Von Hasnain Kazim
Hamburg - Die Verhandlungen um Opel entwickeln sich zum echten Poker: Wer hat den längsten Atem, wer blufft am besten, wer hat die stärksten Nerven? Vor einem Monat noch einigten sich Bund, Länder, US-Regierung und der Mutterkonzern General Motors (GM)
auf den österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna als Investor für Opel. Damit, so schien es, waren die drei anderen Interessenten für das deutsche Traditionsunternehmen - der italienische Autokonzern Fiat
, der US-Finanzinvestor Ripplewood mit seiner Tochter RHJ International und der chinesische Autobauer BAIC - aus dem Rennen.
Fiat-Chef Sergio Marchionne ließ damals mitteilen, man habe umfassende Pläne für das Unternehmen vorgelegt und sei nicht bereit, weitere Zusagen für einen Einstieg bei Opel zu machen. Vielsagend erklärte er aber, man sei dennoch "offen für weitere Gespräche" - als sei die letzte Entscheidung noch nicht gefallen.
Er hatte wohl Recht: Mehrere Interessenten für Opel machen sich einen Monat nach der Entscheidung zugunsten von Magna wieder Hoffnungen auf einen Einstieg. So berichtet die "Financial Times" (FT), dass RHJ International ein verbessertes Angebot vorgelegt habe und damit wieder "voll im Spiel" sei. Noch in dieser Woche könne der insolvente Opel-Mutterkonzern GM ein "Memorandum of Understanding", eine unverbindliche Absichtserklärung, unterzeichnen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf einen Insider. GM nehme das überarbeitete Angebot sehr ernst.
Doch auch dieses neue Angebot von RHJ ist Teil des Pokers. Fraglich ist, ob der Investor in der jetzigen Lage überhaupt die Finanzkraft aufbringt, bei Opel einzusteigen. Die weltweite Autokrise hat dem Unternehmen einen Milliardenverlust beschert. Der Fehlbetrag habe sich im Geschäftsjahr 2008/2009 bis Ende März auf eine Milliarde Euro mehr als verdoppelt, teilte RHJ International am Mittwoch mit. Die Automobilbeteiligungen hätten die rapiden Produktionsrückgänge zu spüren bekommen, hieß es zur Begründung. RHJ-Chef Leonhard Fischer erklärte, die in Brüssel ansässige und börsennotierte Beteiligungsgesellschaft habe Ende März flüssige Mittel in Höhe von 541,8 Millionen Euro zur Verfügung gehabt. Ob und wie viel Geld in eine Opel-Beteiligung fließen soll, sagte Fischer nicht.
RHJ, BAIC und Fiat bekräftigen ihr Interesse
GM-Kreise bestätigten derweil, dass auch mit den Chinesen noch Gespräche geführt würden. Demnach hätten BAIC-Vertreter ihr nach wie vor bestehendes Interesse an Opel signalisiert, das chinesische Unternehmen werde voraussichtlich noch in dieser Woche ebenfalls ein nachgebessertes Angebot für Opel vorlegen. Auch Fiat bekräftigte sein Interesse, will aber kein neues Angebot abgeben. Die Italiener waren vor allem bei den Opel-Arbeitnehmern auf Widerstand gestoßen, weil das Unternehmen im Falle einer Übernahme möglicherweise ein Werk in Deutschland schließen wollte. Fiat-Chef Marchionne garantierte später zwar in einem Interview den Erhalt aller vier deutschen Standorte, konnte damit aber Zweifel bei den Gewerkschaften und Politikern der betroffenen Bundesländer nicht ausräumen. Dennoch, heißt es jetzt, habe man sich von den Opel-Plänen nicht verabschiedet.
Magna drückt angesichts der neu aufkeimenden Hoffnungen bei den Mitbietern aufs Tempo. "Wir wollen am 15. Juli zum Abschluss kommen", sagte Magna-Chef Siegfried Wolf am Dienstag. An jedem Tag ohne Entscheidung werde "Geld verbrannt". Auch Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) drängt auf einen schnellen Abschluss und spricht von monatlichen Verlusten bei Opel von 100 Millionen Euro, die derzeit dem Steuerzahler aufgebürdet würden. Auch die Bundesregierung ist daran interessiert, das Konzept für Opel unter Dach und Fach zu bringen - ein Scheitern wäre eine Blamage für die Politik.
Magna-Chef Wolf sagte, die Verhandlungen kämen gut voran. Für das Einholen weiterer Angebote durch GM habe man durchaus Verständnis. Nach offizieller Darstellung sieht man die Gespräche mit mehreren Interessenten nicht als Störfeuer. Nur hinter vorgehaltener Hand heißt es, GM wolle die Verhandlungen mit Magna torpedieren und eine Lösung noch im Juli verhindern. GM verlangt eine Rückkaufoption für Opel, Magna lehnt das ab. Der Magna-Partner beim Opel-Einstieg, die russische Sberbank, sieht den Deal daher entsprechend pessimistisch: Sie gibt offen zu, dass ein Platzen der Übernahme möglich ist.
Ungemach droht aus Brüssel
Auch in Berlin gibt es Zweifel, ob Magna den Einstieg bei Opel bewältigen kann. In den kommenden Tagen könne es zwar zur Unterzeichnung eines Vorvertrags kommen, aber die Finanzierung durch Magna sei längst nicht geklärt, heißt es in Regierungskreisen. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der einem Magna-Einstieg bislang eher kritisch gegenüberstand und für eine Opel-Insolvenz warb, hatte bereits Mitte Juni erklärt, die Bundesregierung begleite die Verhandlungen zwischen GM und Magna so, "dass sie auch zu einem Erfolg geführt werden können". Es gebe aber die Möglichkeit, dass die Gespräche scheitern - für diesen Fall sei es "im Interesse der Arbeitnehmer in Deutschland", dass man auch mit den anderen Interessenten verhandle.
Wer auch immer am Ende bei Opel einsteigt, dem Investor droht Ungemach: Die EU-Kommission hat sich über den Rettungskredit für Opel angesichts noch immer fehlender Informationen aus Deutschland noch kein Urteil bilden können. Die EU-Wettbewerbsaufsicht rechnet einem Sprecher zufolge zwar nicht mit einem Streit über die staatliche Beihilfe für die GM-Tochter. Die Kommission werde schnell zu einer Einschätzung kommen können, sobald alle Angaben vorlägen.
Kritik gibt es in Brüssel laut "Financial Times Deutschland" nicht an dem staatlich verbürgten Kredit über 1,5 Milliarden Euro, sondern an den bereits zugesagten drei Milliarden Euro an zusätzlichen Bürgschaften, die den Einstieg eines Investors, wer auch immer das sein wird, absichern sollen. Hier, heißt es, gebe es "Gesprächsbedarf".
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