Von SPIEGEL-ONLINE-Krisenkolumnist Thomas Tuma
Bei mir zu Hause ist Keynes auf dem Vormarsch. Das muss man kurz erklären, auch wenn es als Einstieg einer Wirtschaftskrisen-Kolumne angemessen seriös erscheint. John Maynard Keynes war ein lustiger Brite, der erst jahrelang in wilder Ehe mit einem Maler zusammenlebte und dann doch eine russische Balletttänzerin heiratete. Außerdem spekulierte er wie der Teufel, gewann sogar und schrieb nebenbei Standardwerke der modernen Ökonomie.
Weil er eben Keynes hieß, konnte seine Theorie zum Keynesianismus werden. Komischer Name für eine Theorie, aber besser, als wenn er Schablonski geheißen hätte. Jüngeren Ökonomen blieb damit eine Karriere als Schablonskiianer erspart.
Keynes' filigranes Gedankengebäude wird oft auf zwei eher grob geschnitzte Dachlatten reduziert. Erstens den Satz "Langfristig gesehen sind wir alle tot", der sich auch in eigener Sache bestätigt hat: Herr K. starb 1946. Zweitens jenen Ausschnitt seiner Theorie, der besagt, dass der Staat das Geld mit vollen Händen ausgeben soll, wenn's mal schlecht läuft. Das belebe Konsum und damit die Wirtschaft, womit wir wieder bei mir zu Hause sind.
Die Krise ist überall. Sie dominiert Politik, Kultur, Industrie und
Gesellschaft. Irgendwas droht immer gerade unterzugehen: mal eine
Partei oder ein Konzern, mal gleich die Weltwirtschaft oder auch nur
der gesunde Menschenverstand. Alles sehr ernst - bisweilen aber auch
komisch. Zumindest dienstags und donnerstags in der SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von Thomas Tuma. Über Anregungen, Lob und Kritik freut sich
thomas_tuma@spiegel.de.
Vor kurzem sagte meine Frau, sie müsse künftig noch mehr konsumieren, Geld ausgeben, shoppen. Sie mache das ja nicht zum Spaß, sondern weil sie im Dienste von etwas unterwegs sei, das größer ist als wir und unser Reihenhaus und die ganze Straße: die Konjunktur. Seither kaufen wir bisweilen Dinge, deren Sinn sich mir nicht immer sofort erschließt.
Einerseits hat meine Frau recht, zumal es vieles gerade zu Schnäppchenpreisen gibt: Karstadt-Filialen, spanische Fincas, emissionsfreudige Geländewagen. Andererseits muss man in Krisenzeiten wie jetzt auch sparen, sagte ich. Sie sagte, dann gehe die Weltwirtschaft endgültig den Bach runter - und war damit ganz bei Bundesregierung und Keynes, der das allenfalls eleganter formuliert hat. So in der Art, dass mikroökonomisch sinnvolle Verhaltensweisen gesamtwirtschaftlich völlig falsch sein könnten.
Ich sagte, dann solle sie unser Geld wenigstens punktgenau einsetzen für Märklin-Eisenbahnen, Schiesser-Unterhosen (mit Eingriff) und allenfalls noch ein Kaffeeservice von Rosenthal oder Quelle sowie vielleicht ein nettes, durchzugsstarkes Containerschiff der Wardan-Werften. Sie sagte, das sei totaler Quark. Ich sagte nichts mehr, denn auch die Kinder haben mittlerweile Keynes entdeckt.
Ihre Tarifforderung: Wenn Geldausgeben jetzt angesagt ist, wollen wir auch mehr Taschengeld. Ähnlich argumentieren auch Ver.di und IG Metall, was die Sache bei mir zu Hause nicht einfacher machte. Der Verhandlungsmarathon begann. Ich sprach vom Dreiklang der ökonomischen Totenglöckchen Rezession, Inflation, Depression, von drohenden sozialen Verwerfungen, von gesellschaftlichem Niedergang und hörte mich an wie BDI-Präsident Hans-Peter Keitel. Die Gegenseite sagte, sie wolle "doch nur 50 Cent mehr".
Erste Warnstreiks beim Abspülen blieben ergebnislos. Die dritte Verhandlungsrunde scheiterte. Ich hätte dann nicht ausgerechnet meine Frau als Schlichterin akzeptieren dürfen. Der nun formulierte Tarifvertrag sieht eine stufenweise Anhebung des Taschengeldes um insgesamt einen Euro vor sowie eine Einmalzahlung in Form zweier Spritzpistolen, Modell "Super Soaker Bottle Blaster".
Ich sprach von einem schwarzen Tag für die Familienfinanzen, die Familie lachte nur. Dann gingen sie shoppen. Und morgen wird wieder irgendein gutgelaunter Konsumklimaindex das baldige Ende der Krise vorhersagen.
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Die Art so zu schreiben gefällt mir ausgesprochen gut. Ich möchte hier einfach nur mal danke sagen für diese Art des Schreibens. Ich schmunzel, lache und erzähle dann auch anderen von solchen Artikeln. DANKE :) mehr...
Der Haken ist, daß der Privatmann zu Hause keine Gelddruckmaschine hat wie der Staat. mehr...
Keynes war keineswegs ein Konservativer sondern ein Liberaler - daher heißt der Blog von Paul Krugman (des berühmtesten Neo-Keynesianers - neben der Familie von Herrn Tuma natürlich) auch "Conscience of a liberal". [...] mehr...
Fraglich hier, wer sich bei wem ansteckte. Meine beiden Jüngsten leiden auch an dieser schlimmen Krankheit. So was ! mehr...
Sie meinen Auftraggeber!? mehr...
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