Von Eva Buchhorn, Michael Machatschke und Klaus Werle
Wer das nicht erträgt, braucht professionelle Hilfe, etwa die der Helios Klinik für Psychosomatische Medizin Bad Grönenbach im Allgäu. Hier sollen Manager, Unternehmer und andere Hochqualifizierte lernen, der Selbstausbeutung ein gesundes Eigeninteresse entgegenzusetzen.
Die Lebensweisen der meisten Patienten ähneln sich: zu wenig Schlaf, zu wenig gesundes Essen, kaum Zeit für Familie, Sport oder Hobbys - dafür Arbeit, Arbeit, Arbeit. Jeder Dritte, schätzt Chefarzt Jochen von Wahlert, greift zu Alkohol oder Medikamenten, um durchzuhalten.
Die einen leiden, die anderen leben, als sei nichts. Während im Mittelmanagement die globale Krise oft persönliche Krisen nach sich zieht, wirken viele große Konzerndirigenten der Realität und ihren Nöten enthoben.
Sie reden vielleicht vom Sparen, meinen aber immer nur die anderen. Sie selbst absolvieren Flüge grundsätzlich im Privatjet, als gäbe es keinen öffentlichen Flugverkehr. Und damit auch in der Ferne der Auftritt standesgemäß ausfällt, wird der Fahrer mit der eigenen Limousine vorausgeschickt, und wenn es tausend Kilometer sind. Sie schanzen einander in verteilten Rollen - mal als Aufsichtsrat, mal als Vorstand - Gehälter zu, die noch vor wenigen Jahren in Deutschland undenkbar schienen. Sie suggerieren mit ihrem ganzen Verhalten eine Distanz zum Rest der Belegschaft, die jedem Teamgeist zuwiderläuft, von Vorbildcharakter gar nicht zu reden.
Polkern um möglichst teuren Abgang
Fassungslos registriert die Öffentlichkeit, wie selbst offensichtlich gescheiterte Topkräfte noch um einen möglichst teuren Abgang pokern. Da nimmt Arcandor-Chef Thomas Middelhoff, 55, zum Abschied neben seinem Grundgehalt von 1,2 Millionen Euro noch 2,2 Millionen Euro mit, als "Bonus, Tantieme und Sondervergütung" deklariert - und das, obwohl der Konzern 2008 einen Verlust von 746 Millionen Euro produzierte.
"Was vielen abhandengekommen ist, das ist die Haltung: So etwas tut man nicht", rügte Bundespräsident Horst Köhler in seiner jüngsten Berliner Rede. Eine Klage, die viele der Gemeinten gar nicht erreicht. Sie leben längst in ihrer eigenen Welt. Die hält vor allem eines bereit: billige Rechtfertigungen für Millionensaläre und überreichliche Pensionen.
Erstes Argument: Vertrag ist Vertrag. Der Bonner Unternehmensberater Hermann Simon sieht die Gescholtenen sehr wohl in der Realität verhaftet. Sie hätten nur "ein extrem legalistisches Grundverständnis". Erlaubt ist, was nicht verboten wurde. So kommt es, dass Ex-RWE-Chef Harry Roels, 60, ruhigen Gewissens noch vor dem ersten Handschlag 1,5 Millionen Euro Antrittsgeld reklamierte oder der damalige Postbank-Chef Wolfgang Klein, 45, eine Halteprämie einstrich, weil er im Zuge des Verkaufs seines Geldhauses an die Deutsche Bank "nächtelang und an Wochenenden" arbeiten musste.
Zweites Argument: Jemand anders verdient immer noch mehr, soll sich die Empörung doch an ihm abarbeiten. Haben nicht bejubelte Manager-Ikonen wie Ex-General-Electric-Boss Jack Welch vorgelebt, dass hohe Ziele und überhohe Vorstandsbezüge zwingend zusammengehören? In kleiner Runde prahlte Welch einmal, selbst nach seiner Pensionierung komme General Electric - zusätzlich zum Ruhegehalt - für praktisch alles auf, was er zum Leben benötige, "sogar für meine Zahnbürste".
"Unternehmen sind besessen von Zahlen und Zielen"
Drittes Argument: Von unseren Großtaten leben auch die Kleinen gut. Haben die Unternehmen mit ihrer - bonusrelevanten - Konzentration auf hohe Kurse nicht auch dem Kleinanleger gedient? Und hat nicht auch die Gier jedes Einzelnen den Vertrieb spekulativer Finanzprodukte gefördert? "Die Verantwortung diffundiert, bis sie nicht mehr zuzuordnen ist", sagt Psychologe Dieter Frey.
Kein Grund also für augenscheinlich abgehobene Manager, an ihrem Verstand zu zweifeln. Zumal sie es an der Business School genau so gelernt haben. "Ich sage das nicht gern", meint Managementvordenker Charles Handy, 76, "aber mit ihrer Fixierung auf Shareholder-Value und Zahlenanalyse sind diese Schulen sicher mit schuld an der jetzigen Lage".
In seinem Cottage anderthalb Zugstunden nordöstlich von London serviert der vormalige Shell-Manager, Mitgründer der London Business School, einen leichten Weißburgunder zum Risotto mit grünem Spargel. Osterglocken blühen, Kühe weiden vor dem mit Büchern vollgestopften Arbeitszimmer. Das Finanzdesaster, hier in East Anglia scheint es weit weg. Und doch sieht es im Rückblick so aus, als habe Handy sein halbes Leben in seinen Bestsellern dagegen angeschrieben.
"Die Unternehmen sind besessen von Zahlen und Zielen", sagt der Wirtschaftsphilosoph; das Blitzen in seinen Augen wechselt zwischen Amüsement und Zorn. Ob eine Firma Mitarbeiter gut behandelt oder gute Produkte herstellt, das sei schwer zu messen. Umsatz und Profit dagegen leicht. "Plötzlich gab es diese allumfassende Zielekultur, und an den Zielen orientierten sich auch Bezahlung und Bonus."
Ende der 60er ließ Handy die Jungmanager an der London Business School gern die "Antigone" lesen, Sophokles' Drama über die Frau, die ihr Gewissen über die Gesetze stellt. "Es ging darum, den eigenen Werten zu folgen, anstatt Sklave seiner Firma zu sein", sagt Handy. Aber haben die Verfemten von heute nicht genau das getan? Sind sie nicht ihren Werten gefolgt, bloß dass ihr Wert der eigene Bonus war?
Das ist der Haken an der Zielekultur: Wenn das Ziel der Bonus ist, dann konzentrieren sich die Manager auch genau darauf - und nicht mehr auf das eigentliche Geschäft. Je größer und zentralisierter die Unternehmen wurden, desto undurchschaubarer wurden sie. Ein Grund mehr, sich auf das eigene Ziel und den Bonus zu fixieren.
Narzissten in den Kommandozentralen
Management als Zahlenmechanik, ohne Gedanken an die Konsequenzen; und je länger einer sitzt im Raumschiff Unternehmen, desto mehr hält er seine Kapsel für die ganze Welt.
Menschen, die sich von solchen Systemen angezogen fühlen, sind in der Psychoanalyse bekannt. Es sind die Nachfolger des Narziss. Der Jüngling im antiken Mythos fand sich selbst so großartig, dass er sich in sein Spiegelbild verliebte.
Narzissten hungern nach Ruhm und Anerkennung - und gehen dafür große Risiken ein. Es sei kein Zufall, dass sie sich verstärkt in den Kommandozentralen der Konzerne tummelten, meint Gerhard Dammann, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen am Bodensee. Narzisstische Eigenschaften wie die Sucht nach Bestätigung, aber auch die Freude am Visionären, begünstigen die Karriere. "Think big" lautet die kürzeste Erfolgsformel.
Das erkannte schulmäßig Ex-Daimler-Boss Jürgen Schrempp, 64. Nur kurz gab er den Bodenständigen, der mit der Hinterlassenschaft des Paradevisionärs Edzard Reuter, 81, aufräumt. Dann zündete er seine eigene Wunderkerze: die Welt AG. Mit gewaltigem persönlichem Nutzen. Jahrelang hieß es, nur Schrempp könne diese Mammutaufgabe bewältigen. Die Welt AG machte ihn gleichsam unverzichtbar. Dass darüber Milliarden verbrannt wurden, fiel nicht ins Gewicht.
Ganz groß denken war auch die Passion des langjährigen Bahn-Chefs Hartmut Mehdorn, 66. Er wollte aus der Deutschen Bahn einen globalen Alleskönner formen, der - wie Mehdorn einmal in einem Brief fabulierte - unter anderem Städte wie Prag, Lyon oder Stockholm mit Nahverkehr beglücken sollte. Als hätte die DB nicht schon genug Nöte mit ihren deutschen S-Bahnen und Regionalzügen. Im Kerngeschäft blieb die Bahn weit unter ihren Möglichkeiten, genutzt hat das Großdenken bis zu seiner nun erfolgten Ablösung nur Mehdorn selbst: 2006 kassierte er mehr als das Sechsfache seines Vorgängers Johannes Ludewig.
Die Uneinsichtigkeit der Großstrategen überrascht Dammann nicht: "Der Narzisst sieht in anderen nur Idioten oder Feinde", sagt Dammann, Autor des Buches "Narzissten, Egomanen, Psychopathen in der Führungsetage". Kritik bestärkt diesen Menschenschlag nur darin, als Einziger den Überblick zu haben.
Milde Formen der Eitelkeit befeuert zu guten Taten
"Völlig abgehoben", schäumt dann die Öffentlichkeit. Doch der Vorwurf des Realitätsverlusts erreicht den Narzissten in Wahrheit erst gar nicht. Da er fest überzeugt ist, der Beste und Klügste zu sein, hat er seine Bodenhaftung nicht verloren - weil er sie nie besessen hat. Wenn er in den Vorstand aufrückt, ist das für ihn keine außergewöhnliche Leistung - er bekommt lediglich, was ihm seiner Meinung nach immer schon zugestanden hat.
Wohlgemerkt: Milde Formen der Eitelkeit, da sind sich Experten einig, können durchaus zu guten Taten befeuern. Doch von harmlosen Spielarten bis zum pathologischen Narzissmus ist der Weg nicht weit - oft nur wenige Stockwerke im Holding-Hochhaus.
Besonders tragisch erfüllte sich das Muster im Fall Zumwinkel. Still und tatkräftig reformierte er in den 90er Jahren die Post. Doch als die Ex-Behörde Anfang dieses Jahrzehnts zum Global Player anschwoll, verlor Zumwinkel schleichend den Bezug zur Wirklichkeit. Während die Fragilität seines Kunstgebildes immer deutlicher wurde, horrende Verluste in den USA selbst dickste Gewinne im Briefgeschäft aufzehrten, sah der "Große Vorsitzende" (Hausjargon) sich in historischen Rang erhoben. Allzu gern posierte er neben dem Ölbild des preußischen Postreformers Heinrich von Stephan, das er dem Post-Museum entliehen und im Büro aufgehängt hatte. Insgeheim träumte er wohl schon von der Firmenadresse "Klaus-Zumwinkel-Platz".
Schwere Hybris ist offenbar unheilbar. So unterrichtete der gestürzte Arcandor-Zampano Middelhoff gleich nach seinem Ausscheiden fröhlich die Geschäftswelt, er habe mit Verbündeten einen Finanzdienstleister eröffnet. Geschäftsadresse: London, im dekadent teuren Stadtteil Chelsea. Seht her, lautet die Botschaft, ich kann's mir leisten!
Die Entschwebten bleiben entschwebt. Nur eines mag das empörte Publikum trösten: Die schwersten Fälle werden am Ende doch aussortiert.
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