Berlin - Grund zum Jubel gibt es noch nicht, aber eine gewisse Erleichterung macht sich breit. Nach Ansicht der Bundesregierung verdichten sich die Anzeichen für ein Ende der Rezession. Die deutsche Wirtschaft habe im gesamten zweiten Quartal "ihr Niveau behauptet", sagte Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) am Donnerstag in Berlin. Zuvor war sie ein Jahr in Folge von Quartal zu Quartal geschrumpft - im ersten Quartal mit 3,8 Prozent so stark wie noch nie.
Für die zweite Jahreshälfte erwartet Guttenberg wieder Wachstum. "Vor allem das anhaltende Plus bei den Bestellungen spricht dafür, dass die deutschen Unternehmen auch in der zweiten Jahreshälfte ihre Produktion weiter steigern können", sagte der Minister. Die Industrie hatte im Juni den vierten Monat in Folge mehr Aufträge erhalten. "Der wiederholte und stärker werdende Anstieg der Auftragseingänge ist ein breiter werdender Hoffnungsschimmer", sagte Guttenberg.
Gefahr für kleine und mittlere Betriebe
Er warnte aber auch vor übertriebener Euphorie. "Viele - vor allem auch kleine und mittlere Betriebe - müssen nach wie vor existenzgefährdende Auftragseinbrüche durchstehen", sagte Guttenberg. Die Gefahr eines erneuten Rückschlags sei nicht gebannt. Bei steigender Arbeitslosigkeit könne der private Konsum leiden. Eine erste offizielle Schätzung für die Konjunktur im zweiten Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt in der kommenden Woche.
Auch die Europäische Zentralbank (EZB) zeigt sich vorsichtig optimistisch. Bankpräsident Jean-Claude Trichet erklärte nach einer Sitzung des Rats in Frankfurt am Main, zwar werde die wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr voraussichtlich schwach bleiben, aber der Rückgang verlangsame sich erkennbar. Zuvor hatte der Rat den Leitzins für den Euroraum erwartungsgemäß auf dem Rekordtief von einem Prozent belassen.
"Die Stimmung ist - zu Recht oder zu Unrecht - etwas besser als in der Vergangenheit", sagte Trichet. Er wies aber auch darauf hin, dass die Konjunkturkrise in den kommenden Monaten verstärkt auf den Arbeitsmarkt durchschlagen wird. Generell rechnen die Währungshüter nach einer Phase der Stabilisierung im kommenden Jahr wieder mit positiven Quartals-Wachstumsraten.
Experten erwarten unveränderten Leitzins bis 2010
Zum letzten Mal hatte die EZB den Leitzins im Mai gesenkt und zwar auf das Rekordtief von einem Prozent. Um die Kreditvergabe zwischen den Banken anzukurbeln, hatten die Europäischen Währungshüter Ende Juni den Banken mit 442 Milliarden Euro für eine Laufzeit von zwölf Monaten die größte Liquiditätsspritze aller Zeiten verpasst. Zudem hat die EZB begonnen, besicherte Schuldverschreibungen wie zum Beispiel Pfandbriefe aufzukaufen, bisher im Volumen von 5,85 Milliarden Euro. Geplant ist ein Volumen von insgesamt 60 Milliarden Euro.
Der Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) zeigte sich wenig überrascht von der Entscheidung. VÖB-Hauptgeschäftsführer Karl-Heinz Boos sagte: "Sofern die leichte Konjunkturerholung Bestand hat und sich das wirtschaftliche Klima nicht massiv verschlechtert, wird der Leitzins unserer Überzeugung nach bis Mitte 2010 unverändert bleiben." Auch die britische Notenbank ließ am Donnerstag bei einer Sitzung am Donnerstag den Leitzins unverändert auf dem Rekordtief von 0,5 Prozent.
sam/Reuters/AP
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