Hamburg - Die Vision ist so attraktiv wie schillernd: Es geht um die Nutzung der brennenden Sahara-Sonne als ewige Energiequelle - für Afrika und Europa. Und um die Unabhängigkeit von Öl, Kohle und Gas, von Petrokratien wie Russland, die ihre Energie schon öfter als Druckmittel eingesetzt haben, um eigene Interessen durchzusetzen.
Durch den Bau riesiger Sonnenkraftwerke in der nordafrikanischen Wüste soll nahezu unbegrenzt Energie produziert werden, CO2-neutral und zu stabilen Preisen. Das Projekt trägt den Namen Desertec. Mindestens 15 große Konzerne und Institutionen - darunter die Energiekonzerne E.on und RWE - haben sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen und wollen die Finanzierung und Durchführung des ambitionierten Energiekonzepts prüfen. Die Kosten bis 2050 werden von Wissenschaftlern auf mehr als 400 Milliarden Dollar taxiert.
Der Energie-Riese Vattenfall ist bislang nicht mit im Boot - Konzernchef Lars Josefsson hält das Projekt nach eigenen Angaben für unrealistisch. Die für das Projekt benötigten Milliarden seien "verdammt viel Geld", sagte Josefsson der "Financial Times Deutschland". "Zudem wären die Transportkosten sehr hoch. Ich halte das nicht für realistisch", sagte er. Hinzu komme das Risiko terroristischer Anschläge. "Europa muss seinen Strom in Europa erzeugen", sagte Josefsson.
Mit denselben Argumenten hatten zuvor schon Lobbyisten gegen das Projekt gewettert. Josefssons Haltung allerdings wirkt aus einem speziellen Grund besonders problematisch: Der Vattenfall-Chef ist seit kurzem Klimaschutzberater der Vereinten Nationen. Bereits seit längerem berät er zudem Kanzlerin Angela Merkel in Sachen Klimaschutz.
Trotz seiner Ämter aber und trotz der jüngsten Kritik der schwedischen Regierung an Vattenfalls Unternehmenspolitik will Josefsson weiter an Kohlekraftwerken festhalten. "Vattenfall wird auch 2050 noch Kohlekraftwerke betreiben", sagte er der "FTD". Diese müssten allerdings mit neuester CCS-Technologie betrieben werden, mit deren Hilfe sich CO2-Emissionen unterirdisch lagern lassen. Technologisch ist dieses Verfahren weitgehend erprobt, wirtschaftlich aber halten Branchenkenner es für kaum realistisch - wegen der immensen Kosten, die der Umbau herkömmlicher Kohlekraftwerke verschlingen würde.
Desertec-Konsortium tagt Mitte Juli
Das Desertec-Konsortium trifft sich am 13. Juli zu seiner konstituierenden Sitzung. Nach Agenturberichten und Angaben von Branchen-Insidern haben bisher folgende Konzerne, Personen und Institutionen ihre Teilnahme zugesagt:
Auch die Teilnehmer selbst hatten vor verfrühter Euphorie gewarnt. Schwerpunkt des geplanten Treffens sei eine "vertiefte Prüfung und Machbarkeitsstudie", sagte ein RWE-Sprecher. Ein Sprecher der Deutschen Bank sagte, das Projekt sei grundsätzlich sehr interessant, betonte aber, es gebe noch keine konkreten Abmachungen.
Ein Münchener-Rück-Sprecher sagte, die Rollenverteilung und die Finanzierung des Projekts seien noch völlig offen. Ziel sei es, innerhalb von drei Jahren einen konkreten Umsetzungsplan für den Bau solarthermischer Kraftwerke zu entwickeln. Denkbar seien Solarkraftwerke an mehreren Standorten in Nordafrika.
Fest steht bislang nur: Die Technologie, die das Konsortium einsetzen will, ist relativ erprobt. In Spanien und in der kalifornischen Mojave-Wüste werden bereits erfolgreich solarthermische Anlagen betrieben. "Wir reden über Technologie, die seit den achtziger Jahren weitgehend störungsfrei im Einsatz ist", sagt ein Sprecher von Schott-Solar.
Branchenkennern zufolge spekulieren einige Mitglieder des Desertec-Konsortiums bei der Umsetzung des Projekts auf Staatshilfen. Tatsächlich ist es ihnen nach aktuellen EU-Richtlinien ausdrücklich erlaubt, Fördergelder für Energie-Projekte außerhalb des alten Kontinents zu beantragen. Unterstützung gewährt die EU beispielsweise bis Ende 2016 für den Bau von Stromleitungen.
In Deutschland hätten es Konzerne dagegen schwer, an Fördergelder zu kommen. "Eine Finanzierung über Kapital, das im Rahmen des Erneuerbaren Energiegesetzes gewährt wird, fällt weg", sagt Wolfram Krewit vom DLR. Diese würde nur für inländische Projekte gewährt. "Es gibt aber bereits Diskussionen, Förderkonzepte für Energieimport auf der Basis des EEG zu entwickeln."
Keine energiepolitische Kolonisierung
Die eigene Energiebilanz könnte die EU durch das Projekt Desertec deutlich verbessern. Nach Angaben der Münchener Rück soll Europa 15 Prozent seines Strombedarfs aus den Wüsten-Kollektoren speisen.
Die aktuelle Darstellung des Energie-Konsortiums legt den Schluss nahe, dass Europa Afrika sozusagen energiepolitisch kolonisiert. DLR-Experten halten das für irreführend: "Das Konzept dient vor allem auch dazu, dass die Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens ihren wachsenden Strombedarf auf nachhaltige Weise decken", sagt Franz Trieb, der zusammen mit Müller-Steinhagen das Konzept erarbeitet hat.
Weitgehend einig sind sich die Experten indes darüber, dass der Wüstenstrom gute Verkaufschancen hat. Nach Berechnungen des Branchen-Magazins "Photon" dürfte Solarstrom aus der Wüste im Jahr 2020 in Deutschland etwa sechs Cent pro Kilowattstunde kosten - durchgehend, denn sind die Anlagen einmal errichtet, bleiben die Kosten der Energieerzeugung stabil.
Im internationalen Wettbewerb könnte der Wüstenstrom damit gut bestehen: Aktuell schwankt der Preis für eine Kilowattstunde regulären Stroms an Energiebörsen zwischen 2,5 und fünf Cent - und das sind Niedrigpreise. "Und fast alle Experten gehen davon aus, dass die Energiekosten in den kommenden Jahren deutlich steigen werden", sagt "Photon"-Sprecher Bernd Schüßler.
Wer jetzt in Solarstrom investiert, könnte also schon bald Milliarden verdienen - viele Arbeitsplätze in Deutschland schafft er allerdings nicht. Branchenspezialisten gehen davon aus, dass nur die Prototypen für Desertec in Europa hergestellt werden, Massenprodukte dagegen in Niedriglohnländern.
ssu/lub/AFP
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