Von Carsten Matthäus
Arbeitsteilung: Der Sohn macht Politik, der Vater Geschäfte
Washington - Es gibt wohl keine Adresse, die näher an den Zentren der amerikanischen Macht liegt: Washington DC, Pennsylvania Avenue. Zum Weißen Haus und zum Kapitol sind es jeweils 15 Minuten Fußweg, die Zentrale des FBI und andere Regierungsbehörden sind in direkter Nachbarschaft. Hier residiert die Carlyle Group, eine Investmentfirma, die nicht nur örtlich ganz nah dran ist.
Die Liste der Top-Manager und Berater liest sich wie das "Who is Who" der amerikanischen Politik: Carlyle-Chef Frank Carlucci war US-Verteidigunsminister unter Ronald Reagan und ist ein Intimus des jetzigen Amtsinhabers Donald Rumsfeld. Beiratschef des Investmenthauses, das ein Anlagevermögen von rund 12,5 Milliarden Dollar verwaltet, ist James Baker, der unter George Bush senior Außenminister war. Der Ex-Präsident und Vater des amtierenden Präsidenten höchstselbst ist ebenfalls für Carlyle regelmäßig als Berater unterwegs. Im Mai letzten Jahres beispielsweise in Saudi-Arabien, wo er mit König Fahd zusammensaß. Möglicherweise besuchte er bei dieser Gelegenheit auch Carlyle-Kunden wie Prinz Al-Walid und die Bin-Laden-Familie. Die Geschäftsbeziehungen der Carlyle Group zu den Bin Ladens wurden allerdings nach den Terrorattacken des abtrünnigen Clan-Sohns Osama schnell beendet - aus Imagegründen.
Bei anderen Geschäften sind die Polit-Profis von Carlyle weniger zurückhaltend. Virtuos nutzen sie ihre Erfahrungen in amerikanischer Regierungspolitik. Am 14. Dezember brachte das Investmenthaus das Rüstungsunternehmen United Defense an die Börse. Allein an diesem Tag nahm Carlyle nach Angaben der "Los Angeles Times" rund 237 Millionen Dollar ein.
Das Timing für diesen Börsengang hätte besser nicht sein können. Tags zuvor hatten Repräsentantenhaus und Senat einer kräftigen Aufstockung des Verteidigungshaushaltes zugestimmt, von dem sich auch United Defense als fünftgrößter Waffenlieferant der US-Armee eine gehörige Scheibe abschneiden kann. 1997 für 850 Millionen Dollar gekauft, brachte United Defense den Investoren der Carlyle Group bisher einen Gewinn von rund einer halben Milliarde Dollar ein, schätzen Branchenbeobachter.
Die märchenhafte Rendite kommt nicht von ungefähr. Als Carlyle zugriff, war United Defense am Boden, machte bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Dollar 122 Millionen Dollar Verlust. Unter den geschickten Händen der neuen Eigner schaffte die Rüstungsfirma mit ihren 5300 Mitarbeitern das, was man einen glanzvollen Turnaround (deutsch: Kehrtwende) nennt. Im vergangenen Jahr konnte United Defense einen Nettogewinn von knapp 19 Millionen Dollar melden, die Marktkapitalisierung des Börsenneulings liegt derzeit bei gut einer Milliarde Dollar.
Grund für die großartige Geschäftsentwicklung ist eine politische Entscheidung. 1994 begann United Defense mit einem ambitionierten Projekt. Eine Panzerhaubitze sollte entwickelt werden, die alle bisherigen Artillerie-Systeme in den Schatten stellte. Das gelang auch: Die ersten Modelle des Crusader, einer gepanzerten 155-Milimeter-Haubitze, feuerten schneller und präziser als alle Konkurrenzprodukte. Allerdings hatte das selbstladende Waffensystem einen entscheidenden Nachteil: Es war zu schwer, die erste Version wog rund 110 Tonnen.
Im Club der Ex-Politiker: James Baker, unter George Bush senior Außenminister, ist Chef des Carlyle-Beirates
"Es stinkt zum Himmel" - Lesen Sie im zweiten Teil, wie es der Carlyle Group United Defense gelang, das Ruder herumzureißen.
Carlyle-Chef Carlucci: Lobbyarbeit - niemals!
Die Ex-Politgrößen der Carlyle-Group weisen selbstverständlich jede Art von Lobby-Arbeit meilenweit von sich. Carlucci, der sich in Interviews gerne damit brüstet, US-Verteidigungsminister Rumsfeld seit seiner College-Zeit "sehr gut zu kennen" und mit seinem Freund regelmäßig über Strategien zu diskutieren, sieht sich über jeden Zweifel erhaben. "Ich habe mehrfach klargemacht, dass ich in Verteidigungsfragen keine Lobbyarbeit mache", sagte er vor einiger Zeit der "New York Times".
Kritischen Beobachtern ist Carlyle ein Dorn im Auge. "Es wird problematisch, wenn politische und private Interessen derart vermischt werden", sagt Peter Eisner, Chef des Center for Public Integrity, "wir haben hier die Situation eines Küchen-Kabinetts. Genau diese informellen Kontakte bringen Carlyle den Erfolg". Paul Krugman, Wirtschaftsprofessor und Kolumnist der "New York Times", formuliert es weniger diplomatisch: "Traurig aber wahr - nichts von alledem ist illegal - es stinkt nur zum Himmel".
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