Samstag, 21. November 2009

Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
09.06.2009
 

Insolventer Handelskonzern

Belegschaft reagiert entsetzt auf Arcandor-Pleite

Tränen, Wut, Bestürzung: Nach dem Insolvenzantrag von Arcandor bangen 43.000 Mitarbeiter des Handelsriesen um ihre Zukunft. Bundespolitiker, die bis zuletzt mit Arcandor verhandelt haben, bekunden nun ihr Mitleid - und suchen nach einem Sündenbock.

Essen - Am Montagmittag kämpfte Karl-Gerhard Eick noch mit der Kraft der Verzweiflung. Der Arcandor-Chef stand auf einer roten Leiter vor der Konzernzentrale in Essen, hemdsärmelig, mit rotem Gesicht, auf Anzug und Krawatte verzichtete er. "Wir kämpfen bis zur letzten Minute", rief er in ein Megafon.

Enttäuschte Arcandor-Mitarbeiter in Essen: "Wie soll es jetzt weitergehen?"
DDP

Enttäuschte Arcandor-Mitarbeiter in Essen: "Wie soll es jetzt weitergehen?"

Das tat er dann auch. Als die Regierung am Montagabend einen Notkredit für die marode Kaufhauskette abschmetterte, versuchte Eick, den Haupteignern, der Milliardärin Madeleine Schickedanz und der Privatbank Sal. Oppenheim, neue Zugeständnisse abzutrotzen. Er überzeugte seine Gläubiger, 650 Millionen Euro schwere Kredite, die am Freitag auslaufen, bis zu sechs weitere Monate vorzustrecken.

Am Ende aber hat alles Kämpfen nichts genützt. Am heutigen Dienstag trat Eick erneut vor die Mikrofone. Jetzt beschrieb der die Chancen der angestrebten Planinsolvenz: "Wir wollen so viele Arbeitsplätze wie möglich retten und das Unternehmen als Ganzes erhalten", erklärte er.

Arcandor ist pleite, hat für die Kaufhaustochter Karstadt, die Versandhandelstochter Primondo und den Katalogversender Quelle Gläubigerschutz beantragt. Konzernsprecher bemühen sich, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Unternehmenstöchter wie Hess Natur oder das Modeversandhaus Madeleine, die nicht von der Insolvenz betroffen sind, beeilen sich, dies zu betonen. Wissenschaftler streiten derweil, ob das Konzept Kaufhaus nach Arcandor überhaupt noch eine Zukunft hat.

Vor allem aber bangen 43.000 Beschäftigte um ihre Jobs.

MEHR ZUM THEMA

Im neuen SPIEGEL 24/2009:

Der geplünderte Staat
Wie viel Opel darf sich Deutschland noch leisten?
Illustration SPLASHLIGHT
In Essen, in der Arcandor-Konzernzentrale, lassen die wenigen, die noch ausharren, ihren Gefühlen freien Lauf. Tränen fließen. Manche starren apathisch ins Leere. Andere diktieren Journalisten wütende Statements in den Block.

"Ich bin 57 Jahre alt. Wie soll es jetzt weitergehen?", fragt eine Mitarbeiterin. "Opel und Arcandor, ich weiß nicht, wo da der Unterschied sein soll", entrüstet sich ihr Kollege. Betriebsrätin Gabriele Schuster vergleicht die Pleite mit einer "Explosion". Sie sagt: "Die Stimmung ist grausam."

Im größten Karstadtwarenhaus Hessens wurden die Mitarbeiter vom Insolvenzantrag nahezu überrumpelt. "Das kam für uns total unerwartet", sagt der Frankfurter Betriebsratsvorsitzende Norbert Sachs. Für die Beschäftigten sei die Nachricht "ein Schlag in die Magengrube". Alles Demonstrieren sei letztlich vergebens gewesen.

Die Versandhaustochter Quelle befindet sich nach Angaben von Betriebsräten im "Schockzustand". In der Fürther Zentrale spricht Arbeitnehmerchef Ernst Sindel von einem "GAU" und Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) von einem "schwarzen Tag" für die Arbeitnehmer und ihre Familien, von einem "schweren Schlag für die betroffenen bayerischen Städte".

Bundespolitiker, die bis zuletzt mit Arcandor verhandelt haben, bekunden nun Mitleid - und deuten die Konzernpleite positiv. Kanzlerin Angela Merkel bezeichnete den Insolvenzantrag als Chance für die Mitarbeiter. Das Unternehmen könne nun den Beschäftigten etwa im Zusammengehen mit Metro neue Möglichkeiten eröffnen, sagte die CDU-Chefin. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sprach von der Möglichkeit, "vieles zu retten", von "tragfähigen Anschlusslösungen". CSU-Chef Horst Seehofer sagte, er bedaure das Scheitern der Gespräche.

Suche nach einem Sündenbock

Andere suchen nach einem Sündenbock. Der Düsseldorfer FDP-Fraktionschef Gerhard Papke schimpfte auf das "unfähige Konzernmanagement, das seiner Verantwortung nicht gerecht geworden ist".

Steffen Kampeter, der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion, warf den Eigentümern Sal. Oppenheim und Madeleine Schickedanz "unterlassene ökonomische Hilfeleistung" für das Unternehmen vor. Während sie einerseits die Risiken eines eigenen stärkeren Engagements offenbar als zu hoch erachtet hätten, setzten sie andererseits darauf, dass der Staat einspringe. "Das ist ein Irrglaube", sagte Kampeter. Dass die Bundesregierung in dieser Lage Hilfen versagt habe, sei "vollständig richtig" gewesen. Die Landesvorsitzende der NRW-Grünen, Daniela Schneckenburger, gab ebenfalls den Eigentümern die Schuld.

Gespräche zwischen Metro und Arcandor werden fortgeführt

Ein Sal.-Oppenheim-Sprecher wies die Vorwürfe zurück. "Wir waren im Rahmen unseres Arcandor-Engagements bereit, bis an die Grenzen des Machbaren zu gehen", sagte Matthias Graf von Krockow, Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Konzernholding. Ein höherer Beitrag seitens der Sal.-Oppenheim-Gesellschafter sei angesichts des schon in der Vergangenheit geleisteten Engagements nicht mehr verantwortbar gewesen.

Der Belegschaft bringt die Suche nach Schuldigen wenig. Bis August werden den Mitarbeitern nach Konzernangaben noch die Gehälter ausgezahlt. Viele hoffen nun auf eine schnelle Zerschlagung des Konzerns. Bei Karstadt hofft man auf eine baldige Einigung mit Metro.

Denn ungeachtet der Insolvenz gehen die Verhandlungen um eine Übernahme des Karstadt-Warenhausgeschäfts weiter. Metro teilte am frühen Nachmittag mit, man habe "großes Interesse, schnell mit Karstadt zu einer Lösung zu kommen". Man wolle etwa 60 der 90 Karstadt-Standorte erhalten.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Eick

Für Arcandor-Chef Eick könnte das lange Hickhack über die Rettung des Handelskonzerns noch Folgen haben. Wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Essen am Dienstag mitteilte, ist bereits in der vergangenen Woche die Anzeige eines Privatmannes eingegangen, der dem Manager Insolvenzverschleppung vorwirft. Zur Begründung der Anzeige seien der Behörde Presseberichte zugesandt worden, hieß es. Die Staatsanwaltschaft habe aufgrund der Anzeige die Ermittlungen aufgenommen.

Am Montag war bereits bekannt geworden, dass die Behörde Ermittlungen gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wegen des Verdachts der Untreue prüft. Middelhoff soll Anteile an Immobilienfonds halten, die von den ungewöhnlich hohen Mieten profitieren, die Karstadt für seine Filialen zahlt. Middelhoff weist die Vorwürfe zurück.

INSOLVENZ - NICHT IMMER DAS AUS

Wann kommt es zu einer Insolvenz?

Es kommt zu einer Insolvenz, wenn die Zahlungsunfähigkeit droht oder eingetreten ist oder das Unternehmen überschuldet ist. Wenn kein Geld mehr in der Kasse ist, wird umgangssprachlich auch davon gesprochen, dass ein Unternehmen pleite ist. Das Unternehmen oder ein Gläubiger stellen dann nach der Insolvenzordnung beim Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Umgangssprachlich sagt man auch: Sie melden Insolvenz an.

Welche Ziele werden mit dem Insolvenzverfahren verfolgt?

Warum muss Insolvenz nicht das Aus bedeuten?

Wie läuft das Insolvenzverfahren praktisch ab?

Wer kommt als Insolvenzverwalter in Betracht?

ARCANDOR: CHRONIK EINER KRISE

Der frühere KarstadtQuelle- und heutige Arcandor-Konzern steckt seit Jahren in einer schweren Krise. Mehrere Wechsel auf dem Chefposten des Handels- und Touristikunternehmens änderten daran wenig - eine Chronik.

20. Juli 2000

13. Januar 2001

17. Mai 2004

1. Juni 2004

14. Oktober 2004

7. April 2005

12. Mai 2005

24. Mai 2005

15. Juli 2005

3. August 2005

27. März 2006

22. Dezember 2006

12. Februar 2007

29. März 2007

12. Dezember 2007

29. September 2007

15. Dezember 2007

12. Februar 2009

1. März 2009

20. April 2009

15. Mai 2009

17. Mai 2009

20. Mai 2009

21. Mai 2009

22. Mai 2009

3. Juni 2009

5. Juni 2009

6. Juni 2009

7. Juni 2009

8. Juni 2009

9. Juni 2009

18. Juni 2009

30. Juni 2009

12. August 2009

13. August 2009

ssu/AP/dpa/Reuters

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





FORUM

Arcandor - ist Insolvenz die beste Lösung? Diskutieren Sie mit anderen Lesern!







Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern