Wirtschaft
  • Nachrichten
  • >Wirtschaft
  • >

    Jungunternehmer Thomas Strohe: "Deutsche Schulen sind im Internet-Bereich hinterm Mond"



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Jungunternehmer Thomas Strohe "Deutsche Schulen sind im Internet-Bereich hinterm Mond"

Man vergleicht ihn schon mit dem jungen Bill Gates. Jungunternehmer Thomas Strohe, 20, im zweiten Teil des SPIEGEL-ONLINE-Interviews zum Internet-"Murks" an deutschen Schulen, die "falsche Diskussion" um die Green Card und sein Risiko, mit 25 Jahren pleite zu sein.

SPIEGEL ONLINE:

Was müssen deutsche Schulen tun, um Schüler auf die Internet-Welt vorzubereiten?

Strohe: Meine Schule war schon einigermaßen kooperativ. Aber ich wäre beinahe von der Schule geflogen, weil ich eine Woche lang auf der Cebit war. Es gab einen Riesenaufstand von den Lehrern. Wenn ich aber ein Sportler bei Bayer Leverkusen gewesen wäre, hätten die mich freistellen können.

SPIEGEL ONLINE: Nun scheint es aber auch in Deutschland voranzugehen, Politiker aller Parteien fordern: "Schulen ans Netz".

Strohe: Teilweise ist das großer Murks, was da geredet wird. Letztes Jahr habe ich Abi gemacht, unsere Schule hat 1200 Schüler, 20 Rechner und eine ISDN-Leitung zum Internet. Das bringt nichts. Erstens kommen gar nicht genügend Schüler in den Informatik-Raum rein, zweitens ist der Zugang viel zu langsam und drittens setzen es die Lehrer erst gar nicht ein. Deutsche Schulen sind im Internet-Bereich hinterm Mond. In Amerika war ich auf einer Schule mit 150 Schülern, es gab 70 Rechner und eine 2-Megabit-Festanbindung ans Internet. Und das war 1996!

SPIEGEL ONLINE: Wer soll die Internetausrüstung der Schulen finanzieren?

Strohe: Ach, das ist doch im Vergleich gar nicht so teuer. Mit eins, zwei Milliarden Mark könnte man schon eine Menge für eine gute Bildung zukünftiger Generationen tun. In der Vergangenheit ist in Deutschland viel zu viel gespart worden im Bildungswesen. Wenn wir das weiter verknappen, werden wir in 20 Jahren sehen, was wir davon haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon Stellenanzeigen für Ihr Unternehmen NetFabrik in Indien geschaltet?

Strohe: Nein. Diese ganze Diskussion ist vollkommen falsch. In der Branche arbeitet man jetzt schon mit ausländischen Partnern. Ob die Inder hier oder in Indien sind, ist egal. Ich kann Projekte über Nacht nach Indien schicken und dort 5000 Entwickler daran arbeiten lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie finden Sie Mitarbeiter?

Strohe: Wir haben es mit Anzeigen versucht; aber da kam nichts. Dann haben wir online einiges gemacht, zum Beispiel auf onlinekosten.de, einem unserer Services, zwei Millionen Banner laufen lassen. Da kamen dann einige. Teilweise haben wir Leute, die wir kannten, direkt angesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Das sind dann aber hauptsächlich junge Leute?

Strohe: Ja klar. Der Chefredakteur von mobilfunkkosten.de, einem weiteren unserer Services, ist unser ältester Mitarbeiter - und der ist 28 Jahre. Viele unserer besten Programmierer sind noch Schüler. Das ist unglaublich, aber das sind einfach die Leute, die am meisten Ahnung haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Strohe: Ich habe mal versucht, übers Arbeitsamt Leute zu finden. Dreißig habe ich ausgewählt, nur einer hat sich gemeldet. Und seine erste Frage war, ob ich ihm einen Firmenwagen zur Verfügung stellen kann. Na danke schön.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sollen angeblich 35.000 IT-Kräfte arbeitslos sein...

Strohe: Das ist der größte Witz der Nation. Wenn jemand in diesem Bereich wirklich fähig ist, dann ist er nicht arbeitslos. Ich weiß auch von anderen Firmen, die dringend Arbeitskräfte suchen. Sobald jemand ein bisschen Elan zeigt, bekommt er sofort einen Job. Ich vermute, unter den 35.000 sind vielfach Leute, die irgendwann mal einen Computerkurs gemacht haben und jetzt denken, sie seien Spezialisten.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet für Sie Leistung?

Strohe: Über die Leistung, die man im Betrieb bringen muss, darf man das normale Leben nicht vergessen. Sonst geht man irgendwann kaputt. Im Moment hat der Betrieb natürlich Priorität für mich. Ich versuche aber auch wegzugehen, Party zu machen und zu verreisen. Dann bastele ich noch an meinem ersten Buch.

SPIEGEL ONLINE: Das erste Buch?

Strohe: Vielleicht ist es eine Spinnerei, aber ich schreibe einen Roman über einen Typen, der denkt, er hat die perfekte Menschenkenntnis, geht durch die Gegend, schaut sich Leute an und analysiert sie. Nachher geht er daran kaputt, dass die Menschen ganz anders sind, als er dachte.

SPIEGEL ONLINE: Spricht da der kritische Unternehmer?

Strohe: Ja, in einer gewissen Weise schon. Viele in meiner Branche denken, dass man Menschen berechnen kann. Das sind sie aber nicht, Menschen sind Individuen mit einem Geist, einer Seele und Gefühlen. Und so sehr ich auch von Computern fasziniert bin: Das werden die nie haben!

SPIEGEL ONLINE: Nebenbei studieren Sie ja auch noch BWL.

Strohe: An der Uni nutze ich eher den kostenlosen ÖPNV-Fahrschein. Ich gehe ein paar Mal in den Hörsaal, weil's wirklich interessant ist, aber momentan habe ich nicht die Zeit, irgendwelche Scheine zu machen. Ich ziehe jetzt lieber erst die Firma durch, arbeite 12 bis 13 Stunden am Tag und bin fest überzeugt, dass ich erfolgreich sein werde. Sollte doch irgend etwas nicht funktionieren, hab ich momentan noch nicht so viel zu verlieren: Wenn es hart auf hart kommt, bin ich dann mit 25 Student und pleite. Das sind andere auch...

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie manchmal Angst vor der Zukunft, Angst vor der Verantwortung?

Strohe: Ich würde nie jemanden einstellen, wenn ich nicht wüsste, dass ich ihn dann auch mindestens ein Jahr lang bezahlen kann. Insgesamt haben wir 16 feste und rund 150 freie Mitarbeiter. Im Sommer werden wir auch die ersten vier Auszubildenden in die Firma nehmen. Da bin ich mir der Verantwortung bewusst. Das ist in meiner Familie aber auch Tradition: Mein Opa hatte eine Färberei in Mönchengladbach, und bevor er sie geschlossen hat, hat er noch für jeden seiner Leute einen neuen Arbeitsplatz gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet den "deutschen Bill Gates" vom Original?

Strohe: Dieser Vergleich ist maßlos übertrieben. Ich bewundere Bill Gates. Aber ich spiele in einer ganz anderen Liga.

SPIEGEL ONLINE: Will der Unternehmer Strohe immer Unternehmer bleiben?

Strohe: Ich bin mit meiner Position nicht immer zufrieden. Einerseits bin ich glücklich über das, was ich erreicht habe. Andererseits würde ich auch manchmal gerne etwas ganz anderes machen wollen.

SPIEGEL ONLINE: Was zum Beispiel?

Strohe: Wenn ich so 50 bin, möchte ich in die philosophische Ecke gehen. Also wirklich an Büchern weiterarbeiten oder Bilder malen. Hört sich zwar naiv an, ist aber eine Vorstellung, die ich habe. Ich bin eigentlich aus dem Bereich Jugendpresse, vom Schreiben gekommen und bin dann durch Zufall ins Internet gerutscht. Ich würde ganz gern auf diese Journalisten-Schiene zurückkommen.

Das Interview führte Sebastian Fischer

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP