Insolventer Handelskonzern
Belegschaft reagiert entsetzt auf Arcandor-Pleite
Tränen, Wut, Bestürzung: Nach dem Insolvenzantrag von Arcandor bangen 43.000 Mitarbeiter des Handelsriesen um ihre Zukunft. Bundespolitiker, die bis zuletzt mit Arcandor verhandelt haben, bekunden nun ihr Mitleid - und suchen nach einem Sündenbock.
Essen - Am Montagmittag kämpfte Karl-Gerhard Eick noch mit der Kraft der Verzweiflung. Der Arcandor-Chef stand auf einer roten Leiter vor der Konzernzentrale in Essen, hemdsärmelig, mit rotem Gesicht, auf Anzug und Krawatte verzichtete er. "Wir kämpfen bis zur letzten Minute", rief er in ein Megafon.
DDP
Enttäuschte Arcandor-Mitarbeiter in Essen: "Wie soll es jetzt weitergehen?"
Das tat er dann auch. Als die Regierung am Montagabend einen Notkredit für die marode Kaufhauskette abschmetterte, versuchte Eick, den Haupteignern, der Milliardärin Madeleine Schickedanz und der Privatbank Sal. Oppenheim, neue Zugeständnisse abzutrotzen. Er überzeugte seine Gläubiger, 650 Millionen Euro schwere Kredite, die am Freitag auslaufen, bis zu sechs weitere Monate vorzustrecken.
Am Ende aber hat alles Kämpfen nichts genützt. Am heutigen Dienstag trat Eick erneut vor die Mikrofone. Jetzt beschrieb der die Chancen der angestrebten Planinsolvenz: "Wir wollen so viele Arbeitsplätze wie möglich retten und das Unternehmen als Ganzes erhalten", erklärte er.
Arcandor ist pleite, hat für die Kaufhaustochter Karstadt, die Versandhandelstochter Primondo und den Katalogversender Quelle Gläubigerschutz beantragt. Konzernsprecher bemühen sich, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Unternehmenstöchter wie Hess Natur oder das Modeversandhaus Madeleine, die nicht von der Insolvenz betroffen sind, beeilen sich, dies zu betonen. Wissenschaftler streiten derweil, ob das Konzept Kaufhaus nach Arcandor überhaupt noch eine Zukunft hat.
Vor allem aber bangen 43.000 Beschäftigte um ihre Jobs.
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In Essen, in der Arcandor-Konzernzentrale, lassen die wenigen, die noch ausharren, ihren Gefühlen freien Lauf. Tränen fließen. Manche starren apathisch ins Leere. Andere diktieren Journalisten wütende Statements in den Block.
"Ich bin 57 Jahre alt. Wie soll es jetzt weitergehen?", fragt eine Mitarbeiterin. "Opel und Arcandor, ich weiß nicht, wo da der Unterschied sein soll", entrüstet sich ihr Kollege. Betriebsrätin Gabriele Schuster vergleicht die Pleite mit einer "Explosion". Sie sagt: "Die Stimmung ist grausam."
Im größten Karstadtwarenhaus Hessens wurden die Mitarbeiter vom Insolvenzantrag nahezu überrumpelt. "Das kam für uns total unerwartet", sagt der Frankfurter Betriebsratsvorsitzende Norbert Sachs. Für die Beschäftigten sei die Nachricht "ein Schlag in die Magengrube". Alles Demonstrieren sei letztlich vergebens gewesen.
Die Versandhaustochter Quelle befindet sich nach Angaben von Betriebsräten im "Schockzustand". In der Fürther Zentrale spricht Arbeitnehmerchef Ernst Sindel von einem "GAU" und Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) von einem "schwarzen Tag" für die Arbeitnehmer und ihre Familien, von einem "schweren Schlag für die betroffenen bayerischen Städte".
Bundespolitiker, die bis zuletzt mit Arcandor verhandelt haben, bekunden nun Mitleid - und deuten die Konzernpleite positiv. Kanzlerin Angela Merkel bezeichnete den Insolvenzantrag als Chance für die Mitarbeiter. Das Unternehmen könne nun den Beschäftigten etwa im Zusammengehen mit Metro neue Möglichkeiten eröffnen, sagte die CDU-Chefin. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) sprach von der Möglichkeit, "vieles zu retten", von "tragfähigen Anschlusslösungen". CSU-Chef Horst Seehofer sagte, er bedaure das Scheitern der Gespräche.
Suche nach einem Sündenbock
Andere suchen nach einem Sündenbock. Der Düsseldorfer FDP-Fraktionschef Gerhard Papke schimpfte auf das "unfähige Konzernmanagement, das seiner Verantwortung nicht gerecht geworden ist".
Steffen Kampeter, der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion, warf den Eigentümern Sal. Oppenheim und Madeleine Schickedanz "unterlassene ökonomische Hilfeleistung" für das Unternehmen vor. Während sie einerseits die Risiken eines eigenen stärkeren Engagements offenbar als zu hoch erachtet hätten, setzten sie andererseits darauf, dass der Staat einspringe. "Das ist ein Irrglaube", sagte Kampeter. Dass die Bundesregierung in dieser Lage Hilfen versagt habe, sei "vollständig richtig" gewesen. Die Landesvorsitzende der NRW-Grünen, Daniela Schneckenburger, gab ebenfalls den Eigentümern die Schuld.
Gespräche zwischen Metro und Arcandor werden fortgeführt
Ein Sal.-Oppenheim-Sprecher wies die Vorwürfe zurück. "Wir waren im Rahmen unseres Arcandor-Engagements bereit, bis an die Grenzen des Machbaren zu gehen", sagte Matthias Graf von Krockow, Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Konzernholding. Ein höherer Beitrag seitens der Sal.-Oppenheim-Gesellschafter sei angesichts des schon in der Vergangenheit geleisteten Engagements nicht mehr verantwortbar gewesen.
Der Belegschaft bringt die Suche nach Schuldigen wenig. Bis August werden den Mitarbeitern nach Konzernangaben noch die Gehälter ausgezahlt. Viele hoffen nun auf eine schnelle Zerschlagung des Konzerns. Bei Karstadt hofft man auf eine baldige Einigung mit Metro.
Denn ungeachtet der Insolvenz gehen die Verhandlungen um eine Übernahme des Karstadt-Warenhausgeschäfts weiter. Metro teilte am frühen Nachmittag mit, man habe "großes Interesse, schnell mit Karstadt zu einer Lösung zu kommen". Man wolle etwa 60 der 90 Karstadt-Standorte erhalten.
Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Eick
Für Arcandor-Chef Eick könnte das lange Hickhack über die Rettung des Handelskonzerns noch Folgen haben. Wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Essen am Dienstag mitteilte, ist bereits in der vergangenen Woche die Anzeige eines Privatmannes eingegangen, der dem Manager Insolvenzverschleppung vorwirft. Zur Begründung der Anzeige seien der Behörde Presseberichte zugesandt worden, hieß es. Die Staatsanwaltschaft habe aufgrund der Anzeige die Ermittlungen aufgenommen.
Am Montag war bereits bekannt geworden, dass die Behörde Ermittlungen gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wegen des Verdachts der Untreue prüft. Middelhoff soll Anteile an Immobilienfonds halten, die von den ungewöhnlich hohen Mieten profitieren, die Karstadt für seine Filialen zahlt. Middelhoff weist die Vorwürfe zurück.
INSOLVENZ - NICHT IMMER DAS AUS
Es kommt zu einer Insolvenz, wenn die Zahlungsunfähigkeit droht oder eingetreten ist oder das Unternehmen überschuldet ist. Wenn kein Geld mehr in der Kasse ist, wird umgangssprachlich auch davon gesprochen, dass ein Unternehmen pleite ist. Das Unternehmen oder ein Gläubiger stellen dann nach der Insolvenzordnung beim Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Umgangssprachlich sagt man auch: Sie melden Insolvenz an.
Zweck des Verfahrens ist in erster Linie, die Gläubiger zu befriedigen, indem das noch bestehende Vermögen des Unternehmens verwertet und der Erlös verteilt wird. Werden alle Gläubiger entsprechend der errechneten Insolvenzquote ausgezahlt, wird das Verfahren beendet und die Firma gelöscht. In den meisten Fällen, bei vielen kleineren Unternehmen, ist aber nur noch so wenig Vermögen ("Masse") vorhanden, dass gar kein Verfahren eröffnet werden kann. Dann wird das Unternehmen liquidiert, das heißt gelöscht.
Mit der Reform des Insolvenzrechts 1999 kam ein weiteres Ziel dazu, nach dem Vorbild des US-Insolvenzrechts, das mit seinem "Chapter 11" Pate stand. Die bis dahin gängigen Begriffe Konkurs, Vergleich bzw. Gesamtvollstreckung (in den neuen Bundesländern) wurden durch den einheitlichen Begriff Insolvenz ersetzt. Wenn das Unternehmen grundsätzlich als lebensfähig erachtet wird, wird in einem Insolvenzplan dafür eine Regelung getroffen. Das bedeutet, die Insolvenz markiert nicht das Ende - sondern steht am Anfang eines Sanierungsprozesses, bei dem so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten bleiben sollen. Das Unternehmen produziert oder arbeitet weiter und es wird nach Investoren gesucht, die die Firma dauerhaft übernehmen wollen.
Weil oft Eile geboten ist, ernennt das Gericht sofort einen vorläufigen Insolvenzverwalter. Er macht sich unverzüglich an die Arbeit, noch bevor das Insolvenzverfahren förmlich eröffnet wird. Er erhält besondere Vollmachten und ist quasi Chef im Haus. Er spricht mit potentiellen Investoren und versucht, mit Sparplänen die Kosten zu drücken. Der Geschäftsbetrieb läuft - soweit möglich - währenddessen weiter. Zugleich muss der Insolvenzverwalter versuchen, die Gläubiger von seinen Plänen zu überzeugen; dazu gibt es eigens einberufene Gläubigerversammlungen.
Der Insolvenzverwalter ist in der Regel ein erfahrener Jurist und Betriebswirt. Es gibt nicht viele Fachleute, die mit dieser heiklen Aufgabe betraut werden: Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) hat nach eigenen Angaben auf seiner Internet-Seite lediglich 435 Mitglieder. Große Insolvenzen sind bisher nur von einem kleinen Kreis von Insolvenzverwaltern bearbeitet worden.
ARCANDOR: CHRONIK EINER KRISE
Der frühere KarstadtQuelle- und heutige Arcandor-Konzern steckt seit Jahren in einer schweren Krise. Mehrere Wechsel auf dem Chefposten des Handels- und Touristikunternehmens änderten daran wenig - eine Chronik.
KarstadtQuelle-Vorstandschef Walter Deuss legt sein Amt nach wachsender Kritik nieder. Nachfolger wird der bisherige Vorstandschef der Karstadt-Warenhaus AG, Wolfgang Urban.
Karstadt kündigt den Abbau von bis zu 7000 der 52.000 Stellen im Warenhausbereich an.
Vorstandschef Urban muss wegen der schlechten Ertragslage gehen.
Quelle-Neckermann-Chef Christoph Achenbach übernimmt den Posten.
Konzernspitze und Arbeitnehmer einigen sich auf einen Sanierungsplan. 5500 Stellen sollen sozialverträglich abgebaut, 77 kleinere Häuser in den nächsten drei Jahren verkauft werden.
Achenbach tritt zurück.
Thomas Middelhoff wird neuer Vorstandschef von KarstadtQuelle.
Der Aktienpool um die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz sichert sich die Mehrheit an KarstadtQuelle.
Der Konzern verkauft die Modekette Wehmeyer.
KarstadtQuelle trennt sich von 75 kleineren Warenhäusern und den Fachmarktketten SinnLeffers und Runners Point.
KarstadtQuelle verkauft für 4,5 Milliarden Euro seine gesamte Warenhaus-Immobilien. Der Konzern mietet die Gebäude zurück, darunter auch das Berliner KaDeWe und das Alsterhaus.
KarstadtQuelle übernimmt für 800 Millionen Euro den 50-Prozent-Anteil der Lufthansa an dem Reiseunternehmen Thomas Cook.
Middelhoff kündigt die Fusion von Thomas Cook mit der Nummer drei in Europa, dem britischen Konkurrenten MyTravel, an. Die Touristiksparte wird zum mit Abstand wichtigsten Geschäftsfeld des Traditionskonzerns.
Middelhoff setzt die Umbenennung der Konzernholding KarstadtQuelle in Arcandor durch.
Arcandor trennt sich von seinen verbliebenen Immobilienbeteiligungen und der Versandhaustochter neckermann.de.
Die Privatbank Sal. Oppenheim greift Arcandor unter die Arme. Das Kölner Geldinstitut übernimmt Anteile der bisherigen Mehrheitsaktionärin, Quelle-Erbin Schickedanz.
Im Geschäftsjahr 2007/2008 machte der Handelsriese einen Verlust von 746 Millionen Euro.
Middelhoff verabschiedet sich mit roten Zahlen.
Der langjährige Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick übernimmt das Ruder.
Arcandor kündigt ein drastisches Sparprogramm an. Der Konzern will sich auf die profitablen Kernbereiche der Versandhandelstochter Primondo (Quelle) und der Warenhauskette Karstadt sowie auf die Touristiktochter Thomas Cook konzentrieren. Die Premium-Häuser KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger sollen verkauft werden.
Der Konzern kündigt an, Staatbürgschaften in Höhe von 650 Millionen Euro beantragen zu wollen.
Die Metro-Gruppe signalisiert Interesse am Kaufhaus-Segment.
Arcandor schickt seine Bitte um eine Staatsbürgschaft nach Berlin. Zahlreiche Politiker äußern sich kritisch.
Die konkurrierenden Warenhausketten Kaufhof und Karstadt prüfen nach eigenen Angaben die Bildung einer gemeinsamen Deutschen Warenhaus AG.
Arcandor macht Finanzhilfen des Bundes zur Bedingung für eine Fusion seiner Karstadt-Häuser mit der Kaufhof-Kette.
Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sieht angesichts massiver Bedenken der EU kaum noch Chancen auf Staatshilfen für den Konzern. Arcandor bleiben nach eigenen Angaben noch neun Tage, um einen Ausweg zu finden.
Arcandor stellt Antrag auf Rettungsbeihilfe in Höhe von 437 Millionen Euro. Ein Krisengipfel zur Rettung des Konzerns endet in Berlin ohne Ergebnis.
Das von Insolvenz bedrohte Unternehmen stellt die Mietzahlungen für die Karstadt-Filialen ein.
Ein Spitzengespräch der Handelsriesen über eine Fusion ihrer Kaufhausketten geht ohne Durchbruch zu Ende.
Die Bundesregierung lehnt die Anträge auf Staatsbürgschaften und Notkredite ab und stellt den Eigentümern von Arcandor ein Ultimatum. Nur wenn sie ihren Sanierungsbeitrag deutlich aufstocken, will sich der Bund an den Rettungsbemühungen für den Handelsriesen beteiligen und damit den Konzern vor der Insolvenz retten.
Die Arcandor-Großaktionäre sehen keine Möglichkeiten, den Antrag auf Staatshilfen nachzubessern. Der Handelskonzern meldet Insolvenz an. Gleichzeitig gibt die Staatsanwaltschaft Essen bekannt, dass ein Ermittlungsverfahren gegen Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick eingeleitet wurde. Der Vorwurf: Insolvenzverschleppung.
ssu/AP
Der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg macht deutlich, dass Staatshilfe notwendig ist, um den Betrieb der Versandtochter Quelle aufrecht zu erhalten. Die Zukunft von Karstadt sieht er bis Jahresende gesichert.
Die Finanzierung von Quelle ist vorerst gesichert, nachdem die EU die Staatshilfe genehmigt hat.
Konzernchef Eick teilt mit, die Bemühungen um einen Investor für den gesamten Konzern aufzugeben. Nun geht es noch darum, Investoren für Karstadt und die Primondo-Gruppe um Quelle zu finden.
Görg stellt sein grobes Sanierungskonzept vor. Bei Quelle und den Spezialversendern sollen rund 3700 der 10.500 Arbeitsplätze wegfallen. Bei Karstadt stehen 19 der 126 Waren- und Sporthäuser zur Disposition.
mik/ssu/AP/Reuters
ssu/AP/dpa/Reuters