Von Michael Kröger und Stefan Schultz
Hamburg/Frankfurt am Main - Die finanzielle Vorsorge für den Lebensabend wird für die Deutschen immer schwieriger. Das geht aus dem ersten Vorsorgeatlas für Deutschland hervor, den der Rentenexperte Bernd Raffelhüschen vom Forschungszentrum für Generationenverträge der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg durchgeführt hat. Die Studie wurde im Auftrag der Investmentgesellschaft Union Investment erstellt.
Am Mittwochmittag wurde das Papier vorgestellt. Die bitterste Erkenntnis der sehr umfangreichen Studie dürfte etwas sein, das unter Fachleuten schon länger bekannt ist, in der Öffentlichkeit dagegen eher selten thematisiert wird: Nicht nur, wer sich rein auf die gesetzliche Altersversorgung verlässt, hat im Ruhestand deutlich weniger Geld. Selbst Riestern schützt nicht vor Wohlstandsverlust.
Beträgt die Rente weniger als 60 Prozent des letzten Bruttoeinkommens, ist jedenfalls der Lebensstandard nicht mehr zu halten, schreiben die Forscher - auch wenn von der Rente weniger Abgaben abgehen als vom Bruttolohn. Der Studie zufolge drohen 44 Prozent der erwerbstätigen Deutschen selbst bei einer Kombination aus gesetzlicher Versorgung und einer Zusatzleistung wie Riester- oder Betriebsrente im Alter die Unterversorgung.
Dabei ist der Wohlstand in Deutschland sehr ungleich verteilt. "Ziel war, den Altersvorsorgestatus der deutschen Bevölkerung zwischen 20 und 65 Jahren möglichst vollständig abzubilden", erklärte Hans Joachim Reinke, Vorstandsmitglied von Union Investment. "Die Studie gibt Auskunft darüber, in welchen Gebieten welche Bevölkerungsgruppen Handlungsbedarf in Sachen Altersvorsorge haben und bietet so Politik sowie Bürgern einen praxisorientierten Handlungsrahmen für ihre weiteren Entscheidungen", sagte Reinke bei der Vorstellung des Vorsorgeatlas.
Die Studie beschränkt sich dabei notgedrungen auf statistisch messbare materielle Aspekte des Wohlstands. Vielen Experten greift diese Definition zu kurz. "Geldvermögen und Renteneinkommen machen nur einen Teil dessen aus, was zum Wohlstand beiträgt - auch im Alter", sagt Udo Reifner, Direktor des Hamburger Instituts für Finanzdienstleistungen. Eine gute Gesundheit und ein dichtes soziales Netz trügen ebenso einen entscheidenden Anteil dazu bei. "Was nützt mir ein hohes Einkommen im Alter, wenn ich jeden Handgriff teuer bezahlen muss, weil Freunde oder Kinder fehlen, die im Einzelfall zur Stelle sind", erklärt er. "Und - zynisch ausgedrückt - was nützt mir ein volles Bankkonto, wenn ich kaum noch die Freuden des Lebens genießen kann, weil ich im Job Raubbau mit meiner Gesundheit getrieben habe?"
Doch abseits dieser weichen Faktoren gilt unter Experten als unstreitig, dass die gesetzliche Altersvorsorge kaum noch ausreicht: Nur ein Viertel der 37 Millionen Personen, die Anspruch auf sie haben, können ausschließlich mit ihr mindestens 60 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens erreichen. Die Menschen in der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) erhalten im Durchschnitt nur rund 984 Euro monatlich und können damit rund 43 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ersetzen. Nur für Beamte ist die Notwendigkeit zur Zusatzvorsorge geringer, da sie durchschnittlich mit einer Pension von 2570 Euro knapp 63 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens erhalten.
Der Vorsorgeatlas zeigt, wie desolat die Lage vor allem für jüngere Erwerbstätige ist. Deren Grundversorgung wurde durch die Reformen der GRV seit 2001 immer niedriger: 50 Prozent der Versicherten zwischen 20 und 35 Jahren haben demnach Rentenansprüche von weniger als 958 Euro - das entspricht einer Ersatzquote von weniger als 36,1 Prozent. Die GRV-Quote der 50- bis 65-Jährigen liegt gut 14 Prozentpunkte höher.
Bei der GRV besteht zudem laut Vorsorgeatlas ein klares Ost-West-Gefälle. Während Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern mit der GRV durchschnittlich 49,6 Prozent ihres letzten Bruttoeinkommens erreichen, liegt die Quote in den alten Bundesländern mit 41,2 Prozent deutlich niedriger. Grund sei der höhere Altersdurchschnitt im Osten - die älteren Jahrgänge heben die Statistik demnach an.
Entgegen gängigen Vermutungen sehen sich zudem nicht nur die einkommensschwachen Gruppen, sondern auch gesetzlich Versicherte mit einem hohen Einkommen mit Problemen konfrontiert. So werden in der Einkommensklasse unter 900 Euro durchschnittlich 61 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ersetzt - zum Leben reicht die Rente dennoch unterm Strich kaum.
Die Versicherten mit einem Einkommen von über 1500 Euro monatlich hingegen erreichen zwar deutlich höhere Alterseinkommen, die aber lediglich 33,9 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ersetzen und somit nicht ausreichen, um das gewohnte Wohlstandsniveau zu erhalten.
Hinweis der Redaktion: In einer frühreren Version dieses Textes hieß es, die Autoren der Studie hätten die "Altersarmut" von bis zu 44 Prozent der derzeit Erwärbstätigen prognostiziert. Tatsächlich erwarten die Forscher für diese Gruppe aber einen gravierenden Wohlstandsverlust, der zwar zu Unterversorgung führt aber nicht unbedingt gleichbedeutend mit Armut sein muss. Wir haben die Formulierungen in dem Artikel angepasst.
Auf anderen Social Networks posten:
Wer soll denn in das Niedriglohnland Deutschland kommen? Hochqualifizierte gehen dahin, wo die Löhne reizen und der Lebensstandard und das lebensgefühl. Alles das gibt es in D. nicht. Dazu die Hartz gesetze. Alleine die reichen [...] mehr...
Was Sie da schreiben ist ziemlicher Unfug. Formulierungen wie "nicht Benötigte des Arbeitsmarktes" mögen zwar spaßige Kampfbegriffe sein, machen aber nur Sinn, wenn man den Staat/die Gesellschaft als eine Art [...] mehr...
Ja, warum so eine einfache Lösung? Warum das Propagandamärchen unterstützen? Definition eines Umlageverfahrens? Und warum, wird in der öffentlichen Diskussion IMMER die PRODUKTIVITÄT außen vor gelassen? mehr...
Wer es nicht schafft, eine eigene Altersversorgung aufzubauen, den fängt die Grundsicherung auf. mehr...
Das wird bald der Vergangenheit angehören. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Vermögensverteilung in Deutschland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH