Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist Thomas Tuma
Zwischen Weltrezession und Michael Jacksons Tod gibt es eine direkte Verbindung. Immerhin war Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg einer der ersten, die sich zum tragischen Ende des King of Pop geäußert haben. Ein TV-Team war vergangene Woche einfach nicht schnell genug weggerannt, bevor er sein Statement absetzen konnte.
Jackson, Gottschalk, Guttenberg, Prince: "Wir Fachleute wussten es schon lange"
Inhalt: schwerer Schlag fürs Musikgeschäft, Kampf um Massekredite bis zum Schluss, Schonmalaufjacksonkonzert-gewesen, you are not alone und absolute Einigkeit in dieser Sache mit Seehofer.
Mittlerweile sind auch alle anderen intimen Jackson-Kenner befragt worden: Berliner Promi-Friseure, "Bravo"-Redakteure, Thomas Gottschalk sowie junge Menschen, die im Fernsehen unter ihrem Namen lesen konnten, dass sie "Jacksons größter Fan" waren. Ein wenig verwirrend wirkten zunächst jene "Society-Experten", die man ebenso wenig kannte wie ihre Medien. Aber dann sagten sie ernst in die Kamera: "Wir Fachleute wussten schon lange, dass Michael die Drogen aus seinem Umfeld bekommen haben muss." Sofort waren alle Zweifel an ihrer Kompetenz wie weggewischt.
Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und
Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine
Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur
der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch
komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.
Man darf Jackson nicht nur als Ausnahmekünstler begreifen und als einzigen Menschen, an dem weiße Rüschensocken unter Hochwasserhosen nie bescheuert aussahen. Der King of Pop war ein Unternehmen, das in den vergangenen Jahren leider dramatisch an Wert verlor. Managementfehler, Kerngeschäft vernachlässigt, fragwürdige Diversifizierung in Richtung Affen-, Kinder- und Neurosenpflege, falsche Berater wie so oft.
Am Ende war die Pleite von Jackson Inc. zwar nicht mehr abzuwenden. Zugleich beweist sie aber, dass eine Firma in der Insolvenz oft die besten Geschäfte machen kann, befreit von alter Last. Die geplanten London-Konzerte wären Portokasse gewesen im Vergleich zu den jetzt erwartbaren Einnahmen, von denen viele Branchen profitieren werden: Musikindustrie, Klingelton-Mafia, Demerol-Schwarzhändler, Boulevardmedien, taiwanische Wackel-Jacko-Designer etc.
So erfolgreich wird es weitergehen. In den nächsten Tagen bieten diverse öffentliche, geheime und/oder völlig frei erfundene Obduktionsberichte ausreichend Gesprächsstoff. Man wird in Jacksons Medikamenten-Cocktail größere Mengen Blut finden.
Hat er sich selbst gerichtet aus Angst vor einem asiatischen Staatsfonds, der ihn übernehmen und zerlegen wollte? War es Mord? Dann stünden zur Wahl: der undurchsichtige Leibarzt, die Illuminati, der Rabenvater, die CIA, Osama Bin Laden. Wo hielt sich eigentlich "the artist inzwischen wieder known as Prince" (Taiwkap) auf? Denn der war früher ein paar Sommer und Winter lang Jacksons musikalischer Antipode.
In einigen Tagen folgt die Beerdigung unter Anteilnahme der gesamten Weltbevölkerung. Die Unesco ernennt Jackson trotz Einspruchs von Dresden zum Weltkulturerbe.
Dann Streit ums Erbe. Streit um die Kinder. Streit um bonbonfarbene Hartschalenkoffer und Plastiktüten voller unveröffentlichter Songs. Streit um die Gründung einer Stiftung zugunsten minderjähriger Gewaltopfer mit seltenen Pigmentkrankheiten. Streit um diverse Beicht-Bücher, die von Jacksons engsten Ex-Managern, -Friseuren, -Leibwächtern, -Kindermädchen, -Gärtnern, Geschwistern, Tournee-Kabelträger-Hilfen-Bekannten und "größten Fans" angekündigt werden.
Ab dem fünften Todestag werden im Internet Gerüchte kursieren, Jackson sei gar nicht tot, sondern lebe als Putzhilfe und Ersatzteillager in einer Klinik für plastische Chirurgie in Bukarest. Es wird sich als PR-Gag herausstellen wie so vieles. Nur gut, dass er wenigstens das alles nicht mehr mitkriegt.
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