Frankfurt am Main - Immer mehr Konjunkturdaten deuten darauf hin, dass die Talsohle des Abschwungs erreicht ist - doch der Aufschwung lässt offenbar noch auf sich warten: Laut einer Prognose der Europäischen Zentralbank (EZB) ist die Rezession im Euro-Raum lang und tief.
Nach einer Phase der Stabilisierung im weiteren Jahresverlauf seien positive Wachstumsraten im Quartalsvergleich erst zur Mitte des kommenden Jahres zu erwarten, heißt es im Monatsbericht der EZB für Juni, der an diesem Donnerstag in Frankfurt veröffentlicht wurde. Diese Prognose schließe auch nachlaufende Effekte mit ein, speziell die erwartete Eintrübung des Arbeitsmarkts. Damit bekräftigte die EZB jüngste Aussagen ihres Präsidenten Jean-Claude Trichet.
Auch für Deutschland sind die Aussichten schlecht: Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) hat seine Konjunkturprognose erneut massiv gesenkt. Es rechnet nun für 2009 mit einem Minus von sechs Prozent statt wie bislang um 3,7 Prozent. Zur Jahresmitte habe sich die Konjunktur aber annähernd stabilisiert. Für das kommende Jahr erwartet das IfW daher einen moderaten Anstieg um 0,4 Prozent statt eines Rückgangs um 0,1 Prozent.
Die Aussicht, dass die Wirtschaft im Euro-Raum monatelang nicht wächst, bereitet Experten Sorge: EZB-Finanzstabilitätsexperte Dejan Krusec befürchtet schlimmstenfalls eine weitere Bankenkrise im kommenden Jahr. Sollte es eine schnelle "V-förmige" Erholung geben, seien die Banken stark genug, um den Abschwung zu überstehen, zitierte der "Daily Telegraph" Krusec. "Sollte sie jedoch 'U-förmig' ausfallen, werden die Banken Probleme bekommen", sagte der Spezialist laut Bericht auf einer Fitch-Ratings-Konferenz zu Osteuropa.
"Das Problem ist nicht 2009. Die Banken in der Euro-Zone sind ausreichend kapitalisiert, um Verluste abzudecken. Das Problem ist 2010. Wir sind besorgt, was die Länge (der Rezession) angeht", sagte Krusec dem Bericht zufolge weiter. Die EZB überwache 25 Banken, die von strategischer Bedeutung seien.
Das derzeitige Leitzinsniveau von 1,0 Prozent bezeichnet die EZB dennoch nach wie vor als "angemessen". Diese Einschätzung beziehe neben der Zinspolitik auch zusätzliche Maßnahmen wie den geplanten Ankauf von Pfandbriefen (Covered Bonds) mit ein. Die Inflation im Euro-Raum dürfte in der mittleren Frist vor allem durch die schwache wirtschaftliche Aktivität gedämpft werden. Die Inflationserwartungen seien "fest verankert". Dies stehe im Einklang mit dem mittelfristigen Inflationsziel der Notenbank von knapp zwei Prozent.
Schlechte Aussichten für den Jobmarkt
Der Abschwung mag die Talsohle erreichen - auf dem Jobmarkt dagegen kommt die Rezession mit Verzögerung an. Durchschnittlich sechs Monate dauert es, bis die lahmende Konjunktur voll auf den Stellenmarkt durchschlägt.
Entsprechend düster sind die Prognosen der Experten für die kommenden zwei Jahre: Wolfgang Franz, Vorsitzender des Sachverständigenrats und Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), sagt, auf dem Arbeitsmarkt "haben wir, im Gegensatz zur Konjunktur, leider das Schlimmste noch vor uns". Bis zum Jahresende würde die Zahl der Erwerbslosen wohl die Vier-Millionen-Marke durchbrechen.
Die kürzlich von Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) erlassene Verlängerung der Kurzarbeit auf 24 Monate, sieht Franz ebenfalls kritisch. Seiner Ansicht nach sei es für den Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt besser, qualifizierte Arbeitskräfte zu entlassen, als sie zu lange künstlich in Unternehmen zu halten.
Auch nach Einschätzung der EZB sind Maßnahmen wie Kurzarbeit nur übergangsweise zu empfehlen. Sofern der Konjunkturabschwung von kurzer Dauer sei, sei Kurzarbeit ein wirksames Instrument zum Schutz von Arbeitsplätzen, heißt es im Monatsbericht der EZB. Kämen solche staatlich geförderten Maßnahmen jedoch in größerem Umfang und über einen längeren Zeitraum hinweg zum Einsatz, seien sie negativ zu bewerten.
So belasteten derartige Maßnahmen die Staatshaushalte, ohne Investitionsanreize zur Konjunkturbelebung zu schaffen, begründet die Notenbank ihre Einschätzung. Darüber hinaus verringerten sie die Anreize für Unternehmen und Arbeitnehmer, Produktionsfaktoren an anderen Stellen wirtschaftlicher einzusetzen. "Die Wanderung von Arbeitskräften zwischen Unternehmen und Sektoren ist wichtig, damit gewinnbringende Investitionschancen, die sich im Zuge der wirtschaftlichen Erholung bieten, leichter genutzt werden können." Dies leiste einen wichtigen Beitrag zur Konjunkturerholung.
| IfW-Prognose: Veränderung zum Vorjahr in Prozent | ||
| 2009 | 2010 | |
| Bruttoinlandsprodukt | -6,0 | 0,4 |
| Konsumausgaben (privat) | -0,5 | 0,0 |
| Konsumausgaben (Staat) | 1,8 | 2,1 |
| Anlageinvestitionen | -10,0 | 1,2 |
| Export | -18,0 | 4,5 |
| Import | -10,5 | 5,8 |
| Verbraucherpreise | 0,0 | -0,3 |
| Erwerbstätige in Mio. | 39,927 | 38,901 |
| Arbeitslose in Mio. | 3,576 | 4,365 |
| Arbeitslosenquote in % | 8,6 | 10,5 |
| Staatsdefizit in Mrd. € | 70,0 | 131,0 |
| Staatsdefizit in % vom BIP | 3,0 | 5,5 |
| Schuldenstand in % vom BIP | 74,8 | 80,4 |
| Quelle: Institut für Weltwirtschaft | ||
ssu/AP/dpa-AFX/Reuters
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