Ein Kommentar von Hannes Koch
Es ist merkwürdig. Kein großes Unternehmen kommt heute ohne schicke Broschüren und wortreiche Beteuerungen aus, mit denen es seine Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt preist. Auch der Energiekonzern Vattenfall, die Commerzbank oder Lebensmittelhersteller wie Lorenz-Bahlsen machen da keine Ausnahme.
Vattenfall-Kraftwerk Krümmel, Wasabi-Nüsse von Lorenz-Bahlsen, Commerzbank in Frankfurt: Ist die Häufung der Skandale nur Zufall?
Und doch verstoßen diese Unternehmen gegen ihre Versprechen. Trotz mehrerer Pannen hat Vattenfall ein vorgeschriebenes Überwachungsgerät im Transformator des Atomkraftwerks Krümmel nicht installiert. Und bei dem Störfall vor rund zehn Tagen war es nicht der Betreiber, der die Atomaufsicht informierte, sondern die Polizei. Professionelles Sicherheitsmanagement sieht anders aus.
Lebensmittelhersteller wie Lorenz-Bahlsen schließlich mengen ihren Produkten Stoffe bei, die mit natürlichen Nahrungsmitteln nur noch entfernt etwas zu tun haben. Um Produktions- und Kostenvorteile zu erzielen, führen sie die Kunden nach Ansicht von Verbraucherschützern in die Irre.
Sind das Zufälle und persönliche Verfehlungen des jeweiligen Managements?
Nein. Die tiefer liegende Ursache ist der Wunsch nach maximalem Profit, der das Handeln diktierte. "In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine Art des Wirtschaftens in den Vordergrund geschoben, die den Gewinn absolut setzt", sagt Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethiker an der Universität St. Gallen. "Es gibt eine neue ökonomistische Radikalität im Management, die mit den betriebswirtschaftlichen Lehrbuchweisheiten ernst macht."
Am lautesten verkündete diese Haltung die Finanzbranche. Dort setzte sich das Bestreben durch, eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent oder mehr zu erzielen. Wer eine Million Euro besaß, glaubte, am Ende des Jahres das Recht auf einen Gewinn von 250.000 Euro zu haben.
Um diese abenteuerlichen Vorgaben zu erreichen, musste jedes Geschäft, das man machen konnte, auch tatsächlich riskiert werden. Das Ergebnis ist bekannt: Das absolut gesetzte, isolierte, von jeglicher Selbstbeschränkung befreite Gewinnziel führte in die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise, die die Menschheit in den vergangenen 80 Jahren erlebt hat.
Ökostandards sind nicht mehr als Zuckerguss
Wenn all die Aussagen über die Verantwortung der Unternehmen in Zukunft noch einen Sinn haben soll, geht es so nicht weiter. Die neue Logik muss lauten: Nicht jedes mögliche Geschäft darf gemacht werden. Um das zu erreichen, muss der Bundestag die Verfassung der Unternehmen neu entwerfen, etwa im Aktiengesetz. Einen Ansatzpunkt kann die Idee der SPD bilden, die Firmen ausdrücklich auf das Gemeinwohl verpflichten will.
Heute sind die meisten Betriebe an den Interessen einer einzigen Gruppe ausgerichtet: den Eigentümern. Die Shareholder sind bestrebt, in Gegenwart und Zukunft möglichst hohe Renditen zu erwirtschaften. Zwar deutet sich mittlerweile eine leichte Verschiebung von hohen, kurzfristigen zu moderaten, langfristigen Gewinnzielen an. Doch dies konnte nicht die grundsätzlich herrschende Logik brechen.
Die Interessen anderer Bevölkerungsgruppen schlagen sich in der Politik der Unternehmen kaum nieder. Nur auf der theoretischen Ebene spielen Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit eine Rolle. Die praktische Umsetzung dieser neuen Werte geht in den meisten Firmen aber nur so weit, wie sie den Gewinn nicht einschränkt. Ökologische und soziale Standards sind nicht mehr als Zuckerguss.
Fundamentale soziale Rechte außer Kraft gesetzt
Beispiele sind nicht nur die risikoreichen Geschäfte der Banken, die Unfälle bei Vattenfall oder die Beimengung von Retortenkäse in Lebensmittel. Nähmen die Konzerne ernst, was die internationalen Regelwerke für Unternehmensverantwortung empfehlen - wie der Global Compact der Vereinten Nationen -, so dürften sie keine Niederlassungen in China betreiben oder Produkte von dort beziehen. Denn dort werden fundamentale soziale Rechte wie die Koalitionsfreiheit systematisch außer Kraft gesetzt.
"Man muss sich fragen, ob wir uns die Gesellschaftsform der Aktiengesellschaft in ihrer heutigen Form überhaupt noch leisten können", sagt der St. Gallener Wachstumskritiker Hans-Christoph Binswanger. Wer neuen Interessen in den Konzernen zur Geltung verhelfen wolle, müsse die Unternehmensverfassung ändern.
Bisher üben Kapital und Arbeit die Kontrolle über die Firmenpolitik aus. Nur die Eigentümer und Beschäftigten entsenden Vertreter in die Aufsichtsräte der Aktiengesellschaften. Binswanger fordert einen grundsätzlichen Wechsel - er schlägt vor, Unternehmen in Stiftungen oder Genossenschaften zu verwandeln. Diese würden von Gremien kontrolliert, in denen sich die verschiedenen gesellschaftlichen Interessen widerspiegeln.
Säßen dort Menschenrechtsorganisationen, nähme die Diskussion über mangelnde Gewerkschaftsrechte in China einen anderen Verlauf als bisher. Verbraucherschützer in den Aufsichtsräten von Lebensmittelkonzernen würden die Verwendung von künstlichem Ersatzkäse blockieren. Umweltaktivisten könnten fragwürdige interne Prüfberichte bei Vattenfall in Frage stellen. Und die kritischen Aktionäre hätten die Zustimmung zu manchem Bankgeschäft verweigert.
Damit Unternehmen nicht egoistisch, sondern pluralistisch geführt werden, muss man ihnen eine Art Gewissen implantieren. Dieses institutionalisierte Hindernis kann dazu führen, dass bestimmte Geschäfte unterbleiben. Der Gewinn wäre nicht mehr die alles beherrschende Kategorie, es entstünde eine neue Balance von Geschäft und Ethik - eine sinnvolle Ergänzung der bisherigen Gesetze.
Die gegenwärtige Rahmensetzung des Staates reicht offenbar nicht aus, um die Konzerne auf den Weg der Tugend zu führen.
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