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03.08.2009
 

US-Post in der Krise

Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Von Marc Pitzke, New York

Die staatliche US-Post steckt in der Krise: Wie die privaten Rivalen UPS und FedEx leidet sie unter der Rezession, für 2009 droht ein Rekordverlust von sieben Milliarden Dollar. Jetzt will sie Tausende Postämter schließen - und viele der berühmten blauen Briefkästen abbauen.

New York - Die Post hat in den USA einen denkbar schlechten Ruf. Postämter sind in ländlichen Gegenden zwar beliebte Bürgertreffs, aber in Millionenstädten wie New York Horte ewiger Frustration: endlose Warteschlangen, grantige Bedienung, defekte Maschinen. Anfang der neunziger Jahre gab es gar eine Kette tödlicher Amokläufe von Postlern, woraufhin allen Mitarbeitern des United States Postal Service (USPS) das Tragen von Schusswaffe verboten wurde. Amokläufe und generelles Ausrasten heißen im Volksmund seither auch "going postal".

Briefkästen der US-Post: 650.000 Angestellte, 221.000 Autos, 33.000 PostämterZur Großansicht
AFP

Briefkästen der US-Post: 650.000 Angestellte, 221.000 Autos, 33.000 Postämter

Finanziell dagegen war die US-Post lange ein Fels in der Brandung - USPS-Gründervater und -erfinder Benjamin Franklin schaffte es mit seinem verbissenen Lächeln sogar auf den 100-Dollar-Schein.

Doch nun steht der Riesenkonzern fast vor der Pleite. USPS, 1775 als erster staatlicher Postdienst der fortan unabhängigen USA gegründet, befürchtet fürs Geschäftsjahr 2009 ein Rekorddefizit von rund sieben Milliarden Dollar - mehr als doppelt so viel wie im vorigen Jahr und dreimal so viel wie 2007.

Trotz drastischer Personalkürzungen und einer erneuten Portoerhöhung im Mai von 42 auf 44 Cents für Standardbriefe, bleibt die US-Post im Milliardenminus. Erst im März prognostizierte sie für 2009 sechs Milliarden Dollar Miese, doch Chefpostmeister John Potter erhöhte diese Schätzung vorige Woche um eine weitere Milliarde. Unabhängige Experten befürchten sogar bis zu zwölf Milliarden Dollar Verlust.

Mehr Klarheit wird für diesen Mittwoch erwartet, wenn der USPS seine neuesten Quartalszahlen bekanntgibt. Das Minus im vergangenen Quartal: 1,9 Milliarden Dollar.

Post auf der "High-Risk"-Liste

Die Lage ist so ernst, dass der US-Rechnungshof GAO jetzt Alarm geschlagen und die Post auf seine "High Risk"-Liste der bedrohten Staatseinrichtungen gesetzt hat. Der USPS stehe vor "ernsthaften und bedeutsamen strukturell-finanziellen Problemen", sagte der amtierende GAO-Chef Gene Dodaro und forderte den Kongress zu sofortigem Eingreifen auf.

Denn ohne den lässt sich die Sache leider nicht lösen, denn die US-Post ist ein Zwitterwesen: eine staatliche Agentur, die sich aber frei von Steuergeldern eigenständig finanzieren muss. Das Direktorat wird vom US-Präsidenten benannt und vom Senat bestätigt, dieses wiederum bestimmt den Postmaster General, der die Aufgaben eines Vorstandschefs hat, und dessen Stellvertreter.

Zur lähmenden Verwaltungsstruktur, in die sich der Kongress jederzeit einmischen kann, kommt hinzu, dass die Post zwar ein Monopol auf reguläre US-Postsendungen hat, sich den Markt für Eil- und Paketpost aber mit den privaten, börsennotierten Konkurrenten UPS und Federal Express teilen muss. Wie diese leidet der USPS dieser Tage unter der Rezession - und darunter, dass die Menschen immer weniger per Papier, sondern virtuell kommunizieren. E-Mails haben Briefe abgelöst, und Online-Bestellungen laufen oft per UPS oder FedEx.

Post ist zweitgrößter Arbeitgeber der USA

Allein im Geschäftsjahr 2008 schrumpfte das Volumen der vom USPS beförderten Postsendungen deshalb um 9,5 Milliarden auf 203 Milliarden Stück. Für 2009 wird ein Rückgang um weitere 28 Milliarden auf dann 175 Milliarden Stück erwartet. Diese Verluste sind durch Portoerhöhungen, erhöhte Produktivität, einen seit Frühjahr 2008 gültigen Einstellungsstopp und die angekündigte Frühpensionierung von 150.000 Mitarbeitern kaum aufzufangen. Im Gegenteil: Sie dürften sich fortsetzen.

"Ist die Post vom Aussterben bedroht?", fragt sich da nicht nur der TV-Lokalsender Fox 13 in Florida. Eine solche Pleite wäre freilich dramatisch. Denn der sogenannte Postal Service ist mit mehr als 650.000 Angestellten nach dem Einzelhändler Wal-Mart der zweitgrößte zivile Arbeitgeber der USA, er bietet bessere Sozialleistungen als die meisten US-Industriekonzerne und unterhält die größte zivile Fahrzeugflotte der Welt - 221.000 Autos.

Als eine finanzielle Rettungsmaßnahme erwägt die Post jetzt, das Briefaustragen von sechs auf fünf Tage in der Woche zu reduzieren. Dies sei "die letzte große Option", warnte der amtierende USPS-Vizepräsident Jordan Small am Donnerstag bei einer Anhörung des Post-Unterausschusses im US-Repräsentantenhaus.

Die blauen Briefkästen verschwinden

Doch noch sperrt sich der Kongress. Ein Sechstel weniger Postgänge könnte zwar mehr als drei Milliarden Dollar im Jahr einsparen, doch es ist, als würde man eine heilige Kuh schlachten: Seit 1912 gibt es in den USA bis auf sonntags jeden Tag Post, die zuvor übliche Sonntagsauslieferung wurde damals wegen des Protests der Kirchen eingestellt. Nur ein einziges Mal ist die Samstagspost bisher ausgefallen: 1957 - aus Kostengründen.

Auch die US-Briefträgergewerkschaft NALC wehrt sich gegen eine Fünftagewoche: Das, sagte NALC-Präsident Fred Rolando vor dem Ausschuss, würde die Postkunden - etwa die Drogeriemarktkette CVS, die 90 Prozent ihrer Online-Rezeptorder per USPS verschifft - den privaten Rivalen in die Hände treiben.

Der USPS droht außerdem die Schließung von mehr als 3200 seiner rund 33.000 US-Postämter. Noch stößt das in den Wahlkreisen der Abgeordneten, die das absegnen müssen, auf energischen Widerstand. Im New Yorker Stadtteil Brooklyn zum Beispiel wären bis zu 40 Postämter bedroht. "Das ist total unfair gegenüber den Bürgern von Brooklyn", sagte Jim Musumeci, der Ortsvorsitzende der Postgewerkschaft APWU. "Vor allem für Senioren." Selbst Omaha, die größte Stadt im US-Bundesstaat Nebraska, soll sechs Ämter verlieren. Die meisten davon werden seit vielen Jahren von den selben Mitarbeitern betreut.

Andere Kostensenkungen sind weniger deutlich bemerkbar. So fanden sich früher an fast jeder wichtigen Straßenecke die berühmten, blauen Briefkästen des USPS. Plötzlich verschwinden viele von ihnen sang- und klanglos.

Die drastischste Lösung wird dagegen zwar schon seit längerem, aber bisher nur verhalten diskutiert: Privatisierung und Börsengang. "Ist es Zeit, den Postal Service zu privatisieren?", wurde schon vor 14 Jahren auf einer Tagung des konservativen Cato Institutes gefragt. "Höchste Zeit", legte das Wirtschaftsmagazin "Forbes" nun nach: Die Post dürfe nicht länger vor der "Suppenküche des Kongresses" betteln.

Die "Washington Post" verwies jetzt sogar auf das Vorbild Europa, dessen "verstärkt privatisierte Briefdienste spannende Beispiele für Post-Möglichkeiten im 21. Jahrhundert bieten". Von den Nöten der Deutschen Post ist dabei zwar nicht die Rede, doch führt die Zeitung die Schweizerische Post als Vorbild an: So sei diese viel "schlanker und grüner" als der USPS.

Die Uhr, weiß "Forbes", sei aber sowieso nicht mehr zurückzudrehen: "Nur Großeltern, Banker und Junk-Werber schreiben heute noch Briefe."

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insgesamt 15 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
04.08.2009 von Extremophile: Bitte erst lesen, dann schreiben

Ich habe weder das eine noch das andere geschrieben. Auch fettgedruckt werden in den Mund geschobene Worte nicht zu Wahrheit. Leute, die Topservice *fast umsonst* haben wollen, waren mir schon immer suspekt. mehr...

04.08.2009 von ThorstenNYC: Pleite? Von wegen!

Für mich ist es eher Ausdruck von Realitätsverlust, wenn Leute *positiv* ausschließlich als Synonym für *profitabel* verwenden. Das Staatsunternehmen USPS hat aber gar nicht die Aufgabe, profitabel zu sein. Seine einzige [...] mehr...

04.08.2009 von 1ne2wo3hree: Hey Mr. Postman, bring me a letter...

Das tut der deutsche Postmann schon lange nicht mehr - noch nicht einmal dann, wenn ich nachweislich zuhause bin und er die Sendung demzufolge hätte zustellen können/müssen, stattdessen allerdings lediglich eine [...] mehr...

04.08.2009 von Extremophile: Da geht die Post ab...bloß - wohin geht sie eigentlich?

Einen Dienstleister am Rande der Pleite als positiv zu bezeichnen ist schon ein besonderer Ausdruck von Realitätsverlust. Aber auch unsere Deutsche Post habe ich schon beim Scheitern erlebt: Einschreiben mit meinem [...] mehr...

03.08.2009 von rabenkrähe: Unsinnige Deregulierung

....... Das kann ich nur unterstreichen, kopfschüttelnd darüber, daß meine Kleinstadtstraße alleine täglich drei Brief- und fünf Paketdienste ansteuern. Und die jeweiligen Mitarbeiter verdienen immer weniger und weniger und [...] mehr...

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