Hamburg - Deutschland steht möglicherweise vor der größten Pleitewelle der Nachkriegszeit. Zwei von drei Insolvenzverwaltern erwarten laut einer Umfrage, dass 2009 mehr Firmen in die Pleite rutschen als im bisherigen Rekordjahr 2003. Damals meldeten 39.320 Unternehmen Insolvenz an. Das ergab eine Umfrage der Kreditversicherung Euler Hermes und des Zentrums für Insolvenz und Sanierung (ZIS) an der Universität Mannheim. Rund ein Drittel der Insolvenzen sei auf die Finanzkrise zurückzuführen.
"Das Schlimmste liegt noch vor uns", sagte der Vorstandschef von Euler Hermes, Gerd-Uwe Baden. Wichtigste Ursachen für die Insolvenzen seien ausbleibende und stornierte Aufträge. Vor allem der Mittelstand sei davon betroffen, dort seien im Schnitt mehr als die Hälfte der Aufträge weggebrochen.
"Das sind Phänomene, die wir so noch nicht gesehen haben", sagte Baden. Ein Unternehmen könne noch so gut aufgestellt sein - ohne Aufträge drohe dennoch die Insolvenz. Betroffen seien vor allem Schlüsselbranchen wie Chemie, Maschinenbau, Elektrotechnik und Automobilbau nebst ihren Zulieferern.
Auch die Banken stehen in der Kritik der Insolvenzverwalter. Sie sind nach Ansicht der befragten Sanierungsexperten bei der Vergaben von Darlehen zu skeptisch. Fast 80 Prozent der Insolvenzverwalter klagen darüber, dass Banken trotz langjähriger ungestörter Geschäftsbeziehungen beantragte Kredite verweigern. "Die Banken handeln nicht rational, sondern folgen einem Herdentrieb", sagte ZIS-Direktor Georg Bitter. "Sie verzichten auf Geschäftschancen und verschärfen die angespannte Lage, um kein Risiko einzugehen."
Um die Arbeit der Insolvenzverwalter zu erleichtern und mehr Unternehmen zu retten, sollte nach Ansicht der Experten der Arbeitnehmerschutz während des Insolvenzverfahrens gelockert werden. Durch die gesetzliche Vorschrift, dass ein Investor alle Arbeitnehmer eines insolventen Betriebs übernehmen muss, werde oft der Verkauf vereitelt und alle Arbeitsplätze gingen verloren, sagte Bitter. Euler Hermes und das Mannheimer ZIS hatten 107 der wichtigsten deutschen Insolvenzverwalter befragt, die insgesamt 21.000 Verfahren betreuen.
tko/dpa
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