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08.07.2009
 

Bankenreform

Comeback der Crash-Ideologie

Von Carsten Volkery, London

Satte Gewinne, steigende Aktienkurse, höchste Zeit für Millionen-Boni - in der Londoner City verblassen die Folgen der Finanzkrise. Von Reformeifer ist vielerorts keine Spur mehr, neue Regeln werden als lästiges Teufelszeugs bekämpft.

London - Der Film trägt den Titel "Was wäre, wenn?", er läuft im hauseigenen Kinosaal der Bank von England. Er soll Besuchern nahebringen, wie die über 300 Jahre alte Institution mit unsichtbarer Hand die britische Volkswirtschaft vor Krisen bewahrt. Stolz erklärt Gouverneur Mervyn King darin das segensreiche Wirken seiner Zentralbanker.

Finanzdistrikt in London: Beinahe-Crash des Bankensystems
REUTERS

Finanzdistrikt in London: Beinahe-Crash des Bankensystems

Das Video hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Es wurde weit vor der aktuellen Finanzkrise gedreht. Auf Zuschauer, die seit zwei Jahren fassungslos den Beinahe-Crash des Bankensystems mit verfolgen, muss das Werbefilmchen wie eine Satire wirken. Schließlich hat die Bank von England in der Krise versagt.

Man müsse den Film wohl mal austauschen, heißt es hüstelnd in der Bank. Doch allzu eilig hat man es offensichtlich nicht. Es ist nicht einmal auszuschließen, dass der Film die Krise intakt übersteht - wie vieles andere in der Londoner City auch. Es mehren sich die Anzeichen, dass der weltgrößte Finanzplatz in seinen alten Trott zurückfällt.

Neues Modewort BAB: "Bonuses are back"

Die Aktienkurse steigen, die Banken melden ordentliche Gewinne, und je mehr die Erinnerung an den großen Lehman-Schock im September verblasst, desto geringer wird der Reformeifer im Finanzdistrikt rund um die Kuppel von St. Pauls Cathedral. "Wir fallen zurück ins business as usual", klagte jüngst der Finanzexperte der Liberaldemokraten im Unterhaus, Vince Cable. "So, als sei nichts geschehen."

Auf den Sommerfesten der City wird schon wieder über Bonuszahlungen geredet - wenige Monate nachdem der gesamte Sektor vom Steuerzahler gerettet werden musste.

Die britische Presse erfand sogleich ein neues Modewort: "BAB", kurz für "Bonuses are back". Selbst die Regierung macht bei dem Spiel mit: Der neue Chef der quasi verstaatlichten Royal Bank of Scotland Chart zeigen soll einen zweistelligen Millionenbetrag erhalten, wenn der Aktienkurs unter seiner Regie auf über 70 Pence steigt.

Den 5400 Investmentbankern von Goldman Sachs Chart zeigen in London wurden satte Überweisungen in Aussicht gestellt - das Traditionshaus von der Wall Street erwartet ein Rekordjahr. Das Geschäft mit Staatsanleihen boomt, und dank des Verschwindens etlicher Rivalen konnte Goldman zum Banker des Schuldenstaates aufsteigen.

Die Wiederauferstehung von Lehman Brothers

Andere Krisengewinner wie Barclays Capital, der Investmentarm der Großbank Barclays Chart zeigen, wildern schon wieder bei der Konkurrenz. Er sehe aggressive Abwerbeversuche, sagte ein besorgter Chef der Finanzaufsicht FSA, Lord Turner, neulich im Parlament. Über 300 neue Investmentbanker hat Barclays dieses Jahr bislang eingestellt - angelockt durch üppige Konditionen. Bankchef Bob Diamond tönt, er wolle BarCap innerhalb der nächsten paar Jahre zur führenden Investmentbank der Welt machen.

Selbst die US-Investmentbank Lehman Brothers Chart zeigen, deren Zusammenbruch im September das System zum Stillstand gebracht hatte, erlebt eine rasante Wiederaufstehung. Das US-Geschäft wird von BarCap weitergeführt, das Europa-Geschäft ging an die japanische Nomura-Bank. Wie die "Financial Times" am Dienstag berichtete, will Nomura Chart zeigen bis Ende des Jahres der Top-Broker der Londoner Börse sein - so wie einst Lehman Brothers. Auf dem alten Lehman-Trading-Floor in der Canary Wharf hängen laut "Financial Times" Schilder mit dem Satz: "Das war damals, dies ist heute". Um auch physisch den Bruch mit der unrühmlichen Vergangenheit zu vollziehen, wird die Bank demnächst in neue Räumlichkeiten umziehen.

Banker-Lobby: "Die Arroganten und Gierigen sind weg"

Es scheint, als kehre das Selbstbewusstsein der einstigen Herrscher des Universums allmählich zurück. Zwar sieht die Bank von England in ihrem gerade veröffentlichten Stabilitätsbericht weiter große Risiken für den Finanzsektor. Doch macht sich ein allgemeines Gefühl der Entspannung breit. "Wir sind wie Goldfische", zitierte der "Observer" den Hedgefonds-Manager Jon Macintosh. "Wir schwimmen einmal in unserem Glas herum, und wenn wir die Runde hinter uns haben, sieht alles wieder aus wie neu."

Der frühere Staatssekretär und Arbeitgeberverbandschef Lord Digby Jones sagte der BBC, die "Arroganten und Gierigen" seien aus der City längst verschwunden. Es blieben die hart Arbeitenden, "und London braucht sie".

Geht jetzt alles wieder von vorne los? Politiker und Finanzmarktkontrolleure sind alarmiert, sie fürchten den Volkszorn. Darum mangelt es nicht an Warnungen an die Banker, jetzt bloß nicht übermütig zu werden. "Die Gesellschaft wird schockiert sein, wenn Banken große Boni bezahlen", sagte Finanzstaatssekretär Paul Myners auf der Jahrestagung des britischen Bankenverbandes.

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