Aus Ingolstadt berichtet Sebastian Fischer
Ingolstadt - Wendelin Wiedeking fällt auf bei diesem hundertsten Audi-Geburtstag. Wie auch nicht? Schließlich ist er gegenwärtig der meistdiskutierte Mann der Autobranche, verstrickt in einen existentiellen Machtkampf mit VW-Patriarch Ferdinand Piëch und dessen Knappen Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen.
Doch noch aus anderen Gründen fällt er auf: Stilgerecht lassen sich die meisten Prominenten mit Automobilen des Ingolstädter Unternehmens an diesem 30-Grad-Sommerabend zur Feier aufs Firmengelände chauffieren. Auch die Kanzlerin wird später im Audi vorfahren. Der Porsche-Chef aber entsteigt einem Porsche Panamera.
Von Beginn an ist Wendelin Wiedeking hier der Solitär.
Mit Schwung schält er sich aus dem neuen Sport-Viertürer, in weißem Hemd, schwarzer Fliege und Hosenträger. Er angelt sich das Jackett von der Rückbank, zieht es mit Verve an. Alles wirkt sehr entschlossen. Dann zündet er die Gute-Laune-Nummer.
"Ich bin ein glücklicher Vorstandschef und fühle mich in dieser Rolle pudelwohl", beschwört er seinen Seelenzustand auf dem roten Teppich. Und sein Vertrag, der laufe bis 2012: "Warum soll man zurücktreten, wenn man einen ordentlichen Vertrag hat?"
Es ist schon eine skurrile Situation. Während der Kampf um VW und Porsche endgültig eskaliert ist, treffen die Kontrahenten an diesem Donnerstag in Ingolstadt aufeinander, feiern die Volkswagen-Tochter Audi, lauschen dem Pianisten Lang Lang, den Späßen des Conferenciers Thomas Gottschalk und den lobenden Worten Angela Merkels auf dieser großen, weißen Bühne.
Alle Mächtigen sind da. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch und VW-Chef Martin Winterkorn, die den Poker um die Macht nach übereinstimmenden Medienberichten schon gewonnen zu haben scheinen. Demnach sollen sich die Porsche-Eigner, also die Familien Porsche und Piëch, grundsätzlich auf ein Modell für den integrierten Konzern geeinigt haben. VW soll rund 49 Prozent des Sportwagenbauers übernehmen.
Eine bittere Niederlage wäre das für Piëch-Cousin und Porsche-Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche samt Vorstandschef Wiedeking, der in einer solchen Konstellation möglicherweise seinen Hut nehmen müsste. Dann sind da noch die Ministerpräsidenten des VW-Landes Niedersachsen (hält rund 20 Prozent an Volkswagen) und des Porsche-Standorts Baden-Württemberg: Christian Wulff, Günther Oettinger. Auch sie haben in den letzten Tagen kaum lobende Worte füreinander gefunden.
Heute will - außer Wiedeking - offenbar niemand Worte finden. Piëch weicht Mikrofonen konsequent aus und Wolfgang Porsche stellt noch mal klar: "Wir feiern hier 100-jähriges Jubiläum." Alles andere soll außen vor bleiben. Wulff stimmt zu: "Heute sind wir zum Feiern hier."
So zeichnet sich der Konflikt eher symbolisch ab. Zum Beispiel an der Sitzordnung. Während Porsche, Piëch, Winterkorn, Audi-Boss Rupert Stadler, Merkel, Wulff und Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer in Reihe eins direkt vor der Bühne sitzen, hat man für Wendelin Wiedeking in Reihe zwei reserviert. Ganz rechts außen. Jeder Redner erbietet den Ehrengästen seine Honneurs - der Name Wiedeking aber fällt nicht.
Und als Audi-Mann Stadler davon schwärmt, dass sein Laden auch in Krisenzeiten ganz gut dastehe, weil man eben zu gegebener Zeit "auf dem Teppich geblieben" sei und eine "sehr mittelständische Unternehmenskultur" pflege, da kann man das neutral zur Kenntnis nehmen; oder auch an die Firma Porsche denken, die zuletzt nicht nur aufs Autobauen, sondern auch aufs Spekulieren an den Finanzmärkten gesetzt hatte.
Beim anschließenden Galadiner sitzt Wiedeking wieder nicht im Zentrum, sondern bei den bayerischen Ministern Martin Zeil (Wirtschaft) und Christine Haderthauer (Soziales) mit am Tisch. Während Piëch, Winterkorn und Stadler mit dem Ehepaar Seehofer und Christian Wulff tafeln.
Die Kontrahenten warten nun auf nächsten Donnerstag. Denn am 23. Juli tagen die Aufsichtsräte von Porsche und VW. Zuletzt hieß es, es solle noch vor den Sitzungen der Kontrollgremien eine Grundsatzentscheidung der Porsche-Eignerfamilien fallen. Zwei Alternativen haben sich abgezeichnet: Einerseits ein möglicher Einstieg VWs bei Porsche. Auf der anderen Seite setzt Wiedeking auf das Golf-Emirat Katar als neuen Geldgeber, um sich von der drückenden Schuldenlast zu befreien. Porsche hatte sich bei der geplanten Übernahme von VW verhoben.
"Wir werden sehen, wie die Eigentümer entscheiden", sagte Wiedeking in Ingolstadt.
Mit Material von dpa, Reuters und AP
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