Von Stefan Schultz
Berlin - Klaus Zimmermann ist für ungewöhnliche Vorstöße bekannt. Erst kürzlich sorgte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) mit der Radikalthese für Aufruhr, dass Wirtschaftsinstitute in Krisenzeiten komplett auf Prognosen verzichten sollten. Sie würden, statt Klarheit zu schaffen, nur noch mehr Verunsicherung heraufbeschwören.
Nun vollzieht der DIW-Chef eine Art 180-Grad-Wende: Ausgerechnet auf dem Arbeitslosenmarkt prüft der Ökonom ein neues Prognose-Verfahren. Die Methode, die er anwendet, ist relativ einfach: Sie basiert auf dem Umstand, dass laut einer DIW-Erhebung fast 90 Prozent der Bevölkerung das Internet zur Jobsuche nutzen. Arbeitssuchende hinterlassen also Spuren im Netz - Suchbegriffe wie "Arbeitsamt" oder "Arbeitsagentur" etwa oder die Namen von Online-Jobbörsen à la Monster.de.
Das DIW nutzt nun diese Suchbegriffe als statistische Variable. Es verwendet Ergebnisse aus Googles Zugriffsstatistik "Google Insights" und setzt sie mit Hilfe eines statistischen Verfahrens in Bezug zur monatlichen Arbeitslosenquote.
Bereits seit Herbst 2008 testet das Institut verschiedene statistische Variablen. Es hat die eigenen Ergebnisse rückwirkend bis 2004 mit Arbeitslosendaten abgeglichen - offenbar mit Erfolg. "Zu unserer Überraschung haben wir festgestellt, dass man mit wenigen Variabelen-Gruppen die Entwicklung der Arbeitslosigkeit mit hoher Präzision erfassen kann", erläuterte Zimmermann SPIEGEL ONLINE.
Das Institut könne inzwischen eine recht zuverlässige Prognose für die Arbeitslosigkeit des Folgemonats erstellen. In den meisten vergangenen Monaten habe das Google-Verfahren funktioniert. Nur im Februar 2009, als die Kurzarbeit exorbitant hoch angestiegen ist, sei das Ergebnis verfälscht gewesen, so Zimmermann.
Unterm Strich brüstet sich das DIW damit, mit der eigenen Methodik Jobmarkttrends schneller erfassen zu können als die Bundesagentur für Arbeit. Wenn deren Chef Frank-Jürgen Weise jetzt verkünde, wie in diesem Monat die Arbeitslosigkeit gewesen sei, "dann können wir schon sagen, was er vier Wochen später sagen wird", sagt Zimmermann.
Das liege vor allem daran, dass die Arbeitslosenquote eines Monats in der Regel an seinem Ende verkündet wird - und dass das DIW herausgefunden haben will, dass diese Daten am besten mit der Google-Internetaktivität der zweiten Hälfte des Vormonats korrelieren.
Der DIW-Chef scheint sich seiner Sache recht sicher zu sein. Er wagt in einer aktuellen Mitteilung zu dem Statistikverfahren eine erste Prognose: Demnach wird die Erholung des deutschen Arbeitsmarkts im Mai auch im Juni fortsetzen.
Momentan sind die Daten, die das DIW im Internet erhebt, allerdings noch nicht auf die Nachkommastelle genau. Die drei Prognoseszenarien, auf deren Basis das Institut die eigene Arbeitslosenquote errechnet, schwanken doch noch relativ deutlich über oder unter der amtlichen BA-Kurve. Bei einem Graph, der für Millionen Jobs abbildet, ist das nicht ganz unerheblich. Hier zählt jede Nachkommastelle.
Dennoch könnte der DIW-Vorstoß den Diskurs darüber, wie sich das Internet für die Erhebung statistischer Daten nutzen lässt, bereichern. Ob es so weit kommt, hängt davon ab, als wie zuverlässig sich die Google-Methode letztlich erweist.
DIW-Sprecher Carel Mohn merkte an, dass es sich bei der Erhebung bislang um einen Testballon handle. "Es geht uns momentan darum, das Verfahren in die Diskussion zu geben", sagt er SPIEGEL ONLINE. Die Zuverlässigkeit der Google-Erhebungen müsse über einen längeren Zeitraum getestet werden.
Sollte sich das Verfahren letztlich als belastbar erweisen, könnte das DIW eine wichtige zeitliche Lücke in der Arbeitslosenstatistik schließen. Bislang hinken die Erhebungen dem Jobmarkt stets hinterher - künftig ließen sich Trends vorab erkennen.
Google jedenfalls zeigte sich über die unerwartete PR erfreut. Am Donnerstag ist Hal Varian, Chefökonom des Suchmaschinenriesen, im Berliner DIW zu Gast - und lässt sich von den Konjunkturexperten das Verfahren vorführen.
Google selbst bedient sich intern übrigens ganz ähnlicher Methoden. Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Konzern die Kündigungswahrscheinlichkeit seiner Belegschaft per Algorithmus ausrechnet. Der Suchmaschinenriese will damit nach eigenen Angaben den Talentschwund im eigenen Konzern eindämmen. Man habe durch den Algorithmus unter anderem Mitarbeiter identifiziert, die sich unterfordert fühlen - da dies ein Hauptmotiv für Kündigungen sei, könne man nun gezielt gegensteuern.
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---Zitat--- Demnach werde sich die überraschende Erholung des deutschen Arbeitsmarkts im Mai auch im Juni fortsetzen. ---Zitatende--- Oh, das weiß das DIW jetzt schon? Wurden denn für Juni schon neue Methoden entdeckt, wie man [...] mehr...
Keine Frage, diese und unzählige weitere Möglichkeiten des Data Mining im Google Datenpool bieten nicht nur exzellente Geschäftsmöglichkeiten, sondern verleihen auch Macht. Google kann dadurch ein wenig die Zukunft vorhersagen. [...] mehr...
interessant auch in dem zusammenhang: http://www.google.com/insights/search/#geo=DE&q=stellen+angebot&cmpt=geo bzw. abwandlungen http://www.google.com/insights/search/#q=stellen%20angebote&geo=DE&cmpt=geo [...] mehr...
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