Von Yasmin El-Sharif
Hamburg - Seit Wochen beflügelt ein Name Industrie und Politik: Desertec. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als die Idee einer Energie-Revolution. Solarstrom aus der afrikanischen Wüste soll Europa von fossilen Energieträgern unabhängiger machen. Noch ist es eine Vision - aber in wenigen Jahrzehnten soll sie Realität werden.
Ein entscheidender Schritt in diese Richtung ist am Montag unternommen worden: Ein Konsortium aus zwölf Unternehmen schloss sich in München zu der sogenannten Desertec-Initiative zusammen. Noch im Herbst wollen die beteiligten Firmen eine Gesellschaft gründen, die das Projekt vorantreiben soll. In drei Jahren dann soll es Baupläne für die ersten Solarkraftwerke geben.
So viel zum Plan. Doch Politiker und Wissenschaftler zweifeln an der Umsetzbarkeit des Giga-Projekts. "Desertec ist eine Fata Morgana, die nicht ausreichend politisch und wirtschaftlich betrachtet worden ist", sagt SPD-Energieexperte Hermann Scheer zu SPIEGEL ONLINE. Weder sei das Projekt richtig berechnet, noch seien ernsthaft Alternativen in Betracht gezogen worden. "Schon bald wird man feststellen, dass Desertec keine Investition in die Zukunft ist."
Tatsächlich ließen die Desertec-Initiatoren rund um die Konzerne Siemens
, E.on
, RWE
, Münchener Rück
und Deutsche Bank
am Montag viele Fragen offen. Weder gab es eine Antwort darauf, wie teuer das Wüstenstrom-Projekt konkret werden soll, noch wer dafür aufkommen wird. Im Gespräch sind Kosten von rund 400 Milliarden Euro bis zum Jahr 2050.
Nach wie vor unklar ist zudem, wie die Koordination unter den zwölf Konzernen ablaufen wird und wer welchen Teil verantwortet. Auch in welchen Ländern die Kraftwerke gebaut werden sollen, wurde nicht bekanntgegeben, geschweige denn ein Termin für den Baubeginn der geplanten Solarenergie-Anlagen genannt. "Wenn es klappt, wird mit dem Bau der ersten Kraftwerke 2015 begonnen", sagte Münchener-Rück-Vorstand Torsten Jeworrek lediglich vage.
SPD-Mann Scheer überrascht das nicht: "Der Gesamtaufwand des Projekts ist kaum kalkulierbar. Die Unwägbarkeiten sind zu groß." So gebe es in der Wüste beispielsweise regelmäßig Sandstürme, die die Anlagen zerstören könnten. Auch würden die Kosten für Materialien bei der Anschaffung, aber auch durch die stetige Abnutzung in der Wüste in die Höhe schnellen.
Und nicht zuletzt brauche man für die Solarthermie-Technik Wasser. "Wo soll man das denn regelmäßig günstig herschaffen?", fragt Scheer. Die Kosten des Projekts seien letztendlich kaum aufzubringen, weil sie rasant in die Höhe schnellen könnten.
Dabei hatte das Projekt Desertec noch vor einigen Wochen einen verheißungsvollen Start hingelegt: Mitte Juni kündigte die Münchener Rück an, die Initiative an diesem Montag auf den Weg zu bringen. Grundlage dafür: Durch den Bau riesiger Sonnenkraftwerke in der nordafrikanischen Wüste soll nahezu unbegrenzt Energie erzeugt werden, CO2-neutral und zu stabilen Preisen.
Der Strom soll zunächst den afrikanischen Staaten zugutekommen. Bis 2050 sollen aber auch 15 Prozent des europäischen Bedarfs aus der Wüste stammen. Die Idee ist indes nicht ganz neu: Die Gelehrtenvereinigung des Club of Rome hatte den Vorschlag schon in den siebziger Jahren entwickelt. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) überprüfte die Technologie rund dreißig Jahre später auf ihre Machbarkeit - mit positivem Ergebnis.
Das Konsortium rund um Desertec hatte die alten Pläne wieder ausgegraben - auch angesichts der Endlichkeit fossiler Energien wie Kohle, Öl oder Gas. Kein Wunder, dass der Vorstoß der Konzerne zunächst auf positive Resonanz stieß. Selbst Nicht-Regierungsorganisation wie Greenpeace - sonst bekannt als Gegner von industriellen Großprojekten - begrüßten die Initiative. Und auch die Bundesregierung signalisierte ihre Unterstützung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte sogar Hilfen in Aussicht.
Doch am Montag ruderte auch die Regierung zurück. Deutschland und die Europäische Union könnten nur Hilfestellung bei den Rahmenbedingungen und der Anschubfinanzierung geben, sagte Staatsminister Günter Gloser (SPD). "Der Staat oder die EU können nicht all diese Finanzen aufbringen." Der wesentliche Anteil müsse von privaten Unternehmen organisiert werden.
Hans-Josef Fell, energiepolitischer Sprecher der Grünen, fürchtet nun, dass sich Desertec deutlich verzögern wird. "Was wir brauchen, ist eine klare politische Initiative, die das Projekt vorantreibt", sagt Fell zu SPIEGEL ONLINE. "So wie der französische Präsident Nicolas Sarkozy Lobbyarbeit für französische Kernkraftwerke macht, muss Merkel deutsche Solarthermie-Technik bewerben."
Der Grünen-Politiker fürchtet jedoch, dass ausgerechnet in den Reihen des Desertec-Konsortiums Bremser stecken. "Vielleicht beteiligen sich E.on oder RWE nur deshalb, um die Geschwindigkeit des Prozesses zu beeinflussen", sagt Fell. Denn käme das grüne Projekt langsam voran, hätten die Atomkonzerne in Deutschland bessere Argumente für eine längere Laufzeit ihrer Kraftwerke.
Diese Gefahr sieht Energieexperte Matthias Ruchser vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik nicht. Er warnt vielmehr vor den hohen Kosten, die der in der Sahara produzierte Strom verursachen kann: "Da derzeit der Solarstrom bei der Herstellung teurer ist als konventioneller Strom, kommt es darauf an, in den Betreiberländern Rahmenbedingungen zu schaffen, die entweder über einen erhöhten Stromeinspeisetarif oder über vom Staat festgelegte ambitionierte Quoten die Lücke zum wirtschaftlichen Betrieb schließen." Nur so würden sich die Milliarden-Investitionen für private Investoren langfristig lohnen. Derzeit kostet eine Kilowattstunde Solarstrom tatsächlich rund 18 bis 19 Cent. Konventioneller Strom kostet dagegen nur rund 2,5 bis fünf Cent pro Kilowattstunde.
SPD-Politiker Scheer, der auch Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien ist, würde das Projekt Desertec ohnehin am liebsten noch am Tag der Taufe begraben. "Für einen kleineren Teil der 400 Milliarden Euro für Desertec könnte man die gesamte Stromversorgung in Deutschland auf Erneuerbare Energien umstellen - und das in viel kürzerer Zeit."
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