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10.06.2009
 

Arcandor-Bevollmächtigter Piepenburg

Meisterstück für den Supersanierer

Von Stefan Schultz

Er soll Karstadt und Quelle retten: Für 43.000 Angestellte ist Horst Piepenburg die letzte Hoffnung. Der erfahrene Sanierer will Arcandor als Ganzes erhalten, doch die Hindernisse sind hoch - eine Zerschlagung ist nur mit Mühe abzuwenden.

Hamburg - Positive Psychologie ist eine Kunst, die ein Insolvenzberater beherrschen sollte. Wenn Traditionskonzerne zerbrechen und Tausende Jobs bedroht sind, muss er zunächst vor allem den Glauben stärken.

Pleiteprofi Piepenburg: "Alles ist möglich"
DPA

Pleiteprofi Piepenburg: "Alles ist möglich"

Das gilt auch für Arcandor: Der Handelsriese, der nach einem wirtschaftspolitischen Drama am Dienstag Insolvenz anmelden musste, hat Optimismus derzeit bitter nötig: Rund 43.000 der insgesamt 56.000 Beschäftigten bangen um ihren Arbeitsplatz. Es sind Menschen wie die Auszubildende Jeanette Stern, der Karstadt wegen guter Leistungen gerade noch die Fortbildung mit Prüfung zur Handelsfachwirtin anbot - und deren Zukunft nun ungewiss ist. Oder ältere Angestellte, denen die Frühverrentung droht. Betriebsräte nennen die Insolvenz eine "Explosion", einen "Schlag in die Magengrube".

Horst Piepenburg sieht das anders. Der 54-Jährige wurde am Dienstag vom Arcandor-Vorstand zum Generalbevollmächtigten ernannt, mit der Konzernsanierung beauftragt - und verbreitet Hoffnung: Als er kurz nach dem Scheitern der Rettungsgespräche vor die Kameras trat, nannte er die Insolvenz des Handelsriesen eine "zweite Chance". Das Unternehmen sei auf "sicheren Boden" zurückgekehrt, und nun sei wieder "alles möglich".

Die Rettung wirkt plötzlich realistischer

Wie er da so lächelnd vor den Kameras stand, glaubt man ihm das sogar: In knappen, klaren Worten skizzierte der Rheinländer in Essen die Grundzüge des Insolvenzverfahrens - die er für durchweg positiv hält: Der Antrag nehme eine gewaltige Last von Arcandors Schultern, die Löhne seien nun bis Ende August gesichert. Das Drama der letzten Tage wirkte plötzlich weniger dramatisch, die Rettung realistischer.

Piepenburg - so scheint es - glaubt an die Power der positiven Psychologie. "An Optimismus", sagte er einmal über sich selbst, "bin ich grundsätzlich nicht zu übertreffen." Die randlose Brille, das runde Gesicht, die braunen Jacketts - nach außen wirkt der kleine Mann kantenlos, seine Gestalt kommuniziert Unaufgeregtheit. Auch sein familiäres Umfeld zeugt von Beständigkeit: Der 54-Jährige hat drei Kinder, sein Vater führte ein mittelständisches Büromöbelunternehmen.

Piepenburg ist Profi, seit 27 Jahren im Geschäft. Seine Fachkanzlei für Insolvenzrecht zählt zu den größten des Landes, nach eigenen Angaben war Piepenburg an mehr als 2000 Insolvenzen beteiligt.

Und mehrere davon waren überaus prestigeträchtig: So zerschlug er beim Energiedienstleister Babcock Borsig ein wirres Geflecht aus Hunderten Tochterfirmen - und fand für wichtige Konzernsparten neue Eigentümer. 2008 sanierte Piepenburg die Pin Group mit ihren 91 Einzelgesellschaften. Und erst vor wenigen Wochen hat er die Sanierung von SinnLeffers abgeschlossen. Er kam von der dortigen Abschlussparty geradewegs zu Arcandor.

Was er mit dem insolventen Handelsriesen vorhat, sagte Piepenburg am Dienstag klar und deutlich. Es gehe "in erster Linie um den Erhalt von Arbeitsplätzen". Und er wolle den Konzern als Ganzes erhalten - zumindest fast: Er sprach über Karstadt, Primondo und Quelle. Die Tourismustochter Thomas Cook erwähnte er wohlweislich nicht - Branchenexperten rechnen damit, dass Piepenburg sie verkaufen muss, um einen Teil der Konzernschulden zu begleichen.

Das Plädoyer für ein ganzheitliches Konzept entspricht der Piepenburg-Philosophie: Wenn er erklären muss, was er im Job macht, bezeichnet er sich gern als "Sanierungsexperten" - nicht als Insolvenzanwalt. "Zerschlagen ist einfacher", sagte er kürzlich in einem Interview. Er bedaure das. "Wer ein Unternehmen sofort abwickelt, bekommt tatsächlich mit deutlich geringerem Aufwand und weniger Risiko dasselbe Geld wie ein Verwalter, der sich reinkniet und das Unternehmen retten will." Da sehe er eine "Lücke im Anreizsystem".

Wenn es sein muss, saniert er knallhart

Auftraggeber haben diesen Ansatz immer wieder gelobt. Einer bezeichnete Piepenburg als "Gottesgeschenk". Doch der vermeintliche Supersanierer kann keine Wunder vollbringen - wenn es sein muss, agiert er knallhart.

Bei Babcock gingen die Gläubiger seinerzeit fast leer aus. Pin konnte er, anders als angekündigt, nicht als Ganzes erhalten. Am Ende musste er den Briefzusteller in Einzelteilen verkaufen, die Hälfte der Arbeitsplätze ging verloren. Und bei SinnLeffers musste er insgesamt 23 Standorte schließen - ein Drittel der Arbeitsplätze verschwand, weit mehr als Piepenburg vorhersagte.

Ob das auch bei Arcandor zutrifft, bleibt abzuwarten - noch ist nicht sicher, dass sich Piepenburgs Rettungsplan realisieren lässt. Denn mit dem Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg hat Piepenburg bei der Konzernrettung einen Gegenspieler, dessen dezidierte Aufgabe es ist, die Interessen der zahlreichen Arcandor-Gläubiger zu vertreten.

Und die Optionen, über eine Zerschlagung Geld zu beschaffen, stehen günstig: Die Metro treibt eine mögliche Fusion mit der eigenen Tochter Kaufhof mit Wucht voran - laut "Handelsblatt", um die beiden Rivalen zu einem neuen Riesen zu verschmelzen, diesen gesundzusanieren und an den Investor Maurizio Borletti weiterzuverkaufen. Otto erhebt derweil Anspruch auf große Teile der Versandhandelssparte - und Rewe interessiert sich für die Reisetochter Thomas Cook.

Piepenburgs Optimismus kann das nicht erschüttern: "Ich sehe gute Chancen, dass wir unser Ziel erreichen", sagte er am Mittwoch in Essen. Wie das konkret funktionieren soll, lässt er vorerst offen.

Das nächste wichtige Datum sei nun der 31. August. Dann ende das für drei Monate gewährte Insolvenzgeld. Falls sich bis zum 1. September eine Unterdeckung abzeichne, müssen schon im Sommer die ersten Karstadt-Häuser geschlossen werden.

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