Von Hasnain Kazim, Islamabad
Der Mann ohne Beine hockt auf einer Sperrholzplatte. Vier Räder von einem Bürostuhl sind darunter geschraubt. Mit beiden Händen schiebt er sich auf einer Hauptstraße von Mumbai vorwärts, die Handinnenflächen sind schwarz vom Staub. Er rollt an einer Touristengruppe aus Deutschland vorbei, ein paar ältere Frauen bleiben stehen, schauen den Mann an und reichen ihm ein paar Geldscheine.
Der Mann hält, lächelt sie zahnlos an, nimmt die Scheine, faltet sie zusammen, hebt die Banknoten zum Dank an seine Stirn und steckt sie sich dann in seine Hemdtasche. Dann fährt er weiter. Eine der Frauen schüttelt den Kopf. "Mein Gott, und ich dachte, Indien wäre ein reiches Land."
Keine fünfhundert Meter entfernt ragt ein neues Hochhaus in den Himmel, die Unterkunft des indischen Industriellen und Multimilliardärs Mukesh Ambani. Das Gebäude hat etwa zwei Milliarden Dollar gekostet, es ist die teuerste Privatresidenz der Welt. Sechs Stockwerke umfasst allein die Garage für den Luxusfuhrpark der Familie, außerdem haben in dem Haus 600 Bedienstete Platz, die für das Wohl der Ambanis sorgen. Ein Kino ist im Haus, ebenso zwei Stockwerke Fitnesscenter und drei Hubschrauberlandeplätze.
Der eigentliche Wohnraum umfasst 27 Stockwerke, für Ambani, seine Mutter, seine Frau und drei Kinder. Ambani soll im Oktober 2007 wegen gestiegener Aktienkurse zeitweise der reichste Mensch der Welt gewesen sein. Seit Anfang 2009 lebt er nun in dem Wolkenkratzer. Staunend fotografiert die Touristengruppe sein architekturgewordenes Schaut-was-ich-geschafft-habe.
Indien, ein Land der Gegensätze, hat im zurückliegenden Jahrzehnt gelernt, sich zur Schau zu stellen. Es hat viel dafür getan, dass sich die Wahrnehmung ändert: weg vom Image des rückständigen Staates, geplagt von Dürren und Hungerkatastrophen, bevölkert von Bettlern, die auf Mutter Teresa angewiesen sind - hin zu einer modernen, ökonomisch aufstrebenden Demokratie, in der sich die Superreichen obszöne Extravaganzen leisten können.
Der Unternehmerverband Confederation of Indian Industry (CII) finanzierte mit der indischen Regierung eine Millionenkampagne, um Indien wie eine Marke zu etablieren. Im Frühjahr 2006 zierten auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos bunte Banner mit dem Spruch "India everywhere" die Stadt, Schönheiten in Saris verteilten iPods als Werbegeschenke. Die Aktion sollte das Bild der "am schnellsten wachsenden demokratischen freien Marktwirtschaft" vermitteln - im Kontrast zum zwar schneller wachsenden, aber undemokratischen China. Auf die versammelten Manager, Staats- und Regierungschefs machte das Eindruck. Schon vier Jahre zuvor, im Dezember 2002, hatte das Tourismusministerium in Neu-Delhi die Kampagne "Incredible India" gestartet, die Indien farbenfroh und bilderstark als Urlaubsziel vermarktete. Bis heute investiert die Regierung Millionen für ihre weltweite Werbung.
Die Imagepflege hat sich bezahlt gemacht
Früher lästerten deutsche Politiker abfällig über "Computerinder" - ein paar Jahre später schlucken nun indische Industriekonzerne westliche Traditionsfirmen. Bollywoodfilme haben den Weg in die deutschen Privatsender gefunden, Leser entdeckten indische Autoren, indische Milliardäre wie Ambani tauchten auf den vorderen Plätzen der Reichenlisten auf.
Tatsächlich lag die indische Wirtschaft bis Anfang der neunziger Jahre am Boden. Erst die 1991 eingeleiteten Reformen - die vorsichtige Öffnung für ausländische Investoren und das drastische Senken der Zölle - brachten die erhoffte Dynamik.
Trotzdem blieb Indien in der westlichen Wahrnehmung das Armenhaus der Welt. Erst die Kampagnen von Politik und Wirtschaft in diesem Jahrzehnt haben den Ruf verbessert. Immer mehr ausländische Investoren interessieren sich für das Land. Kaum ein Tag vergeht, an dem kein westlicher Politiker samt Wirtschaftsdelegation in Neu-Delhi vorbeischaut.
Seit 2000 verzeichnet Indiens Wirtschaft jährlich ein Plus von mehr als sechs Prozent. Für das zweite Quartal dieses Jahres meldet Neu-Delhi einen Zuwachs von 7,9 Prozent, für das Gesamtjahr rechnet man mit etwa sieben - als habe es die Weltwirtschaftskrise nie gegeben.
Die Börse hat sich schnell erholt
Tatsächlich hat sich die Krise nur auf die Börse in Mumbai ausgewirkt. Die Kurse brachen nach Jahren des Höhenflugs um etwa 50 Prozent ein - erholten sich dann aber rasch wieder.
Als Vorteil erwies sich, dass Indiens Wirtschaft trotz Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung der vergangenen Jahre noch immer stark vom Staat kontrolliert wird. Ebenso half, dass Indien anders als China kaum von Exporten abhängig ist. Aus dem Schwellenland ist ein Wirtschaftswunderland geworden.
Diese Wahrnehmung täuscht allerdings über einige Fakten hinweg. Indien hat knapp 1,2 Milliarden Einwohner und ist das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde - sein Bruttoinlandsprodukt liegt nur knapp über dem der Niederlande und noch unter dem Spaniens. Die Pro-Kopf-Leistung liegt damit immer noch auf extrem niedrigem Niveau. Das Potential ist also längst nicht ausgeschöpft.
Indien setzt darauf, dass das bisherige Wachstum in den kommenden Jahrzehnten anhält. Ökonomen sind überzeugt, dass das Land bis 2050 zu den drei größten Volkswirtschaften der Welt gehören wird.
Trotz Demokratiedefiziten, Korruption, überbordender Bürokratie, einem nach wie vor drastischen Wohlstandsgefälle und einer überproportionalen Abhängigkeit der Ökonomie von der Landwirtschaft - das Selbstbewusstsein der Inder ist heute enorm gestärkt. Es ist kein Gegensatz mehr, dass Neu-Delhi einerseits mit den USA ein Abkommen über die zivile Nutzung von Atomenergie abschließt und andererseits Waffen aus Russland bestellt.
Indien, China, Brasilien - der Westen bekommt Konkurrenz
Indiens Aufstieg in diesem Jahrzehnt dürfte einzigartig sein. Doch auch andere Schwellenländer haben in den vergangenen zehn Jahren eine wichtigere Rolle bekommen. Ihre Bevölkerungen wachsen deutlich, im Gegensatz zu jenen der westlichen Staaten - zugleich liegt das Wirtschaftswachstum deutlich über dem der alten Industrieländer. China trägt inzwischen etwa sechs Prozent zur Weltwirtschaft bei, schon genauso viel wie Deutschland.
Die Ära der großen Mächte ist vorbei, pragmatische Bündnisse treten an ihre Stelle: G20 statt G8. Wer sich dieser Erkenntnis nicht fügt, verliert.
Der Bedeutungsverlust der Vereinten Nationen hat auch damit zu tun, dass der Sicherheitsrat sich trotz veränderter Weltlage nicht reformiert und neuen Mitgliedern den Zutritt verweigert. Die Klimaverhandlungen zeigen gerade, dass eine nachhaltige Lösung nur unter Einbindung der aufstrebenden Schwellenländer möglich ist - und die fordern im Gegenzug ein Entgegenkommen der alten Umweltsünder, der Industrienationen, auf anderen Gebieten.
Diese Entwicklung wird im Westen selten als Chance wahrgenommen, sondern meist als Bedrohung, denn der Aufstieg der Zweiten Welt geht einher mit einem Bedeutungsverlust der Ersten. Außerdem nehmen die Schwellenländer wenig Rücksicht auf westliche Empfindlichkeiten. Längst nutzt China afrikanische Staaten als Rohstofflieferanten, Länder, die der Westen bislang ignoriert hat. Und längst betreibt China mit jedem als "Schurkenstaat" gebrandmarkten Land Handel und ignoriert westliche Boykottbeschlüsse.
Auch die Türkei, Indonesien, Südafrika, Mexiko, Brasilien, Argentinien und Saudi-Arabien beanspruchen eine neue, eine wichtigere Rolle. Die Türkei zum Beispiel verweist auf die Scharnierfunktion zwischen Europa und Asien, Indonesien auf seinen Status als bevölkerungsreichstes islamisches Land. Brasilien fordert als größtes südamerikanisches Land mehr Einfluss, Südafrika als wirtschaftsstärkstes afrikanisches Land.
Wenn sich die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre fortsetzt, dann werden die kommenden zehn Jahre die Weltordnung noch deutlicher verändern - und die Schwellenländer viel mehr zu sagen haben als bisher.
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ist für Indien doch eher China. bzgl. Pakistan verlassen die Inder sich genüsslich auf die Euro-Amerikanische Koalition in Afghanistan. Und das mit der indischen Wirtschaft: DA haben Sie Recht. mehr...
indiens wirtschaft ist auf glas gebaut. das land lebt von den ausländischen unternehmen, die sich dort angesiedelt haben. dabei darf man indien jedoch nicht die masse an hochqualifizierten jungen arbeitern, besonders in der it [...] mehr...
Der ganze Kontinent steuert in nördliche Richtung, was unschwer zu erkennen ist: Der Himalaya ist nicht zu übersehen. Damit das Gebirge nicht zu hoch wird legen Chinesen Gegengewichte auf Tibet. Tektonische Ereignisse werden in [...] mehr...
Also zurzeit gedeiht der Manchester-Kapitalismus in seiner menschenverachtendsten Form wohl am prächtigsten im offiziell immer noch "kommunistischen" China. mehr...
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