Von Yasmin El-Sharif
Hamburg - So viele Sorgen wie in diesen Tagen hat sich Michael Radick* selten um jemanden gemacht. Sein Mitarbeiter habe offenbar große Probleme, erzählt der Leiter der Entwicklungsabteilung einer Maschinenbaufirma nahe Hamburg. "Seit Monaten zeigt er keine Leistung mehr und ist unhöflich zu den Kunden." Radick hat nun Angst, dass die Kunden abspringen - ausgerechnet in der Krise. "Entweder, es tut sich schleunigst was, oder wir entlassen ihn."
Die letzte Rettung für Radicks Mitarbeiter könnte Andrea Gensel sein. Die Lübecker Betriebspsychologin hat Anfang Juni das Unternehmen CarpeDiem24 gegründet, das einen ungewöhnlichen Service bietet: eine Beratung für gestresste Mitarbeiter - 24 Stunden am Tag. Jeder Angestellte bekommt eine Karte, auf der er eine Telefon-Hotline findet. Ruft er sie an, kann er bei einem Psychologen oder Therapeuten anonym seine Sorgen und Ängste loswerden - egal, ob es um Ärger bei der Arbeit oder Probleme zu Hause geht. Reicht die telefonische Seelsorge nicht aus, kann der Mitarbeiter sich gratis beraten lassen. Der Arbeitgeber zahlt dem Anbieter eine Pauschale - in der Hoffnung, dass seine Angestellten ihre Sorgen loswerden.
Idee kein selbstloses Hilfsangebot der Konzerne
Dass Gensel gerade jetzt mit dieser Idee auf den Markt geht, ist kein Zufall. "In vielen Unternehmen schafft die Krise ein Klima der Verunsicherung und der Angst", sagt sie. Millionen von Beschäftigten sind in Kurzarbeit, Unzählige fürchten um ihre Jobs. "Da können es die Unternehmen nicht hinnehmen, dass ihre Mitarbeiter blockiert sind und nichts mehr leisten." Stattdessen müssten sie in sie investieren, so Gensels Kalkül.
So gut sich die Idee auch anhört, von der Geschäftsfrau stammt sie nicht. Ursprünglich kommt sie aus dem angelsächsischen Raum und nennt sich Employee Assistance Program (EAP) oder auch "externe Mitarbeiterbetreuung". In den USA und Großbritannien ist das Prinzip dieser Mitarbeiterfürsorge seit vielen Jahren etabliert und gehört laut Gensel für mindestens 60 Prozent der Unternehmen zum Standardangebot für ihre Mitarbeiter.
Dabei ist die Idee kein selbstloses Hilfsangebot der Konzerne. Sie investieren, weil sie verhindern wollen, dass aus privaten Problemen ihrer Angestellten Personalprobleme werden - aufgrund einer Scheidung etwa, einer Suchterkrankung oder zu großen Stresses.
Auch in Radicks Maschinenbaufirma ist die Belastung momentan groß. "Wir spüren die Krise. Unsere Mitarbeiter arbeiten kurz und machen sich Sorgen", sagt er. Das Beratungsangebot von Andrea Gensel stoße im Betrieb daher auch auf reges Interesse - wie bei dem problematischen Fall aus seiner Abteilung. Der Mitarbeiter habe persönliche Termine bei CarpeDiem24 wahrgenommen. "Wir befinden uns jetzt in einem guten Prozess", sagt Radick.
"Hätte gerne jemanden gehabt"
Dass Radick weiß, dass sich sein Mitarbeiter beraten lässt, ist allerdings eine Ausnahme. Normalerweise bleibt die externe Mitarbeiterbetreuung anonym. Ziel ist es, dass möglichst viele Arbeitnehmer von dem Angebot Gebrauch machen. Ein klarer Vorteil gegenüber der betrieblichen Beratung - vor der gerade viele Führungskräfte zurückschrecken, weil sie ihre Probleme nicht öffentlich machen wollen.
Die externe Mitarbeiterberatung hat inzwischen selbst prominente Fans in Deutschland gefunden. So engagiert sich etwa Ex-SPD-Parteichef Björn Engholm im Beirat von CarpeDiem24, weil ihn der Ansatz überzeugt: "Solange ein Mitarbeiter weiß, dass er nicht erkannt wird, traut er sich viel offener über seine Probleme zu reden." Das gelte insbesondere für Manager und andere Führungskräfte, die es im Berufsalltag nicht gewohnt seien, Schwächen zu zeigen. "In meiner politischen Karriere hätte ich gerne jemanden gehabt, der mir anonym und neutral zur Seite gestanden hätte."
Diese Rundum-Betreuung hat jedoch ihren Preis. CarpeDiem24 etwa nimmt pro Mitarbeiter und Jahr zwischen 25 Euro und 90 Euro. Die wenigen Wettbewerber, die auf dem deutschen Markt arbeiten, verlangen ebenfalls Beträge, die im zweistelligen Bereich liegen. Dazu gehören etwa das britische Unternehmen ICAS oder das Hamburger Fürstenberg-Institut, das schon seit vielen Jahren in Deutschland etabliert ist und Großkunden wie Unilever oder Shell betreut.
Der Schwerpunkt der Beratung liege bei beruflichen Problemen - etwa die Angst vor einer Kündigung, sagt Werner Fürstenberg, Inhaber des Fürstenberg-Instituts. An zweiter Stelle lägen familiäre Sorgen, wie eine Scheidung oder Probleme mit den Kindern. Danach folgten psychosomatische Erkrankungen und zuletzt Suchtprobleme. "Vor allem Leute mit Alkoholproblemen melden sich bei uns", sagt Fürstenberg.
Investition kann sich für Firmen lohnen
Seit Ausbruch der Wirtschaftskrise hätte sich die Zahl der Nutzer deutlich verstärkt, berichtet er weiter. "Die Anrufe und Besuche bei uns haben signifikant zugenommen." Die Angst in den Betrieben sei generell größer geworden, sagt Fürstenberg. "Wir begleiten die Leute, wenn sich alles um sie herum ändert und machen ihnen den Kopf frei."
Auch Marc Evers vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ist davon überzeugt, dass sich die Investition für die Firmen lohnen kann. "Es ist gut für ein Unternehmen, in die Gesundheit des Arbeitnehmers zu investieren. Denn zufriedene Mitarbeiter sind in der Regel produktiver." Der Meinung ist auch Lutz Bellmann, Arbeitsmarktexperte vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: "Die Unternehmen haben einen enormen Nachholbedarf im Bereich der Gesundheitsvorsorge ihrer Mitarbeiter." Das gelte insbesondere in der Krise.
Ob die telefonische Beratung tatsächlich 24 Stunden am Tag angeboten werden muss, bezweifelt Fachmann Bellmann allerdings. "So gut die Idee sein mag, handelt es sich dabei wahrscheinlich um einen Marketingeffekt." Eine 24-Stunden-Beratung anzubieten höre sich einfach gut an, auch wenn vermutlich kaum jemand nachts anrufe.
Gensel jedoch besteht darauf: "Gerade in schlaflosen Nächten ist es doch wichtig, mit jemandem reden zu können." Der bisherige Erfolg gebe ihr auch recht, betont sie. Erst vor wenigen Wochen gegründet, führe sie bereits Vertragsverhandlungen mit sechs Firmen. Auch Fürstenberg ist zufrieden. Um dem Beratungsandrang seit Ausbruch der Krise gerecht werden zu können, habe er zwölf neue Mitarbeiter eingestellt. "So kann die Krise auch ihr Gutes haben."
*Name von der Redaktion geändert
Auf anderen Social Networks posten:
Da beschreibt der Autor die Depression bzw. das Burnout Syndrom auf grandiose Weise. Ich bin unendlich enttäuscht, dass das Buch schon so alt ist, und es hat noch keinen Wachgerüttelt. Es handelt sich um einen Schüler der in das [...] mehr...
Um das hier zum Abschluß zu bringen: Als der "Laden" brummte, da wäre psychologischer Beistand auf meinen Deckel gegangen, in Ausnahmefällen konnte die Krankenkasse in Anspruch genommen werden. Und sehen Sie, erst [...] mehr...
Da es sich dabei um ein Benefiz händelt, steht solche Leistung natürlich auf dem Prüfstand in einer Krise wie dieser, auch in Amerika. Als ich sagte, das ist ein benefiz, habe ich nicht versucht, damit den Arbeitgeber zu [...] mehr...
...wie z.B. in den von Ihnen bemühten USA. Sie wissen, dass der Arbeitsmarkt da gerade implodiert? Sorry...ich bin nicht "wütend"! Aber ich finde eine Dienstleistung á la [...] mehr...
Ich verstehe Ihre Wut gegen Mismanagement und dessen Verursacher. Die habe ich auch. Aber in meinem Beitrag geht es nicht darum, den Arbeitnehmer zu so einer Therapie zu schicken. Ich wollte nur sagen, dass solche Leistung vom [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH