Aus Bogotá berichtet Tobias Käufer
Die Konteninhaber sind entweder tot oder haben einfach Angst: Mehrere Millionen Dollar aus den Gewinnen des legendären kolumbianischen Medellin-Kartells schlummern auf vergessenen Konten in der Schweiz, Luxemburg und in Panama. Jetzt haben sie das Interesse von US-Steuerfahndern auf sich gezogen.
Nach Informationen des kolumbianischen Nachrichtenmagazins "Semana" soll es sich um mindestens 30 Millionen Dollar handeln, die mutmaßlichen Strohmännern der kolumbianischen Kokainmafia zugeordnet werden können.
Das Medellin-Kartell um den 1993 erschossenen Drogenbaron Pablo Escobar kontrollierte in den achtziger und neunziger Jahren weite Teile des globalen Kokainmarktes. Das US-Magazin "Forbes" führte Escobar damals sogar auf der Liste der weltweit reichsten Menschen - zeitweise auf Rang sieben. Damals soll das Privatvermögen des skrupellosen Mafia-Bosses fast drei Milliarden Dollar betragen haben.
Escobar leistete sich Luxuskarossen, einen Privatzoo, unzählige Immobilien und ein Heer an Auftragsmördern, die für ihn Hunderte Polizisten und Richter aus dem Weg räumten. Und er gönnte sich gewiefte Finanzberater, die ein weltweit verzweigtes Netz von Konten aufbauten, auf denen die Drogengelder versteckt wurden.
Als Escobar am 2. Dezember 1993 auf der Flucht im Kugelhagel einer Spezialeinheit ums Leben kam, brachen weite Teile des Medellin-Kartells zusammen. Und damit auch das globale System von Konten, Strohmännern und fingierten Firmen, wo Escobar und seine Handlanger die riesigen Gewinne parkten. Übrig blieben vereinzelte Konten, die seit vielen Jahren eine Art Winterschlaf führen und nun offenbar von einer US-amerikanischen Steuerfahndereinheit entdeckt wurden.
Seit 20 Jahren keine Kontobewegungen
Die Liste, die die Zeitschrift "Semana" jetzt veröffentlichte, ist präzise: Bei der luxemburgischen BGL BNP Paribas sollen beispielsweise rund zwei Millionen Dollar liegen, beim Kreditinstitut Crédit Lyonnais aus Frankreich werden 1,6 Millionen vermutet - und bei der Schweizer UBS eine knappe Million. Insgesamt dienen mehr als 20 Familienangehörige eines kolumbianischen Geldwäschers nach ersten Erkenntnissen der Ermittler als Strohmänner.
Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte UBS-Sprecher Serge Steiner die Informationen weder bestätigen noch dementieren. Stattdessen verwies er auf die übliche Vorgehensweise in einem solchen Fall: "Bei Verdacht auf Geldwäscher oder Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation ist die UBS verpflichtet, der Meldestelle für Geldwäscher Meldung zu erstatten und die Gelder zu blockieren."
Wesentlich konkreter sind da schon die Ergebnisse, die "Semana" ans Tageslicht beförderte: Seit Ende der achtziger Jahre seien auf den Konten keine Geldbewegungen mehr vorgenommen worden. Deren nominelle Inhaber seien entweder in der Zwischenzeit verstorben oder hätten Angst, auf die versteckten Reichtümer zurückzugreifen, weil sie neue Ermittlungen seitens der Behörden fürchten.
Was mit den Kokainmillionen passiert, ist offen
Allerdings kommen die Untersuchungen nur zäh voran - auch weil einige der Konten von Personen eröffnet wurden, die real nie existierten. Die kolumbianischen Mafiosi nutzten gefälschte Pässe, um ihre wahre Identität zu verschleiern.
Besonderes Interesse der Fahnder zog Carlos Alberto Gaviria Velez auf sich, ein enger Verwandter eines ehemaligen Beraters von Kokainkönig Escobar. Aus seinen Konten soll unter anderem ein Auftragsmord am angesehenen kolumbianischen Journalisten Guillermo Cano finanziert worden sein, der für die Tageszeitung "El Espectador" arbeitete.
Was mit den gefundenen Kokainmillionen nun passiert, ist offen. Der kolumbianische Kolumnist Daniel Coronel erwartet einen neuen Streit zwischen den USA und der Schweiz, deren Beziehungen wegen des jüngsten Konflikts um die Kontodaten mutmaßlicher Steuersünder ohnehin angespannt sind.
Dabei könnte es auch um die Auslieferung mutmaßlicher Hintermänner und Helfer der Geldwäsche gehen, deren erstklassige Kontakte bis in die hohe Politik reichen. Vielleicht auch deshalb hielten sich die kolumbianischen Behörden auffällig zurück: "Bis jetzt hat Kolumbien weder Interesse an dem Geld noch an dessen Geschichte gezeigt", schrieb Coronel.
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH