Hamburg - Keine zehn Monate ist es her, da erregten Banker noch Mitleid: In den USA gewährten Kneipen gefeuerten Mitarbeitern des Pleiteinstituts Lehman Brothers
Rabatt aufs Bier, Karrieretrainer räumten Nachlässe bei der Bewerbung für einen neuen Job ein. In Deutschland sorgten sich Gewerkschaft und Öffentlichkeit um Zehntausende Arbeitsplätze in der Branche. Vor allem aber litten Inhaber von Finanzaktien mit den Bankern; Anleger mussten zum Teil herbe Verluste hinnehmen.
Händler vor der New Yorker Börse: Vorbei mit dem Mitleid
Das Bild hat sich gewandelt. Inzwischen sprudeln die Gewinne bei vielen Geldhäusern wieder, Boni werden fließen - damit entdecken Banker teilweise die alten, verhängnisvollen Geschäftsmodelle. Ausgerechnet Politik und Währungshüter machen es möglich mit geänderten Bilanzgesetzen, niedrigen Zinsen und Bad Banks. Von der eigentlich geplanten strengeren Regulierung ist dagegen nicht viel zu sehen.
Geht also alles wieder von vorne los? Werden die Banken künftig erneut in der Lage sein, hohe Risiken einzugehen und diese in ihren Bilanzen zu verstecken? Investoren scheint diese Aussicht fatalerweise zu erfreuen.
Rückfall in alte Zeiten droht
Quasi elektrisiert nahmen sie in dieser Woche die Nachricht auf, dass Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) die
Regeln für die Eigenkapitalbilanzierung lockern will. Kaum machte der Vorschlag die Runde, griffen Anleger zu. Commerzbank-Papiere
gewannen mehr als fünf Prozent, auch die Kurse von Deutscher Bank
und Postbank
hängten Dax
und MDax
ab.
Dabei sollte das Ziel der Regelung zu denken geben: Verlieren von einer Bank gehaltene Papiere an Wert, soll dies nicht mehr offiziell das Eigenkapital schmälern. Die Institute hätten mehr Spielraum für die Kreditvergabe - aber eben auch für riskantere Geschäfte.
Aus Sicht des Frankfurter Bankenprofessors Martin Faust eine Steilvorlage für einen "Rückfall" in alte Zeiten. "Niemand hindert die Banken daran, die neuen Freiheiten für verstärkte Wertpapiergeschäfte zu nutzen", warnt er. Die Politik versuche "die Krise mit Mitteln zu bekämpfen, die für deren Ausbruch verantwortlich sind", sagt auch Bankenanalyst Dieter Hein von Fairesearch.
Das kurzfristiges Denken und der Optimismus der Bankmanager macht sich jedenfalls wieder bemerkbar: Seit Jahresbeginn haben deutsche Finanzaktien im Schnitt um 60 Prozent zugelegt, während der Dax sich in etwa auf dem Niveau von Anfang Januar befindet.
So richtig startete die Rallye im März und beschleunigte sich, als einzelne Institute später bereits erneut Milliardengewinne verkündeten. Dass diese zum Großteil auf Bilanzierungserleichterungen beruhen, trübte die Stimmung kaum.
Anleger sollten den Märkten nicht trauen
Bei der Deutschen Bank rückt die gewünschte Eigenkapitalrendite von 25 Prozent dank Milliardenerträgen im Investmentbanking wieder ins Visier von Vorstandschef Josef Ackermann. "Die 25 Prozent lassen sich erzielen, ohne dass große Risiken eingegangen werden müssen", sagte Ackermann - während Bankprofessoren mühsam versuchen, ihren Studenten das Gegenteil einzubleuen, als eine der wichtigsten Schlussfolgerungen der Finanzkrise.
Ackermann wird dagegen nicht müde, zu betonen, wie gravierend die Finanzkrise die Bankenszene verändert hat und rühmt sich einer Kernkapitalquote von gut zehn Prozent. Diese bezieht sich allerdings nur auf riskante Positionen. Bezogen auf die gesamte Bilanzsumme der Deutschen Bank in Höhe von 2,1 Billionen Euro macht das Eigenkapital (Tier 1) laut Fairesearch lediglich 1,5 Prozent aus. "Ein echter Risikopuffer ist das nicht", sagt Analyst Hein.
Anleger sollten dem Frieden an den Märkten allerdings immer noch nicht trauen. "Bankaktien bleiben hochspekulativ", so Hein weiter. "Die nächste Welle der Finanzkrise rollt bereits heran." So drohen im Kreditgeschäft aufgrund der erwarteten Insolvenzwelle massive Abschreibungen. Hein erwartet, dass viele Institute diese Phase nur mit staatlicher Hilfe überstehen.
Hinzu kommt, dass die Geldkonzerne ihre Risiken dank mancher Bilanzerleichterung weiterhin nur ungenügend offenlegen. "Man hat den Banken sogar Wege und Mittel eröffnet, dass sie noch intransparenter geworden sind", sagt Hein.
In den USA und London berichten Banker bereits wieder euphorisch von üppigen Margen, die in den alten Geschäftsfeldern zu erzielen sind. Die beginnende Berichtssaison wird Beobachtern und Analysten zufolge wieder satte Gewinne der Ex-Investmentbanken mit sich bringen, die zum großen Teil in den alten, volatilen Geschäftsfeldern erzielt werden.
Weg mit den Altlasten
Bei der Kreditvergabe an Unternehmen halten sie sich zurück, was ihnen angesichts steigender Ausfallquoten allerdings nicht immer zu verdenken ist. Manche Ex-Investmentbank in den USA sieht es wohl als zu gewagt an, sich auf ein solches, für sie neues Geschäftsfeld vorzuwagen und macht lieber weiter wie bisher.
Größere Freiheiten sind willkommen, ein neuer kultureller Ansatz und die viel beschworene stärkere Regulierung sind es eher nicht - beides lässt auf sich warten. "Das Klima hat sich radikal geändert", sagt Hein. Aus niedrigen Zinsen, Bad Banks, Bilanzerleichterungen und Bürgschaften entsteht ein Umfeld, in dem vieles wieder möglich scheint, was zuletzt noch verpönt war. "Nun könnte es sich rächen, dass die Politik den Banken die Vorteile größtenteils ohne Zweckbindung gewährt", sagt Bankenexperte Faust.
Für die Geldhäuser heißt es: Hauptsache, weg mit den Altlasten. Eine Meldung, wonach die Banken etwas mehr für ihre in eine Bad Bank ausgelagerten toxischen Wertpapiere bekommen könnten, ließ die Commerzbank-Aktie vor gut einer Woche um fast 20 Prozent steigen. Darüber, wie nachhaltig und erfolgreich das Geschäft in Zukunft sein wird, lassen solche Marktzuckungen keine Schlüsse zu.
"Es ist keinesfalls ausgeschlossen, dass sich die Geschichte wiederholt", sagt Analyst Hein zum neuen Laisser-faire-Kurs der Politik und einer möglichen neuen Blasenbildung. "Ich habe nicht den Eindruck, dass die Verantwortlichen viel gelernt haben."
Auf anderen Social Networks posten:
Mit Geld aus China. http://articles.moneycentral.msn.com/Investing/JubaksJournal/is-china-actually-bankrupt.aspx?OCID=eml_msnnl_6004.4.5.31&REFCD=emmsnnl_6004.4.5.31 mehr...
Neben EZB und noch kleinen Anteilen weitere Zentralbanken- fast vollständig Geschäftsbanken aus UK. Ohne Eigenkapitalanforderungen. Komplett finanziert (!) von der BoE. mehr...
Wer außer der FED und der BOE kauft britische Gilts? mehr...
Auch bei uns wird es wieder spannend. H. Ackermann hat für seine wundervolle Arbeit einen schönen Bonus erhalten. Nun rollt aber der Prozeß gegen den ehem. Chef der IKB an und leider ist schon wieder die Deutsche Bank als [...] mehr...
Tja, Pest oder Cholera. Staatsanleihen oder Staatsanleihen + Währung; man wird lügen bis zum Schluss. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Dax-Geflüster | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH