SPIEGEL ONLINE: Herr Mastiaux, sind Sie ein echter Öko - oder nur grün lackiert?
Mastiaux: Wir betreiben ein kommerzielles Geschäft, sehr ernsthaft und professionell. Nur so funktioniert nachhaltiger Klimaschutz.
SPIEGEL ONLINE: Sie leiten die Sparte Erneuerbare Energien des Kohle- und Atomkonzerns E.on. Klingt nach einer Alibi-Funktion…
Mastiaux: Erneuerbare Energien sind ein strategischer Teil unseres Strommixes. Dafür haben wir klare Ziele: Unsere Erzeugungskapazitäten werden bis 2030 zur Hälfte CO2-vermindert sein und zur Hälfte komplett CO2-frei. Das ist sehr ehrgeizig - und keineswegs nur ein Alibi.
SPIEGEL ONLINE: CO2-frei hört sich gut an. Aber Sie zählen dazu auch die Atomkraft.
Mastiaux: Korrekt. Die Kernenergie gehört zu einem vernünftigen Mix dazu. Sonst lassen sich Klimaschutz, Versorgungssicherheit und bezahlbare Preise nicht in Einklang bringen.
SPIEGEL ONLINE: Der Anteil des reinen Ökostroms am E.on-Erzeugungsmix ist bescheiden…
Mastiaux: Wind und Sonne machen gegenwärtig rund drei Prozent aus. 2015 wird dieser Anteil auf elf Prozent steigen und 2030 auf 35 Prozent. Wenn man die Wasserkraft mitzählt, sind wir schon heute bei 13 Prozent. Das ist nicht gerade wenig.
SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch sagen: 87 Prozent entfallen auf Kohle, Atom und Gas.
Mastiaux: Das ist zahlenmäßig korrekt, aber man muss bedenken: Bis vor wenigen Jahren hatten wir fast gar keine erneuerbaren Energien im Portfolio. Innerhalb von zwei Jahren haben wir allein den Anteil der Windkraft verfünffacht.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Chancen der Öko-Energie zu spät erkannt?
Mastiaux: Das ist eine müßige Frage.Vielleicht hätte man zwei oder drei Jahre früher anfangen können. Wichtig ist jetzt, was in Zukunft passiert.
SPIEGEL ONLINE: Wie viel investiert E.on in die erneuerbaren Energien?
Mastiaux: Bis 2011 weltweit acht Milliarden Euro. Sie sehen an der Summe: Das ist kein Marketing, sondern ein strategisches Investment.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist der Öko-Anteil gering. Insgesamt plant E.on bis 2011 Investitionen von 30 Milliarden Euro…
Mastiaux: Bei der Erzeugung geht jeder vierte Euro in die erneuerbaren Energien. Das ist alles andere als bescheiden.
SPIEGEL ONLINE: In der kommenden Woche gründet sich das Desertec-Konsortium, das Solarkraftwerke in der Sahara bauen möchte. Wie beteiligt sich E.on an dem Projekt?
Mastiaux: Wir unterstützen diese großartige Idee und sind Gründungsmitglied.
SPIEGEL ONLINE: Um wie viel Geld geht es? Die Rede ist von 400 Milliarden Euro…
Mastiaux: Das lässt sich zu Beginn noch nicht sagen. Zunächst geht es um ein paar Millionen Euro, um die Grundlagen zu erforschen.
SPIEGEL ONLINE: Das Projekt birgt politische Risiken...
Mastiaux: Hier zählt die Bereitschaft zur internationalen Zusammenarbeit, auf der europäischen Seite und vor allem zwischen Europa und Nordafrika.
SPIEGEL ONLINE: Was kann E.on zu dem Projekt beisteuern?
Mastiaux: Wir haben gute Kontakte in der Region, zum Beispiel über den Öko-Fonds Masdar in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Und wir sind die einzigen, die bei Stromversorgung und -verteilung sowohl in Spanien als auch in Frankreich und Italien aktiv sind. Beim Netzausbau und beim Transport des Wüstenstroms nach Europa stellen wir unsere Erfahrung zur Verfügung.
SPIEGEL ONLINE: Und bei der Solartechnik?
Mastiaux: Wir können sehr viel Know-how einbringen. Wir stellen Solarmodule her, wir betreiben Solarparks, wir haben gerade ein Solarunternehmen in Frankreich gekauft - und befassen uns mit solarthermischen Kraftwerken, die bei Desertec eine große Rolle spielen werden.
SPIEGEL ONLINE: Wann geht es los?
Mastiaux: Ein kleines Pilotprojekt könnte man kurzfristig starten, aber es geht ja gerade darum, einen kommerziell umsetzbaren Plan für die Erzeugung von Solarstrom zu erarbeiten. Das wird ein paar Jahre dauern. Irgendwann in der kommenden Dekade könnte man dann mit der Umsetzung beginnen - wenn sich das Projekt tatsächlich darstellen lässt.
SPIEGEL ONLINE: Langfristig soll Wüstenstrom aus der Sahara 15 Prozent des europäischen Bedarfs decken. Ist das realistisch?
Mastiaux: Die Frage ist, wie viel Strom auf dem lokalen Markt in Afrika verwendet wird. Das hat Priorität, zum Beispiel für die Meerwasserentsalzung. Alles, was darüber hinausgeht, kann nach Europa exportiert werden.
SPIEGEL ONLINE: Für die Afrikaner kostet der Sonnenstrom vermutlich zu viel.
Mastiaux: Noch ist die Solartechnologie teurer als konventionelle Energieträger. Aber die Lernkurve ist steil - und damit die Möglichkeit, die Erzeugung deutlich zu verbilligen.
SPIEGEL ONLINE: Anfangs brauchen Sie also Staatshilfe?
Mastiaux: Das Projekt soll sich primär aus privaten Quellen finanzieren.
SPIEGEL ONLINE: Also auch aus staatlichen. Wie viele Subventionen hätten Sie denn gerne?
Mastiaux: Auf welche Weise die Regierungen das Projekt unterstützen können, steht noch nicht fest.
SPIEGEL ONLINE: Neben Desertec setzt die Ökobranche große Hoffnungen auf Offshore-Windparks im Meer. In Deutschland ist es bisher bei Plänen geblieben…
Mastiaux: Das stimmt so nicht: Wir bauen gerade mit Partnern den Windpark Alpha Ventus vor Borkum. Die ersten Fundamente sind gelegt.
SPIEGEL ONLINE: Das Projekt sollte schon im vergangenen Sommer starten. Trotzdem dreht sich in deutschen Gewässern noch immer kein Windrad - anders als in Dänemark oder Großbritannien.
Mastiaux: Die Bedingungen sind in Deutschland deutlich härter. Alpha Ventus entsteht 40 Kilometer vor der Küste, bei einer Wassertiefe von 30 Metern. Das ist technisch enorm aufwändig, aber wir haben seit dem vergangenen Jahr neue Methoden entwickelt, um erfolgreich zu bauen.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker haben den Verdacht, dass E.on und Co. die Wind-Projekte absichtlich sabotieren, um die eigenen Kohle- und Atomkraftwerke in Ruhe weiter zu betreiben.
Mastiaux: Das ist absurd und eine völlig haltlose Behauptung. E.on betreibt schon heute europaweit drei Offshore-Parks und setzt derzeit drei große Projekte um. Wir haben bisher eine Milliarde Euro in Offshore-Windparks investiert, allein Alpha Ventus kostet die Beteiligten 250 Millionen Euro.
SPIEGEL ONLINE: Kohle- und Atomkraftwerke werfen hübsche Renditen ab. Warum wollen Sie sich mit dem Windstrom selbst Konkurrenz machen?
Mastiaux: Es geht nicht um Konkurrenz. In einen sinnvollen Energiemix gehören unterschiedliche Energieträger. Aus Klima- und Ressourcengründen werden wir aber schrittweise von fossilen Energieträgern auf erneuerbare umsteigen. Diesen Übergang wollen wir sinnvoll managen.
Das Interview führte Anselm Waldermann
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Spannende Frage! Ggenläufige Tendenzen gibt es dennoch: - Elektroautos - Weitere Computerisierung - Weitere elektrische Helferlein mehr...
Ein wichtiger Gesichtpunkt, den Sie in die Diskussion einbringen und der bisher vernachlässigt wurde. Und dann gibt es noch das technologisch und finanziell machbare Einsparpotential von mindestens 30%. Nimmt man dann den [...] mehr...
Ich bezweifle mal, dass wir überhaupt mehr Energie benötigen werden. Irgendwann müssen da ja auch mal Demographiezahlen eine Rolle spielen. mehr...
Ich habe mal die betriebswirtschaftlichen Kosten für Kernkraft und PV zusammengesucht: Also vorweg - noch produziert ein AKW (abhängig von der Betrachtung) billiger Strom als eine PV-Anlage - die Details: *AKW*: _Reine [...] mehr...
Ja, hatte ich überlesen. mehr...
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