Wirtschaft



ThemaWirtschaft in ChinaRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.08.2010
 

Industriewende in China

Die Billigwerkstatt rüstet auf

Von Andreas Lorenz, Peking

Edel statt Billig: Chinas Wunschwirtschaft
Fotos
AP

Chinas Wirtschaft soll sich grundlegend wandeln. Die KP will aus dem Land der Billigfabriken einen Standort für Edelware machen - doch das ist nicht so einfach, wie es sich die Funktionäre vorstellen. Lähmende Bürokratie bremst die Forschung, nur wenige Firmen haben kreative Ideen.

Einst war China ein Land der Erfinder. Seine Wissenschaftler haben das Papier erfunden, Druckmaschinen, den Kompass, den Seismografen. Seine Astronomen vermaßen den Himmel, zeichneten Sternenkarten.

Vor rund 500 Jahren allerdings verlor das Land seinen Drang zu Innovationen - die Kaiser waren sich selbst genug und an Neuerungen nicht interessiert.

Nun meldet sich China zurück: Seine Astronauten flitzen durchs Weltall, und in chinesischen Fabriken entstehen Airbusse, das iPhone, das iPad. Chinesische Arbeiter bauen Hochgeschwindigkeitszüge, Windparks, Atomreaktoren. Fast überall in dem Riesenreich ist es möglich, mit dem Handy zu telefonieren. Internetverbindungen per Breitband sind selbst in der tiefsten Provinz selbstverständlich.

Zwar beherrschen nach wie vor Niedriglohnfirmen für einfache Produkte die Wirtschaft; durch sie ist China in den Rang der zweitgrößten Exportnation der Welt aufgestiegen. T-Shirts, Spielzeuge, Waschmaschinen - die Billigwaren aus dem Perlfluss- oder Jangtse-Delta brachten Jobs für Millionen Städter und Wanderarbeiter. Doch jetzt will China zum Sprung zur Hightech-Nation ansetzen. "Wir sollten wissenschaftliche und technologische Innovationen als kraftvollen Motor des Wirtschaftswachstums ansehen und uns mehr auf sie stützen", sagte Premierminister Wen Jiabao kürzlich. "Wir wollen China in eine innovative Nation verwandeln."

Innovation, Innovation, Innovation. "Einheimische Innovation" lautet denn auch das offizielle Schlagwort für die chinesische Industriepolitik. Jüngst kündigte die Regierung sogar an, dass Behörden prinzipiell Produkte mit chinesischen Technologien kaufen müssten. Bei ausländischen Unternehmen löste dies Verstimmung aus.

Hinter der Haltung steckt die Erkenntnis, dass sich Chinas Boom nicht ewig auf die Herstellung billiger Produkte stützen kann:

  • Der Preis, den die Chinesen für ihren bisherigen Aufstieg bezahlen müssen, ist zu hoch. Ein großer Teil der Flüsse, Seen und Felder ist vergiftet und ruiniert.
  • Eine neue Generation von Arbeitern fordert mehr Lohn - gleichzeitig wird die Konkurrenz anderer Länder wie Indien, Bangladesch und Vietnam schärfer. Das Billigprinzip funktioniert womöglich nicht mehr lange.
  • Chinesische Firmen und Politiker wollen nicht länger mitansehen, wie ein Großteil der Gewinne aus der chinesischen Produktion ins Ausland fließt. Vom Preis, den die Kunden für ihren iPod an der Kasse in New York, Tokio oder Berlin zahlen, landen nur wenige Dollar bei den Herstellern in China. Für ein Paar Nike-Schuhe sehen chinesische Arbeiter nur Cents.
  • Außerdem muss das Land Know-how im Ausland einkaufen. Chinesische Telekommunikationsunternehmen haben nach Schätzung von Experten in der Vergangenheit allein für die Handy-Technologie rund hundert Milliarden Dollar an Lizenzgebühren bezahlt.

Der Industriefunktionär Fan Chunyong klagt: "Unsere Kleidung ist italienisch, französisch, deutsch. Die Profite wandern aus China ab. Wir brauchen eigene Marken, und zwar schnell." Bisher haben sich international kaum chinesische Markennamen etablieren können, vielleicht Haier, Lenovo und Huawei - aber das reicht nicht. Die neue Devise ist: Edelprodukte schaffen.

Die chinesische Auto- und Batteriefirma BYD arbeitet an einem Elektrofahrzeug für den Weltmarkt. Hochspezialisierte Forscher in Bio-, Chemie- und Medizinlaboren tüfteln an Genstrukturen, versuchen sich an neuen Pillen. In allen großen Städten Chinas entstehen Wissenschaftsparks. Paradebeispiel ist Pekings Computerbezirk Zhongguancun mit Dutzenden von Forschungs- und Entwicklungsbüros, die dem kalifornischen Silicon Valley Konkurrenz machen wollen.

Die Universitäten entlassen Jahr für Jahr mehr Absolventen. Inzwischen veröffentlichen nur die USA noch mehr Forschungsergebnisse in internationalen wissenschaftlichen und technischen Zeitschriften. Chinas Patentfunktionäre haben schon 2008 mehr als 800.000 Anträge bearbeitet und 200.000 anerkannt - eine beeindruckende Zahl. Allerdings sind bahnbrechende Neuerungen rar, sagen ausländische Experten und Geschäftsleute. Oft handele es sich um Verfeinerungen und Verbesserungen schon bestehender Technologien.

Der ehemalige Präsident der EU-Handelskammer, Jörg Wuttke, konstatiert "ein großes Missverhältnis" zwischen den Summen, die für chinesische Universitäten ausgegeben werden, und den wenigen Produkten, die dabei herauskommen. Klar ist: China muss noch einige Probleme meistern, um zum Standort für Edelprodukte zu werden.

  • Nur wenige private Unternehmen leisten sich Forschungsabteilungen. Die Manager sind mehr an schnellen Profiten interessiert oder ziehen es vor, in neue Produktionsstätten zu investieren. Außerdem zögern die Banken nach wie vor, privaten Firmen Geld zu leihen.
  • Die Schulen und Universitäten regen Schüler und Studenten nicht genügend dazu an, schöpferisch zu werden. Der staatliche Wissenschaftsapparat ist zu bürokratisch und oft zu korrupt, um mit internationalen Denkfabriken mitzuhalten.
  • An den Hochschulen ist noch immer die Erinnerung an die Kulturrevolution von 1966 bis 1976 wach. Damals brandmarkte die KP den Wissenschaftsbetrieb als Hort "bourgeoisen Denkens" und legte ihn mit ihren ideologischen Kämpfen auf Jahre lahm. Eine ganze Generation von Forschern und Lehrern wurde als "stinkende Intellektuelle" kritisiert und politisch bekämpft.

Selbst der Philosoph Konfuzius, den die KP heute als Vater chinesischen Lernwillens und Fleißes preist, war damals in Ungnade gefallen, weil er den revolutionären Geist des Volkes behindere. Statt zu forschen, mussten die Professoren ihre Zeit unter anderem damit verbringen, Anti-Konfuzius-Parolen zu skandieren. Davon ist heute nicht mehr die Rede. Doch unter den Folgen der Kulturrevolution leidet China noch immer.

Investoren beklagen sich außerdem immer wieder, dass es sich ihre chinesischen Partner zu einfach machen. Statt selbst zu forschen, verlangen die Behörden von ausländischen Firmen einfach, ihren größten Schatz offenzulegen, wenn sie in China produzieren wollen - das technische Know-how. Klagen der Fabrikanten und Kaufleute über Ideenklau wollen und wollen nicht abreißen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 48 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
31.08.2010 von Haio Forler: .

Danke für Deine Info. Hatte jahrelang die größte MagLight. Aber wenn ich da jetzt von was bis zu 900 Lumen lese, werden mir die Augen feucht ;) Dein Vergleich mit den Japanern ist so schlecht nicht: ich weiß noch, wie in [...] mehr...

27.08.2010 von markus_wienken: .

Ausgefeilte Elektronik (diverse Schaltzustände der LED, intelligentes UI, intelligente Steuerung der Akkus und Batterien), der Reflektor (alleine das ist schon ein kleines Stück High Tech heitzutage) und natürlich auch das [...] mehr...

27.08.2010 von markus_wienken: .

Schau mal hier http://www.flashlightshop.de/ Die haben eine riesige Auswahl auch anderer Hersteller. Im Messerforum.net gibt es eine Rubrik die sich nur mit Taschenlampen beschäftigt. :-) MagLight kennt zwar jeder ist [...] mehr...

27.08.2010 von grashalm: Hygiene

hat Prof. Semmelweiss in Wiener Spitälern angeordnet und damit unter anderem, die damalige Kindbettsterblichkeit eingedämmt. Wir waschen uns heute automatisch, z.B. mit Lux mehr...

27.08.2010 von grashalm: Qualität in dauerhaft, bequemen Schuhen

Qualität wird erreicht, durch Kommunikation und Erfahrung. Fals dies nicht am Produkt ablesbar ist, bleibt es kitschig. Ob Uni oder Kindergarten, es liegt an den Leuten, wie sie vermitteln. Angesagt ist die [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles zum Thema Wirtschaft in China

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Länderlexikon China

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Hu Jintao

Regierungschef: Wen Jiabao

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | China-Reiseseite






TOP



TOP