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27.06.2010
 

Lehren aus der Finanzkrise

"Vermögen bedeutet, etwas Sinnvolles zu tun"

Von Silke Kampmann

Soziale Millionäre: Geld für sinnvolle Zwecke
Fotos
Corbis

Ganze Staaten wanken, Hunderttausende bangen um ihre Jobs - doch ein paar Superreiche leben in Saus und Braus: Für Wirtschaftsethiker ist die Finanzkrise ein perfektes Studienobjekt. Sie forschen, entwickeln neue Modelle und appellieren an die Elite: Kehrt endlich zu den alten Werten zurück!

Hamburg - Es ist eine Menge, was Peter Löscher und Heinz-Horst Deichmann verbindet: Der Siemens-Chef und der Schuh-Baron kommen beide aus der Wirtschaft, verdienen viel Geld - und stecken große Teile davon in soziale Projekte. Deichmann etwa gründete das Sozialwerk "Wort und Tat", das Menschen in Entwicklungsländern durch den Bau von Schulen und Krankenstationen unterstützt. Löscher stiftete einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der TU München - aus seinem Privatvermögen.

Mit Menschen wie Löscher und Deichmann beschäftigt sich Thomas Druyen täglich. Der Soziologe Druyen leitet den europaweit einzigen Lehrstuhl für vergleichende Vermögenskultur an der Sigmund-Freud-Privatuniversität in Wien. Er beobachtet und befragt regelmäßig Wohlhabende nach ihrem Verhältnis zu Geld und ihrem gesellschaftlichen Engagement, seine Studienobjekte sind die 500 reichsten Deutschen.

Druyens These: Es gibt einen Unterschied zwischen "Reichen" und "Vermögenden". Der ersten Gruppe geht es um maximale Gewinne, die zweite gibt einen Teil ihres Geldes in Form karitativen Engagements an die Gesellschaft zurück. "Reichtum bedeutet, etwas zu haben. Vermögen bedeutet, etwas Sinnvolles damit zu tun", bringt Druyen es auf den Punkt. Löscher und Deichmann sind nach dieser Definition "vermögend" - und nicht einfach nur "reich".

Mit seinen Forschungen trifft Druyen einen Nerv der Zeit. Denn in der Finanzkrise fällt die Elite vor allem durch gierige Banker auf, weniger durch ehrbare Kaufleute. Und die Kluft zwischen Reich und Arm wird immer größer. Die Kernfrage von Druyens Untersuchungen: Wie kann man wirtschaftlichen Erfolg und Ethik langfristig miteinander vereinbaren?

Das Bewusstsein für ethisches Handeln ist gestiegen

Seine Ergebnisse machen Hoffnung: Fast 50 Prozent der von ihm Befragten sind bereit, sich durch Spenden oder Stiftungen sozial zu engagieren. "Die bedrohlichen Erfahrungen mit Klimawandel, Globalisierung und Finanzmärkten haben dazu geführt, dass in den vergangenen zehn Jahren das Bewusstsein für ethisches Handeln gestiegen ist", sagt Druyen.

Und trotzdem bleiben Löscher und Deichmann Ausnahmen. In vielen Bereichen fehle nach wie vor die ethische Verantwortung, kritisiert Druyen. "Denken wir an die Griechenland-Krise. Wie manche Spekulanten auf den Verfall eines ganzen Staates wetten, ist untragbar", sagt er. "Diese Art von Spekulation muss in die Schranken gewiesen werden."

Für den Soziologen steht daher fest: Ganz ohne staatliche Eingriffe geht es nicht. "Es bedarf systemischer Veränderungen, um soziale Verantwortung zu institutionalisieren." Dem pflichten auch andere Theoretiker bei: "Die Rahmenbedingungen für eine faire Ökonomie muss der Staat schaffen", sagt Anselm Bilgri, ehemaliger Benediktiner-Pater und wirtschaftlicher Leiter der Abtei St. Bonifaz/Andech. Und weiter: "Eine Regierung darf nicht Handlager einer verantwortungslosen Gesellschaft sein."

Andere halten es dagegen für notwendig, die Elite stärker in die Pflicht zu nehmen. "Vermögen ist keine Privatangelegenheit", sagt Ulrich Thielemann, Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. Bei überdurchschnittlichem Einkommen oder großen Vermögen müsse die Fairnessfrage gestellt werden. "Ich kann mir beispielsweise nicht vorstellen, dass Managergehälter in sechsstelliger Höhe als leistungsgerecht bezeichnet werden können", sagt er.

Begrenzung variabler Vergütungsanteile

Thielemann fordert daher eine ganz neue Wirtschaftslehre. Dazu müssten vor allem die Entscheider zum Umdenken bewegt werden, zum Beispiel durch die Einführung eines flächendeckenden Netzes von Lehrstühlen für Wirtschaftsethik. Auch müssten die variablen Vergütungsanteile von Managern begrenzt und das Kapitaleinkommen wieder mindestens gleichmäßig besteuert werden.

Allein von oben herab könne eine Neuordnung zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem jedoch nicht stattfinden, warnt der Theologe Bilgri. Er fordert Eigeninitiative von jedem einzelnen Bürger. "Der Konsument hat eine Marktmacht. Wenn er die einsetzt, indem er verantwortungsvoll konsumiert und investiert, sind die Unternehmen gezwungen, ihre Firmenstrategie und Produkte entsprechend anzupassen."

Ein gutes Beispiel ist nach Ansicht Bilgris die Finanzkrise. "Nicht nur die Banker und Manager, auch Kleinanleger ließen sich von der Gier leiten. Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen."

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