Hamburg/Berlin - Solarstrom ist für Politik und Wirtschaft ein Mega-Thema - und das nicht nur, weil Billig-Solarzellen die Strombranche revolutionieren. Für Furore sorgt vor allem die Vision des Mega-Projekts Desertec: Mindestens 15 Großunternehmen und Institutionen, darunter die deutschen Energiekonzerne E.on und RWE, wollen riesige Solarkraftwerke in der Sahara bauen - und so Strom für Europa produzieren. Jetzt zeigt eine Studie: Das Projekt kann nicht nur die Energieversorgung nachhaltig ändern, es könnte auch Hunderttausende Arbeitsplätze schaffen.
Am 13. Juli hat die Münchener Rück zu einem Gründungstreffen der Desertec-Initiative geladen. Die Kosten, die Wissenschaftler für das Projekt veranschlagen sind enorm: Sie belaufen sich Schätzungen zufolge bis 2050 auf mindestens 400 Milliarden Euro. Doch dieser finanzielle Kraftakt dürfte sich lohnen - wer sich jetzt traut, dem winkt nach Meinung von Branchenexperten eine Traumrendite.
Wie hoch die Wertschöpfung der Unternehmen sein könnte, hat das Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace und des Club of Rome Deutschland errechnet. Das Institut hat die wirtschaftlichen Wachstumschancen für Technologien wie Parabolrinnen-Kraftwerke, Solarturmanlagen, Fresnelanlagen und Dish-Stirling-Anlagen analysiert und daraus mehrere langfristige Szenarien für den Solarsektor abgeleitet.
Die Studie prognostiziert Entwicklungen bis 2050. Angesichts dieser langfristigen Vorausschau bleibt die Aussagekraft zwangsläufig vage. Die Kernbotschaft ist dennoch klar: Egal, ob man die Zukunft des Sonnenstroms anhand von optimistischen oder pessimistischen Szenarien deute - es bestehe viel Anlass für Optimismus. So könnten deutsche Unternehmen durch den weltweiten Bau solarthermischer Kraftwerke von 2010 bis 2050 mit einer Wertschöpfung von bis zu zwei Billionen Euro rechnen, schreiben die Autoren.
Die Prognose beschreibt die Entwicklung der Branche in Fünf-Jahres-Schritten. Im moderaten Szenario startet die Entwicklung im Zeitraum von 2011 bis 2015 mit Umsätzen zwischen 8,4 und 34,4 Milliarden Euro und endet 2046 bis 2050 mit Umsätzen von 58,3 bis 239,1 Milliarden. Im ehrgeizigen Szenario betragen die Umsätze in den kommenden Jahren sogar zwischen 10,2 und 41,7 Milliarden und steigen gegen Ende der Zeitspanne auf 113,1 bis 463,7 Milliarden.
Die breite Spanne der möglichen Gewinne ergibt sich daraus, dass das Institut verschiedene mögliche Prozentanteile deutscher Unternehmen an der weltweiten Wertschöpfung im Solarenergiesektor anlegt.
Der Erhebung zufolge ist der Solarstromsektor zudem ein gewaltiger Job-Motor. Weltweit wären im Jahr 2050 zwischen 357.000 (moderates Szenario) und 582.000 (ehrgeiziges Szenario) Arbeitskräfte für den Bau solarthermischer Kraftwerke notwendig. Davon könnte die Zahl der Arbeitsplätze unter dem Dach deutscher Unternehmen im moderaten Szenario zwischen 36.000 und 146.000 und im ehrgeizigen Szenario zwischen 58.000 und 238.600 betragen. Sind deutsche Unternehmen auch in den Betrieb dieser Kraftwerke involviert, würden weitere Jobs hinzu kommen.
Greenpeace und der Club of Rome fordern die Bundesregierung daher auf, die Wettbewerbschancen für erneuerbare Energien zu verbessern und das Thema Wüstenstrom auf die Agenda des G-8-Gipfels zu setzen. "Erneuerbare Energien sind ökologisch wie ökonomisch von herausragender Bedeutung. Die Zeit für Atomkraft und Kohle ist bald vorbei", sagt Andree Böhling, Energieexperte von Greenpeace. "Solarthermische Kraftwerke können nach Windkraft und Photovoltaik zum dritten deutschen Exportschlager werden."
Es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass Greenpeace sich so durchweg positiv über das Projekt Desertec äußert. Die deutsche Umweltbewegung ist beim Thema Wüstenstrom durchaus zerstritten - nicht wenige fordern, Solarstrom zunächst vorrangig in Europa zu fördern und nicht in Afrika.
Viele Öko-Anhänger befürworten zudem eine dezentrale Förderung der Solarenergie. Dass sich Großkonzerne in Afrika die Hoheit über die Zukunft der Energiegewinnung sichern, ist ihnen daher ein Dorn im Auge.
ssu
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