Von Rüdiger Strauch
Stürmische Zeiten: Kleinaktionäre der Bankgesellschaft Berlin proben den Aufstand
Berlin – Klaus Kratz tritt seine Ehrenrunde an. Während im Saal des Internationalen Congress Centrums noch immer wütende Tiraden empörter Kleinaktionäre über Vorstand und Aufsichtsrat der Berliner Bankgesellschaft (BGB) niedergehen, holt sich der Kölner Kleinaktionär in der Lobby seinen verdienten Zuspruch ab. Aufmunterndes Schulterklopfen und freundliches Händeschütteln für einen, der es den Bankern des maroden Finanzkonzerns so richtig gegeben hatte.
"Die noblen Herren sollten eigentlich in Sack und Asche erscheinen", empört sich der 51-Jährige in breitestem Kölner Dialekt über die Arroganz, mit der die Bankmanager jegliche Kritik an sich abprallen ließen. "Jeder Lehrling hätte den Job besser gemacht als die Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat."
Arrogante Bankmanager
Kratz trägt damit wesentlich zur Aufheiterung der rund 1200 Aktionärsvertreter bei, die zuvor merklich in ihren Sesseln zusammengesunken sind – übermannt von Müdigkeit ob endloser Zahlenreihen oder beschlichen vom Gefühl, sich ohnehin nicht gegen das Missmanagement zur Wehr setzen zu können.
Undurchsichtige Immobilienfonds, die ihre Zeichner mit keinerlei unternehmerischem Risiko belasteten, ihnen sogar Renditen bis zu acht Prozent und Steuervorteile garantierten, hatten im vergangenen Jahr zum Beinahe-Konkurs der BGB geführt. Während der exklusive Kreis der Fondsanleger noch auf Jahre hinaus in den Genuss finanzieller Vorteile kommen wird, büßten gewöhnliche Kleinaktionäre der Bankgesellschaft einen Großteil des Anlagevermögens ein.
Der Kurs der Aktie, die noch bis Mitte 2001 zwischen zehn und acht Euro wert war, dümpelt heute in der Nähe der Zwei-Euro-Marke. Und die Aktionäre stehen erst am Anfang einer längeren Durststrecke. Auch bei einem Gewinn werde in den nächsten Jahren die Stärkung der Rücklagen Vorrang vor einer Dividendenauszahlung haben müssen, sagte Vorstandschef Hans-Jörg Vetter, der erst seit Ende 2001 amtiert. Er und seine Kollegen müssen für die ersten fünf Monate dieses Jahres ein Minus von 126 Millionen Euro verantworten.
Unbeugsamer Willen der Kleinaktionäre
Wir werden das schon richten, ihr aber müsst erst einmal darben. So ähnlich ließe sich Vetters Rede zusammenfassen. Dass der Konzern überhaupt noch am Leben ist, verdankt er einer Bürgschaft von 21,7 Milliarden Euro. So viel muss das Land Berlin in den nächsten 30 Jahren für die Fondsrisiken der Bank und die garantierten Gewinne der Immobilienfonds-Anleger bereit halten. Gespart wird dafür bei den Sozialeinrichtungen der Hauptstadt. Im Haushalt 2003 hat der Berliner Senat die Ausgaben in diesem Bereich um 150 Millionen Euro zurückgeschraubt.
Die Ohnmacht der Kleinaktionäre: Allein 81 Prozent der BGB gehören dem Land Berlin
Es sind die kleinen Erfolgserlebnisse, die Kratz seinen unbeugsamen Willen behalten lassen: Einmal sei er sogar schon gefragt worden, ob er nicht in den Aufsichtsrat gewählt werden wolle. "Ein Vorstandsmitglied meinte, er habe noch keinen Aktionär erlebt, der so kreative Verbesserungsvorschläge macht", erzählt Kratz mit stolzem Lächeln.
Von der Spitze der BGB erwartet er allerdings kein Feedback. "Die machen doch, was sie wollen," sagt Kratz entmutigt. Auch andere Redner beklagen, die Kleinaktionäre seien zur bloßen Statistenrolle verurteilt. Die wahren Schauspieler säßen auf dem Podium, der Regisseur dieses "schwach besetzen, überflüssigen und teuren Schauspiels" sei der Berliner Senat. Der Titel des Stücks: "Wir spielen Hauptversammlung". Die Großaktionäre, allen voran das Land Berlin mit seinem 81-Prozent-Anteil an der BGB, verhinderten jede Mitsprache.
Altersvorsorge futsch
Aber piesacken können die freien Aktionäre die Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat wenigstens. Drei Stunden vergehen, ehe Bankchef Vetter die Fragen der ersten sieben Redner beantwortet hat. Das Frage-und-Antwort-Spiel zieht sich so lange hin, dass die zumeist älteren Herren im Publikum ihr Heil bei Würstchen und Suppe mit Fleischeinlage suchen.
Dass die Verantwortlichen der Bankgesellschaft nicht einmal an die Vegetarier unter den Aktionären gedacht haben, ist für Birgit Richter noch das geringste Übel. Die Berlinerin kaut auf einer trockenen Schrippe herum und wappnet sich mit einer Freundin für ihren großen Auftritt. Dafür haben sie sich eine lustige Kostümierung einfallen lassen. "Landowsky in den Knast" steht auf ihrem T-Shirt - in Anspielung auf den einstigen Chef der BGB-Tochter Berlin Hyp, der zugleich mächtigster Mann in der Berliner CDU war und erhebliche Mitverantwortung für das Bank-Debakel trägt. Ihre Altersvorsorge sei "futsch", sagt die ehemalige Sparkassen-Angestellte. "Die Nadelstreifen-Träger fahren den Laden an die Wand. Da werden wir uns doch noch wehren dürfen." Einer Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat möchte Richter unter keinen Umständen zustimmen.
Aufruf zum zivilen Ungehorsam
Der lautstärkste Protest findet jedoch dort statt, wo ihn die Bankmanager kaum mitbekommen. Abgeschirmt von einem Polizeiaufgebot versammeln sich vor dem Gebäude rund 200 Demonstranten, die dem Aufruf der "Initiative Berliner Bankenskandal" gefolgt sind. Deren Gründer Peter Grottian, Politologe an der Freien Universität Berlin, fordert zum zivilen Ungehorsam auf. Dass das Land Berlin für die "verbrecherischen Geschäfte" der BGB hafte, nennt er ein Unding. "1500 Abzocker – drei Millionen Betrogene" steht auf einem der Transparente geschrieben. Grottian rechtfertigt die Veröffentlichung einer Liste mit den Namen der Zeichner des umstrittenen Immobilienfonds. "Die symbolische Regelverletzung ist angemessen, um den Skandal auf den Tisch zu bringen", brüllt er ins Mikrophon.
Zu diesem Zeitpunkt ist der Kölner Klaus Kratz dem Getümmel schon längst entflohen. Seine Frau Helga hat zur Bedingung gemacht, nur mit nach Berlin zu kommen, wenn sie auch etwas von der Stadt sieht. Außerdem hat ihr Mann schon bekommen, was er wollte: seine traditionelle Ehrenrunde.
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