. Und die Schwarzenlobby NAACP hat Sammelklage gegen ein gutes Dutzend Banken erhoben.
Denn das Problem ist offenbar weit verbreitet und beschränkt sich nicht nur auf Baltimore: Nach Angaben des Centers for Responsible Lending, einer Interessengruppe in Washington, waren im Jahr 2006 52,4 Prozent aller Hypotheken an Schwarze Subprime-Kredite, aber nur 22,2 Prozent bei Weißen und 40,7 Prozent bei Latinos.
Im Fall der Baltimore-Klage setzte der Vorsitzende Richter Benson Legg jetzt für den 29. Juni einen Anhörungstermin an. Erst dann will er entscheiden, ob er die Klage zulässt. Dann könnte Wells Fargo die späte Konsequenz für die dubiosen Vertriebsmethoden drohen.
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