Wirtschaft



ThemaKöcheRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.12.2009
 

Qualitätskoch Vincent Klink

Ideologe am Herd

Aus Stuttgart berichtet Christoph Ruf

Sterne-Koch Klink: "Wie soll der Koch gut kochen, wenn er schlechter isst als der Gast?"Zur Großansicht
DPA

Sterne-Koch Klink: "Wie soll der Koch gut kochen, wenn er schlechter isst als der Gast?"

Gutes Essen hat einen Wert - und darf keine Billigware sein, sagt Spitzenkoch Vincent Klink. Ein Besuch in seinem Stuttgarter Restaurant, wo man vor allem eines lernt: Statt Stopfleber und Pastete isst man besser mal ein Schwein, das glücklich gelebt hat.

Stuttgart ist die meistunterschätzte Stadt Deutschlands - diesen Satz hört man meist von Menschen aus eben jener Stadt. Aber es gibt Orte in der Stadt, an denen man zu ahnen beginnt, dass sie Recht haben könnten.

Einer davon ist die villengesäumte Weinsteige im großbürgerlichen Stadtteil Degerloch. Hier, 392 Meter über dem Meer, hat man einen phantastischen Blick auf die rebbewachsenen Hänge rund um die Stadt. Hier oben liegt Vincent Klinks "Wielandshöhe".

Wenn hier in ein paar Stunden die ersten Gäste zum Mittagessen kommen, ahnen sie nicht, dass hinter den Kulissen seit Stunden schwer an ihrem Gericht gearbeitet wird. Ein halbes Dutzend Köche steht hier schon in der Küche. Sie schneiden Gemüse, setzen eine Sauce zum Fisch an, reduzieren eine andere für das Lamm.

Und mittendrin steht Vincent Klink, der gerade einen Kalbsbraten in den Ofen geschoben hat. Wie seine Angestellten wird er noch bis spät abends weiterarbeiten - denn gemeinsam haben sie einen ziemlich guten Ruf zu verteidigen.

"Medaillon mit Stopfleber und Trüffelsauce" gibt es nicht

Die "Wielandshöhe" hat seit Menschengedenken einen Michelin-Stern, obwohl der Chef selbst sich gar nicht so viel drauf einbildet. Wer "Medaillon mit Stopfleber und Trüffelsauce" auf der Karte führe, habe den Stern fast schon sicher, sagt er fast abschätzig. Seine Definition von Luxus dagegen ist eine andere: Es geht um die Qualität - und nichts anderes.

"Wir haben gerade ein Schweinekotelett auf der Karte, das gibt es so vielleicht 20-, 30-mal in Deutschland." 34 Euro koste es - und viele seiner Kunden finden das noch günstig. Denn Klink bezieht sein gesamtes Fleisch aus Hermannsdorf in Bayern, von einem konsequent ökologisch bewirtschafteten Hof des ehemaligen Discounter-Wurstfabrikanten Karl Schweisfurth ("Herta"). Die Güte der Rohstoffe ist es also, die für Klink ein Luxusessen ausmacht.

Was er damit meint, zeigt sich später auf dem Tisch. Gereicht wird nicht irgendeine Butter, sondern ein dicker, goldgelber Klotz, dessen Konsistenz an Mürbeteig erinnert: "Meersalzbutter aus der Bretagne", sagt Klink - und schaut dabei genauso glücklich wie sein Gast.

Denn Klink lebt sein Konzept, man kann es nicht anders sagen. Er trägt einen gut sichtbaren Bauch vor sich her, er isst selbst gerne gut, und das sieht man auch. Er erwartet die gleiche Einstellung von seinen Angestellten. Sie bekommen das Gleiche wie die Gäste - ob es das Fleisch vom Ökohof oder der biologische Apfelsaft ist. "Wie soll der Koch vernünftig kochen, wenn er wesentlich schlechter essen muss als der Gast?"

Der Laden muss laufen - sonst geht die Rechnung nicht auf

Wer Klink beim Kochen zuschaut, dem wird schnell klar, warum ein Hauptgericht in der Spitzengastronomie schnell einmal 40 Euro kostet. Das ist viel Geld und doch nicht teuer, wenn man es durch die Augen von Klink sieht. Denn statt Jägerschnitzel, Pizza Salami oder Huhn süß-sauer in wenigen Minuten von einem einzigen Angestellten zubereitet, arbeiten bei Klink 24 Menschen im Service und in der Küche.

Dazu kommen die Kosten für die Lebensmittel - zum Beispiel der Steinbutt, der im Einkauf 40 Euro pro Kilo kostet. Oder die wenigen Kilo vom Schwein, aus denen Klink die Koteletts schneidet. Sie kosten so viel wie anderswo ein ganzes Exemplar von tranquilizergesättigten Massenschweinen, das mit zigtausend anderen Tieren in einem riesigen Stall dahinvegetiert hat.

Klar ist aber auch: Um einen Betrieb wie die "Wielandshöhe" zu refinanzieren, muss der Laden gut laufen. Und das tut er - an diesem Mittag sind etwa 40 Gäste da, abends sind es in der Regel mindestens 70. Als "Apéritif" bekommen sie ein Stück Lauchtarte, danach gibt es eine Tafelspitzsülze mit blanchiertem Gemüse, die einen demütigen Gast zurücklässt. Erst danach kommen die Gänge, die man in der Wielandshöhe in Rechnung stellt.

"Jedes Gespräch schützt vor Betriebsblindheit"

Während die Gäste entspannt die Köstlichkeiten genießen, herrscht in der Küche der pure Stress. Mit schnellen Bewegungen gehen die Köche ihre Arbeit nach, keiner achtet auf die auf- und zugehende Tür, Ablenkung kann keiner gebrauchen. Gerade werden vier Teller angerichtet, mit zwei Bewegungen aus dem Handgelenk ein Saucenstrich neben ein Lammmedaillon gezaubert, das zartrosa serviert wird und keine 20 Sekunden zu lang oder zu kurz in der Pfanne bleiben darf. Überall dampft, blitzt und zischt es, als stehe jeden Moment eine fatale Explosion bevor.

Inmitten des ganzen Chaos steht Klink, schmeckt hier eine Sauce ab und schaut dort nach dem Wohlergehen des Kalbsbratens. Und doch lässt er sich eines nicht nehmen: Nach zwei Gängen kommt er ins Restaurant und bleibt an jedem Tisch stehen. "Jedes Gespräch mit einem Gast schützt vor Betriebsblindheit", sagt er. Und es ist natürlich gut fürs Selbstbewusstsein - an manchem Tisch verrät der Blick der glücklich Essenden, dass sie kurz davor sind, sich ein Autogramm auf die Stoffserviette geben zu lassen.

Da allerdings würde es wohl Ärger mit der Chefin des Hauses geben. Denn Elisabeth Klink hat sie mit Bedacht ausgesucht, genau wie die frischen Blumen, die auf jedem Tisch stehen. "Trockenblümle" kämen ihm nicht auf den Tisch, sagt Vincent Klink (zu dem Hochdeutsch in etwa so gut passen würde wie ein Magermilchjoghurt). Wer in der Gastronomie reich werden wolle, fange zwar an zu rationalisieren. Aber er habe damit auch seinen Beruf verfehlt.

Sagt er - und verschwindet wieder in der Küche.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 26 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
07.01.2010 von RobWe: Hausmannskost?

Erlesene Zutaten sind die Grundvoraussetzung JEDER guten Küche, ob Hausmannskost, oder Gourmetküche - irgenwie scheint diese Binsenweiheit bei dem Discouterwahn unserer Landsleute aber wohl untergegangen zu sein. [...] mehr...

29.12.2009 von README.TXT: Klink im TV

Dann schalten sie mal das Dritte ein, dort bruzelt er ständig in irgendeiner Sendung, auch Samstags zur Primetime. Der gehört beim SWR schon zum Inventar. mehr...

28.12.2009 von prenzberger: Braten

Der Möchtegern-Hobbykoch von heute nimmt statt Maggi dann eben ein Glas Kalbsfond zu 2,79€ mit der Hauptzutat "Hefeextrakt". Igitt. Ein Kollege von mir war neulich völlig perplex, als ich ihm mein einfachstes [...] mehr...

28.12.2009 von prenzberger: ...

Dann haben Sie den Artikel einfach nicht richtig gelesen. Bei Klink entsteht der hohe Preis eben nicht durch die Verwendung von Jakobsmuscheln oder Hummer an einem Schäumchen von getrüffelter irgendwas sondern durch die erlesene [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles zum Thema Köche

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Verwandte Themen

Zur Person

Vincent Klink wurde am 29. Januar 1949 in Gießen als Sohn eines Tierarztes geboren. Nach der Lehre betrieb er in seinem Heimatort Schwäbisch Gmünd den "Postillon", ehe er 1991 die "Wielandshöhe" in Stuttgart übernahm. Bekannt wurde Klink durch seine Auftritte im "ARD-Buffet". Dabei sieht sich Klink im Gegensatz zu typischen "Fernsehköchen" eher als Handwerker denn als einen, der einen "Flic Flac über dem Herd kann", was er im Übrigen "alles andere als ehrenrührig" gemeint haben will. Anstatt den Flic Flac zu üben, gibt Klink (Flügelhorn, Querflöte) lieber Jazzkonzerte und schreibt zusammen mit dem Literaten Wiglaf Droste die "so vierteljährlich wie möglich" erscheinende kulinarische Zeitschrift "Häuptling eigener Herd."

Buchtipp

Vincent Klink:
"Sitting Küchenbull"
Gepfefferte Erinnerungen eines Kochs

Rowohlt Verlag; 219 Seiten; 19,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen





TOP



TOP