Samstag, 31. Juli 2010

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01.11.2009
 

Kolumbien

Blumengruß zum Dumpingpreis

Aus Bogotá berichtet Knut Henkel

Kolumbien ist der zweitwichtigste Schnittblumenproduzent der Welt. Geliefert wird auch nach Deutschland. Doch die Branche leidet, Rosen und Nelken werden oft unter fragwürdigen Bedingungen gezüchtet - auf Kosten der Arbeiter.

Schon beim Anflug auf Bogotá schimmern die Plastikplanen im Sonnenlicht, die langen Reihen der Gewächshäuser sind mühelos aus der Luft zu erkennen. Jeder Kolumbianer kennt das Bild, jeder weiß, was dort gezogen wird: Schnittblumen, vor allem Rosen und Nelken. Per Flugzeug werden sie in die USA und nach Europa transportiert und für 30 bis 50 Cent pro Stück verkauft.

"Jeden Abend hebt mindestens eine Frachtmaschine ab", sagt Andres Toro. Er ist Generalmanager von Colibri Flowers, einem der vielen Unternehmen, das vor den Toren der kolumbianischen Hauptstadt Nelken und andere Schnittblumen produziert. Eines aber unterscheidet Colibri Flowers von der Konkurrenz: Die Blumen werden unter fairen Arbeitsbedingungen gezogen.

Was das heißt, sieht man an Helinda Romero Sánchez. Die 46-jährige Frau arbeitet für Toro und ist ausgesprochen zufrieden mit den Arbeitsbedingungen. Sie verdient zwar nur den Mindestlohn von rund 190 Euro im Monat, dafür unterhält das Unternehmen aber einen Kindergarten, unterstützt seine Angestellten beim Bau oder Erwerb eines eigenen Hauses und führt die Sozialabgaben ordnungsgemäß ab.

Keine Rentenzahlungen, keine Sozialabgaben

"Das ist in Kolumbien keine Selbstverständlichkeit", sagt sie. Ihr Mann streike gerade, weil sein Arbeitgeber zwei Jahre die Rentenzahlungen und mehrere Monate die Gesundheitsabgaben nicht abgeführt hat. Luis Daniel Ramírez heißt der Ehemann und ist bei Benilda S.A. angestellt, einem Großen der Branche. "War angestellt, muss es wohl eher heißen, denn das Unternehmen wird mit Ansage gegen die Wand gefahren", sagt der Blumenarbeiter, der in der Provinzstadt Facatativá lebt, rund 28 Kilometer von Bogotá entfernt.

Tatsächlich gehört Benilda zu den alteingesessenen Großbetrieben. Seit sieben Wochen streiken hier die Arbeiter, zu den Gründen will sich das Unternehmen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern. Auch nicht dazu, ob hier in Zukunft noch produziert wird. Viel Hoffnung, dass der Betrieb in absehbarer Zeit wieder aufmacht, hat Ramírez nicht. "Schauen Sie in die Büros oder ins Düngemittellager - alles ausgeräumt", sagt der hagere Mann mit den dichten, zurückgekämmten schwarzen Haaren. Gemeinsam mit den rund vierhundert Kollegen bestreikt er das weitläufige Areal mit den endlos anmutenden Reihen von Gewächshäusern. Fast zweihundert Hektar hat Benilda S.A. unter Plastik verpackt, um vor allem Rosen und Nelken en gros zu produzieren.

"Normalerweise haben jeden Tag zwei Trucks die Plantage in Richtung Flughafen verlassen", sagt auch Jorge Cantor, ein Kollege von Ramírez. Jetzt sind die Sortiertische leer, in den Rollwagen liegen nur noch vertrocknete Nelken. Nicht viel anders sieht es in den langen Reihen der Gewächshäuser aus. Viele Pflanzen sind vertrocknet, andere verblüht und hier und da flattert eine Plane im Wind. Ein tristes Bild des Niedergangs. Die Tage des Unternehmens, das einst 1800 Menschen beschäftigte, scheinen gezählt.

Blumenindustrie lebt vom Export in die USA

Denn der Branche geht es schlecht - was vor allem am chronisch schwachen US-Dollar liegt. Die kolumbianische Blumenindustrie lebt vor allem vom Export in die USA, dorthin gehen rund achtzig Prozent der Produktion. Der schwache Dollar sorgt in Kombination mit dem starken kolumbianischen Peso dafür, dass die Gewinne schmelzen, und leidet der Branche, die rund hunderttausend Menschen beschäftigt.

Und das hat Folgen - vor allem für die Arbeitnehmer. "Die Unternehmen geben die schmaleren Margen direkt an die Arbeiter weiter und haben die ohnehin nicht rosigen Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren weiter verschlechtert", sagt Omaira Paéz Sepulveda. Die 30-jährige Anwältin arbeitet seit fünf Jahren für die Nichtregierungsorganisation Cactus und ist regelmäßig in den Dörfern und Kleinstädten auf der Hochebene von Bogotá unterwegs. Früher waren die Arbeitnehmer, zumeist Frauen, direkt beim Unternehmen angestellt. "Heute sind es Subunternehmen, die den Frauen und Männern oft weniger als den Mindestlohn zahlen."

Das führt zu Lohndumping - und verstärkt den Druck auf die Unternehmen. Beim Branchenriesen Benilda scheint das mit ein Grund für die Schließung gewesen zu sein, denn viele Arbeiter haben alte Verträge und verdienen etwas besser als bei den Subunternehmen. 584.000 Peso statt des Mindestlohns von 496.900 kolumbianischen Peso sind es bei Jorge Cantor, der 24 Jahre bei Benilda gearbeitet hat und nun für seine Rechte streikt. Der Besitzer von Benilda, Pedro Mejia, hat einen Teil des Betriebsvermögen allerdings bereits an zwei weitere seiner Unternehmen im Blumensektor verlagert - keine guten Aussichten für die Arbeiter Benilda.

Wenig Interesse an Sozialstandards

Wehren können die sich allerdings kaum. "In den Betrieben gibt es keine Angestellten mit Direktverträgen mehr und kaum noch jemand ist gewerkschaftlich organisiert", sagt Aidé Silva, Vorsitzende der kleinen Branchengewerkschaft Untraflores. Bei den Kooperativen sind Gewerkschaftler nicht erwünscht und das gilt für viele Unternehmen der Blumenbranche. "Unabhängige Gewerkschafter nicht erwünscht" lautet das Motto der Branche, bestätigt auch Anwältin Omaira Paéz Sepulveda.

Wirklich ändern könnten an dieser Situation nur die Kunden - doch da macht sich die Juristin wenig Hoffnung. Zwar importiert Deutschland im Jahr Blumen im Wert von einer Milliarde Euro - aus Kolumbien kommen aber nur Rosen und Nelken im Wert von neun Millionen. Über 80 Prozent der kolumbianischen Blumen gehen in die USA - und dort ist man in der Frage nach Sozialstandards weit weniger sensibel als in Europa. Auch der nationale Blumenverband Asocolflores, in dem rund siebzig Prozent der Unternehmen der Branche organisiert sind, macht kaum Anstalten, für faire Leitlinien zu sorgen. "Mit Flor Verde hat man ein Label auf dem Markt gebracht, dass faire Produktionsbedingungen suggeriert, aber nichts anders als eine Mogelpackung ist", sagt Paéz Sepulveda.

Das bestätigen auch deutsche Organisationen wie Fian International. Die Menschenrechtsorganisation setzt sich wie Terre des Hommes oder das Diakonische Werk für menschenwürdige Arbeitsbedingungen in der kolumbianischen Blumenindustrie ein. Gertrud Falk von Fian International geht sogar noch weiter: Asocolflores decke schwerwiegende Arbeitsrechtsverletzungen seiner Mitgliedsunternehmen. "Das trifft auch auf die Betriebe zu, die von dem verbandseigenen Siegel Flor Verde zertifiziert sind. Ein Siegel ist aber nur dann glaubwürdig, wenn es international anerkannte Arbeitsrechte garantiert."

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