Wirtschaft



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22.07.2009
 

Deutsche Manager

Narzisst in der Kommandozentrale

Von Eva Buchhorn, Michael Machatschke und Klaus Werle

Zwischen Egotrip und Depression: Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise legt die seelischen Abgründe vieler Führungskräfte bloß. Zu schaffen macht den Managern vor allem die Abwertung ihres Berufsstands in der Öffentlichkeit - und das Eingestehen der eigenen Ohnmacht.

In der peinlichsten Stunde seiner Karriere lief Klaus Zumwinkel, 65, noch einmal zu Hochform auf. Wegen Steuerhinterziehung stand er vor Gericht. Doch er dozierte, als sei nicht die Staatsgewalt sein Zuhörer, sondern ein Pulk von Lehrlingen im Schulungsheim der Post.

HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher: Ein großes Publikum rätselt über die mentale Verfassung von ManagernZur Großansicht
ddp

HSH-Nordbank-Chef Dirk Jens Nonnenmacher: Ein großes Publikum rätselt über die mentale Verfassung von Managern

Weitschweifig erklärte der gestürzte Konzernherr dem Richter, welch eindrucksvolle Karriere er absolviert habe, wie kühn sein Aufbauwerk bei der Post gewesen sei, wie viele Milliarden seine Taten den Bürgerinnen und Bürgern gespart hätten. Subtext: Wer den Göttern so nahe steht, dem sollte man eine profane Steuersünde doch wohl nachsehen.

Ein anderer hatte in seiner Amtszeit den Bescheidenen gegeben: Georg Funke, 54, ehemals Chef des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE). Im Foyer des Unternehmens in München hingen billige Kunstdrucke von der Sorte, die man im Möbelhaus kauft. Das Chefbüro bot kaum Platz für einen Besprechungstisch. Funke schien Maß zu halten - doch nach seinem Rauswurf langt er umso ungenierter zu. Derzeit klagt der Banker gegen seinen alten Arbeitgeber auf 150.000 Euro Gehalt, die ihm angeblich noch zustehen, auf weitere 3,5 Millionen Euro Gehalt bis zum Ende seines Vertrags und 560.000 Euro Pension jährlich. Dass er denkbar schlechte Arbeit geleistet hat, dass die HRE ohne massive Staatsbürgschaften schlicht pleite wäre, Funke scheint's nicht zu kümmern - oder nimmt er es schlicht nicht wahr?

Aberwitzige Summen trotz miserabler Leistungen

Ein großes Publikum rätselt über die mentale Verfassung von Managern und Ex-Managern wie Zumwinkel und Funke. Gegen Selbstzweifel scheinen sie immun. Im krassen Unterschied zu einer anderen prekären Fraktion der Wirtschaftsführer - sie offenbart sich allenfalls im ganz kleinen Kreis. Einer Gesprächsgruppe in der Nervenklinik zum Beispiel.

Herbert Claus, 45 (Name von der Redaktion geändert), Manager diverser kommunaler Betriebe in Rheinland-Pfalz, war gerade in einer solchen Einrichtung. Das Sanatorium in Luxemburg, auf die Nöte ausgebrannter Führungskräfte spezialisiert, sei voll belegt gewesen, berichtet Claus. Fast 80 Prozent der Patienten seien Manager gewesen. Sie kommen wegen rätselhafter Schmerzen, Erschöpfung und vor allem Depressionen. Viele haben einen langen Leidensweg hinter sich, aber immer wieder hörte Claus auch diesen Satz: "Als dann noch die Finanzkrise kam, bin ich zusammengeklappt."

Zwischen Egotrip und Depression - die Wirtschaftselite gibt derzeit ein verstörendes Bild ab. Extreme prägen ihr Image.

Einerseits die Maßlosen: Manager, die trotz miserabler Leistungen aberwitzige Summen einstreichen und bizarren Pomp entfalten; Menschen, die anscheinend keinen Bezug mehr zur Realität besitzen. Andererseits - weniger auffällig, aber vernehmlich - die Überforderten, die unter der Finanzkrise seelisch und körperlich leiden, den Druck und die Unsicherheit nicht mehr aushalten.

Wie intakt sind die Unternehmensführer noch? Ist im Management generell Irrsinn am Werk, wie manche Boulevardmedien insinuieren? Muss womöglich ein ganzer Berufsstand auf die Couch?

In den Chefetagen liegen die Nerven blank

Fest steht: In den Chefetagen liegen die Nerven blank. Wie sehr, das zeigt eine aktuelle Umfrage unter tausend Führungskräften, erhoben von der Personalberatung Heidrick & Struggles. Es ist das Psychogramm einer in die Enge getriebenen Kaste.

Vier von fünf Managern spüren seit Krisenbeginn einen stark erhöhten Leistungsdruck, jeder Zweite muss deutlich härter arbeiten. Und das in zunehmend rauer Atmosphäre: 27 Prozent der Befragten klagen über ein verschlechtertes Betriebsklima; jeder Dritte ist eher bereit, den Arbeitgeber zu wechseln, als noch vor einem Jahr. Solidarität, Loyalität - Fehlanzeige.

Der Abschwung lastet auf den Seelen. Jeder kämpft für sich allein. Sie gehen morgens nicht mehr zur Arbeit, die Führungskräfte, sie ziehen in die Schlacht. Und so fühlen sie sich auch.

In seiner Coaching-Praxis in der Düsseldorfer Königsallee begleitet der Psychoanalytiker Georg Th. Fischer Manager der ersten und zweiten Ebene. Die wirtschaftliche Misere ist in nahezu jeder Sitzung als Bedrohung dabei. Fischers Klienten bangen um ihre Jobs, fürchten Statusverlust und Gehaltseinbruch. Obendrein graust ihnen davor, Mitarbeiter entlassen zu müssen. "Die meisten Führungskräfte sind von den Härten ihrer Rolle zutiefst betroffen und verunsichert", berichtet Fischer.

Zu schaffen macht den Managern die Abwertung, die ihr Berufsstand in der Öffentlichkeit erfährt. Aus Bankiers wurden Bankster, aus Alphawesen verdruckste Partygäste, die sich rasch mal frisch machen müssen, wenn das Gespräch auf Berufliches kommt. "Drastisch verschlechtert" habe sich das öffentliche Bild der Manager durch die Krise, räumen 87 Prozent in der Heidrick-Umfrage ein; 60 Prozent sehen sich persönlich unter erhöhtem Rechtfertigungsdruck. "Da herrscht oft Zweifel, ob man noch in der richtigen sozialen Gruppe ist", sagt Heidrick-Partner Werner Penk.

Schmäh-Mails an Manager

Ein Klient Fischers löschte seine Daten aus dem Internet-Forum Xing, nachdem er Schmäh-Mails erhalten hatte und mit anonymen Anrufen terrorisiert worden war. Ein Ex-Manager der HSH Nordbank, der zum Urlaub an die See fuhr, ließ seine HSH-Windjacke vorsichtshalber daheim, "das Logo war mir peinlich".

Massiv verunsichert, so erlebt Penk die Manager: "Bei vielen sind die inneren Koordinaten ins Wanken geraten." Besonders die Erosion der persönlichen Handlungsfähigkeit ist Gift fürs positive Selbstbild. "Keiner kann von sich sagen, er kenne jetzt die richtige Strategie", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Georg Schreyögg von der FU Berlin, "und so sieht jetzt die ganze Welt, dass die angeblich so kraftvollen Lenker längst nicht so viel bewegen können, wie viele dachten."

Die Identitätskrise ist programmiert. "Ohnmachtsgefühl" und "regelrechte Lähmung" bei den Top-Führungskräften beobachtet Sozialpsychologe Dieter Frey von der Universität München, der zahlreiche Dax-Vorstände als Coach berät. "Manche reagieren mit blindem Aktionismus, andere verfallen in Totstellreflexe." Beides klassische Abwehrmechanismen, wenn das gehätschelte Selbstbild zusammenbricht.

Immer öfter gehen den einstmals Erfolgsverwöhnten die Nerven durch - und irgendwann lassen sich die Symptome nicht mehr verbergen. Ulrich Sollmann, Therapeut und Coach in Bochum, sieht in seiner Praxis jeden Tag Führungskräfte mit "körperlichen und seelischen Problemen". Wie den Firmenlenker, der von einem Tag auf den anderen hinwerfen wollte, weil Mitarbeiter ihn scharf für sein Turnaround-Programm kritisiert hatten. Zu viel für ihn: "Der Mann wollte nur weg, egal um welchen Preis."

Selbstzerstörerische Strategie bei zu viel Druck

Andere klagen über somatische Beschwerden, über Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und Appetitverlust. Sollmann findet meist schnell heraus, wo die tieferen Ursachen liegen: zu viel Stress.

Fatalerweise reagierten Manager unter Druck häufig mit einer nahezu selbstzerstörerischen Strategie, meint Bernd Sprenger, Coach und Psychotherapeut in Berlin. Sie versuchen "immer mehr vom Gleichen", weiß der auf Burnout bei Führungskräften spezialisierte Mediziner. Die Manager arbeiten härter, bleiben abends länger im Büro, beuten sich selbst aus. Unter Stress verengt sich der Blick. Der Mensch flüchtet in alte Handlungsmuster - und droht unterzugehen.

Kandidaten für den Absturz finden sich typischerweise im mittleren Management, wo die Tagesarbeit geleistet wird und sich der Druck von oben mit den Widerständen von unten vereint. So hat es auch Hartmut Zeiss (Name von der Redaktion geändert) erlebt.

Zeiss, Anfang 50, eloquent, sportlich, schlank, fühlt sich nach elf Wochen Klinikaufenthalt wieder fit. Ende vergangenen Jahres war das anders. Da kauerte er hinter dem Schreibtisch und hoffte, seinem Vorstand nie wieder begegnen zu müssen. Kurz zuvor war der Personalexperte angetreten, in einem norddeutschen Konzern die Führungskräfteentwicklung zu überarbeiten. Schnell sollte es gehen, kreativ musste es sein, die Erwartungen waren hoch. Zeiss fühlte sich von Tag eins an überfordert, war dem Zusammenbruch nahe. Diagnose: Burnout.

In diesen Monaten prophezeit Zeiss vielen Führungskräften ein ähnliches Schicksal: "Jetzt ziehen die Unternehmen die Daumenschrauben an."

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insgesamt 40 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.07.2009 von Irrlicht09: Danke..

dem lässt sich nichts mehr hinzufügen. mehr...

24.07.2009 von timboe: .

Will doch leider niemand was vom CFR wissen. Stattdessen heute wieder zu lesen, der Gutenberg beliebtester Humpen im Land. Da könnt unsereins das Kotzen und die die Freudentränen bekommen. mehr...

23.07.2009 von realholly01: ad absurdum

Weder hat der Artikel es so zum Ausdruck gebracht, noch kann ich es so zwischen den Zeilen lesen. Warum verstehst Du dies so? Spannend! Und warum ziehst Du so schwarz-weiss Vergleiche heran? Immer noch: Spannend! Ach [...] mehr...

23.07.2009 von der_mündige_bürger: Hmm ...

Zitat aus dem Artikel: "Schwere Hybris ist offenbar unheilbar. So unterrichtete der gestürzte Arcandor-Zampano Middelhoff gleich nach seinem Ausscheiden fröhlich die Geschäftswelt, er habe mit Verbündeten einen [...] mehr...

23.07.2009 von darGling: ...

Die im Artikel beschriebenen schon. Freundliche Grüße aus Berlin mehr...

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