New York - Es ist schon kurios: Da verbucht der US-Geldkonzern Goldman Sachs nach Monaten des Banken- und Börsenbebens ein sattes Quartalsplus, und dennoch regt sich Kritik. Tatsächlich sehen Experten in den wieder sprudelnden Gewinnen Anzeichen für die Rückkehr der Turbokapitalisten.
Die aktuelle Entwicklung in der Finanzwelt werfe "fundamentale Fragen" auf, sagte etwa Bankenrechts-Professor Arthur Wilmarth von der George Washington University am Dienstag. Es gehe darum, ob die Wall Street keine Lehren aus der vor zwei Jahren ausgebrochenen Finanzkrise gezogen habe - und ob sie zu ihren alten Mustern zurückkehre.
Neben Wilmarth warnten auch andere Marktbeobachter vor erneut überzogenem Gewinnstreben und zu großen Risiken. Dieses Verhalten sei der Grund für Spekulationsblasen und dadurch drohende Wirtschaftskrisen.
Zuvor hatte Goldman Sachs glänzende Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt: Mit 2,7 Milliarden Dollar (1,9 Milliarden Euro) wurde der höchste Gewinn seit den Spitzenwerten der Bank im Rekordjahr 2007 erreicht. Sogar 3,4 Milliarden Dollar waren es vor Abzug der Vorzugsdividenden unter anderem für Staatshilfen.
Weltweit waren die Werte mit Spannung erwartet worden. Zwar übertraf die Bilanz die Prognosen der Analysten, für neuen Schwung an den Märkten konnten sie aber nicht sorgen. "Die Erwartungen lagen bereits im Vorfeld der Goldman-Zahlen sehr hoch, so dass vieles schon im Markt eingepreist war", sagte ein Börsianer. Die Goldman-Sachs-Aktien lagen bei Handelsschluss in Europa leicht im Minus.
Boom im Anleihengeschäft
Grund für das Plus waren zudem vor allem satte Erträge im Geschäft mit Aktien und Anleihen. "Ehrlich gesagt ist die Konkurrenz am Markt deutlich weniger geworden", betonte Finanzchef David Viniar. Das Geschäft mit Unternehmensanleihen sowie Kredit- und Zinsprodukten und Devisen legte im zweiten Quartal demnach so stark zu wie schon seit Monaten nicht mehr. Die Erträge in der Sparte verdoppelten sich fast, weil sowohl Firmen als auch Staaten wegen der Krise Milliarden an den Kapitalmärkten aufgenommen haben. Banken verdienen dabei durch Beratung und im Handel.
Dagegen musste das Institut im klassischen Beratungsgeschäft bei Übernahmen und Fusionen Einbußen hinnehmen. Seit Beginn der Finanzkrise vor zwei Jahren gibt es kaum noch große Firmenübernahmen, was bei Investmentbanken weltweit zu sinkenden Erträgen führt.
Angesichts der Abhängigkeit vom Wertpapiergeschäft bezweifeln einige Experten, dass Goldman und andere Banken auch in den nächsten Quartalen noch hohe Gewinne schreiben können. "Entscheidend ist, wie nachhaltig diese Ergebnisse in dem Marktumfeld sind", betonte Keith Davis, Analyst bei Farr, Miller & Washington. "Die Ergebnisse sind sagenhaft. Die Lage an den Märkten ist aber noch sehr fragil", kommentierte William Smith von Smith Asset Management in New York.
Gehälter steigen
Skepsis ist also angebracht, ein stabiler Aufschwung sieht anders aus. Dabei hatte Goldman-Chef Lloyd Blankfein noch vor drei Monaten die Praktiken seiner Branche als "selbstsüchtig" und "gierig" bezeichnet - und eine Reform des Bankenwesens angemahnt. Unter anderem forderte Blankfein eine neue Form der Managerbezahlung.
Doch davon ist jetzt keine Rede mehr: Bei der Veröffentlichung der Quartalszahlen am Dienstag teilte Goldman Sachs mit, dass die Verdienste im zweiten Quartal binnen Jahresfrist um 47 Prozent auf 6,65 Milliarden Dollar stiegen. Pro Angestelltem seien im Durchschnitt 226.156 Dollar gezahlt worden. Werden diese Zahlungen über das Jahr beibehalten, verdient jeder Mitarbeiter 2009 im Schnitt 904.624 Dollar. Die alten Rollenmuster scheinen langsam wieder zu funktionieren.
Nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers hatte sich Goldman wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten von einer reinen Investmentbank in eine Geschäftsbank umwandeln müssen, um besseren Zugang zu staatlichen Hilfen zu erhalten. Dennoch ist Goldman insgesamt deutlich besser durch die Finanzkrise gekommen als die meisten Konkurrenten. Im vergangenen Monat zahlte die Bank ebenso wie andere große Institute die staatlichen Hilfen an die Regierung zurück.
yes/Reuters
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