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15.07.2009
 

Wall-Street-Renaissance

Krisenbanker setzen wieder auf Risiko

Von Marc Pitzke, New York

Goldman Sachs schreibt Milliardengewinne, die Wall Street schüttet hohe Boni aus, dubiose Finanzprodukte werden erneut in großem Stil gehandelt: Die Risiko-Banker sind wieder da, als hätte es die Wirtschaftskrise nie gegeben. Experten warnen vor der Rückkehr der Gier - und neuen Exzessen.

Wer an der Wall Street nach Zeichen der Finanzmacht sucht, findet wenig. Vor der New York Stock Exchange wehen zwar weiter die Werbebanner: "NYC - Finanzhauptstadt der Welt." Sonst aber sind die meisten Investmentfirmen verschwunden - pleite, verkauft, in billigere Viertel gezogen. Ihre Hochhäuser wurden in Luxusapartments umgewandelt, deren Besitzer in den einstigen Canyons des Cashs nun ihre Hunde ausführen.

Börsenhändler an der Wall Street: Es geht wieder zu wie früherZur Großansicht
DPA

Börsenhändler an der Wall Street: Es geht wieder zu wie früher

Die einzige Erinnerung an frühere Zeiten, die sich in dieser Gegend neben der Börse noch gehalten hat, ist Goldman Sachs mit seinem massiven, rostbraunen Wolkenkratzer ein paar Straßen weiter. Die Goldman-Banker, erkennbar an ihren Designeranzügen, sind die letzten Mohikaner des Financial Districts. Inmitten all der Touristen und Privatanwohner wirken sie fast wie Statisten in einem Film.

Doch der Eindruck trügt. Die Kulisse mag sich nach außen hin geändert haben. Dahinter aber geht es längst wieder zu wie früher.

Das zeigte sich am Dienstag. Da trafen sich ein paar Goldman-Jungs nach Dienstschluss in der Stone Street, einer Kopfsteingasse im Schatten ihres Hauptquartiers. Es war ein lauer Sommerabend, in den Kneipen und Freiluftrestaurants herrschte Vollbetrieb, der "Waterstone Grill" lockte mit einer "Wein-Nacht" ("alle Flaschen zum halben Preis"). Die Goldman-Gruppe scharte sich um einen Stehtisch und prostete sich zu. "Gute Arbeit geleistet!", rief einer in die laute Runde.

In der Tat: Nur Stunden zuvor hatte Goldman die Ergebnisse des vergangenen Geschäftsquartals verkündet. Und die überraschten selbst die kühnsten Kaffeesatzleser: Fast 14 Milliarden Dollar Umsatz, 2,7 Milliarden Dollar Gewinn, vor Ausschüttung der Vorzugsdividenden sogar ein Plus von 3,4 Milliarden Dollar - die besten Zahlen seit dem Rekordjahr 2007. "Bulle im Bärenmarkt", betitelte die Analystenfirma Meredith Whitney einen Goldman-Report.

Goldman Sachs ist wiederauferstanden aus den Ruinen der Finanzkrise. Die einst mächtigste Bank der Wall Street, nach Worten ihres Vorstandsvorsitzenden Lloyd Blankfein vom kollektiven Absturz der Branche "zutiefst gedemütigt", ist jetzt wieder die mächtigste Bank der Wall Street.

Doch nicht nur Goldman jubelt: Ringsum benimmt sich die gesamte US-Finanzwelt langsam wieder so, als habe es die vergangenen zwei Crash-Jahre nicht gegeben. Das werfe freilich "eine fundamentale Frage" auf, gibt der Wirtschaftsjurist Arthur Wilmarth von der George Washington University zu bedenken. "Halten wir es für erstrebenswert, zum Status Quo zurückzukehren?"

Noch steht die Renaissance auf tönernen Füßen. Der Rest der US-Wirtschaft steckt weiter in der Rezession, die Arbeitslosenquote steigt, Washington debattiert sogar über ein zweites Konjunkturprogramm.

Auch von den alten US-Investmentbanken ist keine mehr übrig: Lehman Brothers wurde liquidiert, Bear Stearns und Merril Lynch wurden verscherbelt, Goldman Sachs und Morgan Stanley in ganz normale Geschäftsbanken umgewandelt.

Und doch: Hinter den kaputten Fassaden gärt die alte Gier. Auch wenn die anderen Großbanken vorerst kaum an Goldmans Goldrausch anknüpfen können: Überall werden wachsende Umsätze vermeldet, neue Boni ausgeschüttet, neue Investmentprodukte erfunden, die keiner versteht außer denen, die sie erfinden. Die Schatten des langen Rezessionswinters scheinen verflogen, die Lehren der Vergangenheit vergessen.

"Das Geschäft an der Wall Street läuft wieder", staunen die Branchenchronisten des "Wall Street Journal". Die "New York Times" beschreibt die Lage mit den Worten des Analysten Brad Hintz von der Finanzverwaltungsfirma Sanford Bernstein: "Sie beginnen wieder zu sündigen."

Exorbitante Bonuszahlungen waren vor kurzem noch ein Reizthema. Jetzt schicken sich die großen Finanzfirmen wieder an, fast so hohe Gehälter und Prämien zu verteilen wie vor der Krise. Allein im ersten Quartal legten die sechs größten US-Banken - allesamt mit Staatsgeldern "gedopt" - insgesamt 36 Milliarden Dollar für Kompensationszahlungen bereit. "Die Wall Street ist realistisch", sagte Sandy Gross von der Recruiting-Firma Pinetum in der "New York Times". "Man muss sein Humankapital halten." Gehaltsspezialist Steven Eckhaus fürchtet sogar eine Rückkehr zu alten Exzessen: "Ich sehe Deals, als sei es 2007", sagte der Notar dem "Wall Street Journal".

Selbst der marode Versicherungsgigant AIG Chart zeigen, dessen Bonusorgien im März lautstarke Demonstrationen auf den Plan gerufen hatten, muckt wieder auf: Er bat Washington jetzt um den Segen für eine neuerliche Bonus-Runde. "Das soll wohl ein Witz sein", reagierte die US-Dienstleistungsgewerkschaft SEIU entsetzt.

Genehmigen muss das Ken Feinberg, der vom Weißen Haus bestallte "Gehalts-Zar". Er zeichnet alle Gehälter jener Banken ab, die Staatsgelder bekommen haben. Kein Wunder, dass Goldman und JPMorgan Chart zeigen die Regierungsmilliarden schon schnellstes zurückgezahlt haben. So können sie nun wieder schalten und walten, wie sie wollen.

"Alles ist beim Alten geblieben"

Aber selbst diejenigen, die noch am Tropf Washingtons hängen, haben relativ freie Hand. So beschwerten sich die Top-Demokraten im Kongress diese Woche in einem geharnischten Brief an US-Finanzminister Tim Geithner über "den Mangel an Transparenz und Haftung" sowie die "Anfälligkeit für Betrug", die das Wall-Street-Rettungsprogramm dieser Tage offenbare - ohne dass die Regierung eingreife.

Und so geistert auch ein altes Schreckgespenst wieder umher - die Lust am Risiko. Bei Goldman schoss das Value-at-Risk - eine Kennziffer für den maximal möglichen Verlust pro Handelstag, die als Maßstab der Risikobereitschaft gilt - vom ersten aufs zweite Quartal um sagenhafte 58 Prozent nach oben. Es war vor allem diese Bereitschaft zur Gefahr, die Goldmans Kassen jetzt wieder füllte.

Risiko führte die Sparte einst in die Krise, Risiko soll sie jetzt retten. "In vieler Hinsicht", sagt Barclays-Analyst Roger Freeman resigniert, "ist alles beim Alten geblieben."

Er bezog das auf Goldman, doch es könnte das Motto der ganzen Branche sein. Investmentprodukte wie Collateralized Debt Obligations (CDO), die Hypothekendarlehen weiterverwerten, sind plötzlich wieder im Kommen - obwohl sie das Kredit-Kartenhaus gebildet hatten, das im Herbst zusammenfiel.

Die Banken verpacken sie nur neu, mit neuen Namen. "Jemand macht etwas, und es scheint magische Kräfte zu haben", sagt Sylvain Raynes von der Consultingfirma R&R. "Dann sagen andere: Hey, das machen wir auch."

Die Rating-Agenturen, bisher unbehelligt von den staatlichen Aufsehern, versehen diese "neuen" Kreditvehikel prompt mit ihrem Gütesiegel AAA. "Schwindelerregend", empörte sich der Blogger Choire Sicha. "Als wäre es 2003, und alles wäre wieder neu und funkelnd."

Selbst Alan Schwartz, der letzte, verhasste "Untergangs-CEO" von Bear Stearns, ist plötzlich wieder im Rennen - als designierter Chairman der Investmentfirma Guggenheim Partners. Sein Kommentar dazu, kolportiert vom "Wall Street Journal": "Das Schicksal hat mir eine Gelegenheit gewährt, von vorne anzufangen."

Auch Goldman Sachs, der Gewinner der Woche, plant einen Neuanfang. Ende des Jahres will die Bank eine neue Zentrale beziehen, einen 43-stöckigen, blitzenden Wolkenkratzer in der Battery Park City, jenseits von Ground Zero. Kosten: 2,4 Milliarden Dollar.

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