Solarenergie aus der Wüste
"Die Sahara-Sonne ist terrorresistent"
Stromkonzerne wollen massiv Kraftwerke in der Sahara bauen und Solarenergie nach Europa exportieren - doch Lobbyisten behaupten, die Wüste sei terrorgefährdet. Unsinn, sagt Nordafrika-Experte Wolfram Lacher: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über die wahren Risiken des Milliardenprojekts.
SPIEGEL ONLINE: Mindestens 15 Großunternehmen und Institutionen,
darunter auch deutsche Energiekonzerne, wollen riesige Solarkraftwerke in der Sahara bauen und so Strom für Europa produzieren. Was halten Sie von der Idee?
ZUR PERSON
Wolfram Lacher ist seit Februar 2007 Analyst beim internationalen Beratungsunternehmen Control Risks. Sein Spezialgebiet sind die sicherheits- und wirtschaftspolitischen Entwicklungen Nordafrikas. Zu diesen Themenkomplexen verfasste er zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze. Control Risks ist nach eigenen Angaben nicht in das Projekt Desertec involviert.
Lacher: Eine neue Quelle für Europas Energieversorgung erschließen zu wollen, ergibt im Sinne der Diversifizierung der Energiequellen strategisch sehr viel Sinn. Das Vorhaben halte ich für äußerst ambitioniert. Vieles daran ist unwägbar - aber nicht unmöglich.
SPIEGEL ONLINE: Energie-Lobbyisten sehen das anders. Vattenfall-Chef Lars Josefsson zum Beispiel warnt davor, dass die Solarkraftwerke und Stromleitungen in Nordafrika zur
Zielscheibe von Terroristen werden könnten.
Lacher: Das halte ich für nicht wahrscheinlich. Schon weil noch gar nicht geklärt ist, in welchen Sahara-Ländern Kraftwerke und Stromleitungen gebaut würden. Geeignet wären zum Beispiel Marokko und Tunesien - dort ist die Terrorgefahr vergleichsweise gering.
SPIEGEL ONLINE: Anders als in Algerien. Dort wird vor allem der Norden des Landes regelmäßig von Terroranschlägen erschüttert ...
Lacher: ... im Süden des Landes ist das Risiko von Terroranschlägen aber geringer. Viele führende Energieunternehmen fördern dort im großen Stil Öl und Gas ...
DESERTEC
Vision eines afro-europäischen Super-Stromnetzes: Energie aus der Wüste
SPIEGEL ONLINE: ... Konzerne wie Total, ENI, StatoilHydro, Repsol, Cepsa, Gaz de France, BHP Billiton, BP und Anadarko ...
Lacher: Für einige europäische Länder spielt diese Energieförderung eine große Rolle. Etwa 40 Prozent des in Italien verbrauchten Erdgases ist algerischer Herkunft, in Spanien und Portugal sind es sogar 60 Prozent. Anschläge auf Förderstätten oder Pipelines gab es dennoch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Gegen ausländische Unternehmen aber schon.
Lacher: Ja, aber nicht auf den Ölsektor im Süden des Landes. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur des Landes kaum Ziel terroristischer Anschläge war - und ich glaube nicht, dass es bei Solarkraftwerken anders wäre. Ich halte das Projekt Sahara-Sonne für ziemlich terrorresistent.
SPIEGEL ONLINE: Also ab in die Wüste?
Lacher: Ich sehe für die Unternehmen schon Risiken, wenn auch andere. Zum Beispiel, dass die nordafrikanischen Regierungen die Bedingungen für ausländische Investoren verschärfen. In Algerien etwa dürfen Ausländer seit einer Weile nur bis zu knapp 50 Prozent der Anteile an Projekten im Land halten.
SPIEGEL ONLINE: Inwieweit stärkt das Projekt Desertec die afrikanische Verhandlungsposition gegenüber der EU?
Lacher
: Das Projekt dürfte Gegenstand langwieriger Verhandlungen der Regierungen mit den Investoren und der EU werden. Nordafrikanische Regierungen könnten die Bedingungen für das Projekt als Druckmittel einsetzen, um eigene Interessen in anderen Themenbereichen durchzusetzen. Etwa bei der Migrations- oder Exportpolitik.
SPIEGEL ONLINE: Wissenschaftler taxieren die Gesamtkosten von Projekt Desertec bis 2050
auf mehr als 400 Milliarden Dollar. Im Konsortium hofft man darauf, dass die EU die Förderung von Solarstrom in der Wüste subventioniert. Bundeskanzlerin
Angela Merkel hat angedeutet, dass dies denkbar sei. Auch EU-Kommissionspräsident
José Manuel Barroso lobt das Projekt. Wie stehen die Chancen für Fördergelder?
Lacher
: Eher schlecht. Zwar hat die EU ein strategisches Interesse daran, Energie aus möglichst vielen Quellen zu gewinnen. Die Förderung von Solarstrom dürfte sie allerdings zunächst in Europa erhöhen. In Südspanien und vor allem in Griechenland liegen noch viele Kapazitäten brach. Es liegt nahe, dass die EU erstmal die eigenen Sonnenäcker bestellt.
STROM AUS DER WÜSTE
Die Energie der Sonne bietet ein riesiges Potential: Pro Jahr gehen 630.000 Terawattstunden an ungenutzter Sonnenstrahlen-Energie auf die Wüsten in Nahost und Nordafrika nieder. Zum Vergleich: Ganz Europa verbraucht pro Jahr etwa 4000 Terawattstunden.
Würde man auf etwa 20.000 Quadratkilometern der nordafrikanischen Wüste Solarthermie-Kraftwerke aufstellen, ließe sich daraus theoretisch so viel Strom gewinnen, um den Bedarf Europas zu decken. Der gewonnene saubere Strom würde mit Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen nach Europa transportiert werden.
Das Prinzip kennt jeder, der einmal mit einem Brennglas Löcher in Papier gebrannt hat: Gebündelte Sonnenstrahlen, von Parabolrinnen-Spiegeln konzentriert, erhitzen Wasser, Dampf treibt Turbinen an, und die erzeugen Strom. So funktioniert ein Solarthermie-Kraftwerk. Auch bei Nacht: In Salzspeichern kann die am Tag erzeugte Wärme für einige Stunden festgehalten werden. So können die Turbinen auch laufen und Strom erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint. Die Technologie ist alt und bewährt: In Kalifornien erzeugen Solarthermie-Kraftwerke seit den achtziger Jahren Strom. In Südspanien wurden kürzlich drei neue Kraftwerke gebaut.
Solarthermie hat Vorteile gegenüber Photovoltaik: Sie ist günstiger und nicht so wartungsintensiv. Außerdem benötigen Solarzellen teure Speicher für den Strom, um eine Versorgung bei Nacht zu gewährleisten. Dafür produzieren Solarzellen direkt Strom, wohingegen mit Solarthermie der Umweg über Wärme und Turbinen gegangen werden muss.
Nachts scheint keine Sonne, in Flüssigsalz-Speichern kann man einen Teil der tagsüber solarthermisch erzeugten Wärme aber chemisch speichern - derzeit bis zu acht Stunden lang. So können die Turbinen auch nachts laufen, die Stromversorgung ist durchgehend gesichert.
Um den Strom über eine Distanz von 3000 Kilometern nach Europa zu transportieren, braucht man Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen (HVDC). Normale Wechselstrom-Leitungen sind zu verlustreich. HVDC-Leitungen haben einen Verlust von etwa drei Prozent auf 1000 Kilometern. Auch diese HVDC-Technologie ist vorhanden und erprobt.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat in einer
Machbarkeitsstudie errechnet, dass bis zum Jahr 2050 etwa 400 Milliarden Euro nötig wären, um so viel Solarthermie-Kraftwerke zu bauen, dass Europa 15 Prozent seines Strombedarfs damit decken könnte. 350 Milliarden Euro würden die Kraftwerke kosten und etwa 50 Milliarden Euro das Leitungsnetz, um den Strom von Nordafrika nach Europa zu transportieren.
Solarthermie ist Low-Tech - zuverlässig und risikofrei. Die Kraftwerke können nicht explodieren, es entsteht kein radioaktiver Abfall oder klimaschädliches CO2 und man braucht keine Kohle, kein Öl und kein Uran, um sie zu betreiben. Geht ein Spiegel-Modul kaputt, wird es einfach ausgetauscht - der Betrieb des Kraftwerks ist nicht gestört. Ein weiterer großer Vorteil: Baut man die Kraftwerke in Küstennähe, könnten mit dem Strom auch Meerwasser-Entsalzungsanlagen betrieben werden und dringend benötigtes Wasser für die nordafrikanischen Länder produziert werden. Politisch und wirtschaftlich gesehen könnten die Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas auf dem Exportgut sauberer Strom eine solide Wirtschaft und Wohlstand aufbauen.
Kritiker sehen die Gefahr von Abhängigkeit von den politisch eher instabilen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Zudem könnte das Leitungsnetz Ziel von Terroristen sein - die Stromversorgung Europas wäre im Falle eines Anschlags gefährdet. Politische Hürden bestehen vor allem darin, dass für eine Umsetzung des Desertec-Konzepts die Zusammenarbeit sowohl vieler europäischer Staaten untereinander erforderlich ist als auch mit Nordafrika und dem Nahen Osten. Diese Beziehungen sind allerdings historisch belastet.
Das Interview führte Stefan Schultz