Von Carsten Matthäus
Saftiges Steak: Laut Atkins völlig unproblematisch
New York - "Nehmen Sie Salat- oder Kohlblätter anstelle von Brot. Burger schmecken großartig, wenn man sie in Eisbergsalatblätter einwickelt. Nehmen Sie gekochten Blumenkohl statt Kartoffeln. Nehmen Sie Orangen- und Zitronenkonzentrat zur Geschmacksverstärkung und vermeiden Sie Säfte!"
Was klingt wie ein harmloser Abschnitt aus dem Ernährungsteil einer Frauenzeitschrift, bringt in den USA gerade den milliardenschweren Markt für Nahrungsmittel durcheinander. War jahrzehntelang der Fettgehalt der Figur-Feind Nummer eins, so sind es nun die Kohlenhydrate. Was mit "low fat" und "light" gekennzeichnet ist, hat seine Anziehungskraft verloren, jetzt wird beim Einkauf nach dem Zusatz "low carb" gefahndet. Die "Financial Times" spricht angesichts des Sinneswandels vom "schnellsten Richtungswechsel im US-Essverhalten seit Jahrzehnten".
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Diät-Papst Atkins: Wie dick war der Vater der Revolution?
Mit Sprüchen wie "Wespentaillen dank Rinderhüften" machten sich andere Ärzte zunächst über die Atkins-Diät lustig, weil ihr Kollege den Konsum von Steaks, Eiern, Butter und Sahne für unbedenklich erklärte. Das magische Diät-Versprechen, Gewicht zu verlieren, ohne auf geliebte Köstlichkeiten verzichten zu müssen, trat dennoch seinen Siegeszug an. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Diät-Süchtigen - etwa die Hälfte der erwachsenen US-Bevölkerung - frustriert von den bisher populären Antifett-Diäten abwendeten.
Pasta pfui, Eier hui
Seit etwa zwei Jahren ist die Atkins-Revolution voll im Gang, mit verheerenden Wirkungen für die Hersteller kohlenhydratreicher Kost: Der kalifornische Pasta-Produzent Monterey beispielsweise ist derzeit mächtig unter Druck. Handelsriese Wal-Mart, zweitgrößter Monterey-Kunde und bisher Abnehmer von knapp einem Drittel der Nudeln und Saucen, stornierte im Januar plötzlich alle Bestellungen. Man sei mit dem wichtigen Kunden nun in Verhandlungen darüber, die neue CarbSmart-Produktlinie einzuführen, versuchte Monterey-Präsident Jim Williams die Gemüter seiner Aktionäre zu beruhigen. Die sind allerdings gerade noch dabei, die schlechten Geschäftszahlen des vergangenen Jahres zu verdauen: Der Gewinn des bisher kerngesunden und hochprofitablen Unternehmens rutschte pro Aktie von 68 US-Cent auf 0,7 US-Cent zurück, die Aktie hat sich in diesem Zeitraum knapp 40 Prozent schlechter entwickelt als der S&P-500-Index.
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Geradezu atemberaubend schossen dagegen die Aktien von Nahrungsmittelproduzenten in die Höhe, deren Erzeugnissen Atkins vor seinem Tod den Segen erteilt hatte. Eier beispielsweise enthalten gerade einmal ein Gramm Kohlenhydrate, sie sollen und dürfen daher laut Atkins in unbegrenzter Menge eingeschoben werden. Die Aktie von Cal-Maine, dem größten Eierproduzenten der USA, kann es deshalb locker mit Dot.com-Papieren zu deren besten Zeiten aufnehmen. Im Jahresvergleich legte der Eier-Anteilsschein um sagenhafte 924 Prozent zu. Doch im Unterschied zu den wilden Geschichten der Internet-Euphorie hat Börsenliebling Cal-Maine Substanz. Seine Gewinne stiegen im gleichen Zeitraum um rund 800 Prozent an.
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Momentan haben die Atkins-Getreuen allerdings mit einem weitaus gewichtigeren Vorwurf zu kämpfen. Dem "Wall Street Journal" wurde nämlich ein Arztbericht zugespielt, wonach der 72-jährige Atkins bei seinem Ableben knapp 117 Kilo wog - bei einer Körpergröße von etwas mehr als 1,80 Metern. Damit wäre er nach den gängigen US-Maßen richtiggehend fettleibig gewesen, als er im April vergangenen Jahres auf einer Eisplatte ausrutschte und sich dabei tötliche Kopfverletzungen zuzog. Witwe Veronica Atkins - deren Firmenimperium Atkins Nutritionals rund 200 Millionen Dollar Jahresumsatz erwirtschaftet - bestreitet diese Darstellungen vehement. Als ihr Mann nach dem Unfall im Koma lag, so ihre Version der Geschichte, sei er im Krankenhaus mit Medikamenten vollgestopft worden und habe knapp 20 Kilo zugelegt. Damit entkräftet sie die imageschädigende Behauptung aber nur teilweise, auch mit knapp 100 Kilo wäre der Diät-Papst bei seinem tödlichen Unfall stark übergewichtig gewesen.
Doch selbst wenn sich die Menschen irgendwann wieder von der Atkins-Diät abwenden, könnte das Geschäft der Low-Carb-Produzenten noch einige Zeit weitergehen. Die Werbegruppe Euro RSCG Worldwide hat in ihrem Ausblick für 2004 einen neuen Trend ausgemacht. Bereits ein Viertel der Hunde und Katzen in der westlichen Welt seien übergewichtig oder fettleibig. Die ersten Low-carb-Produkte für Haustiere sind bereits auf dem Markt. Die Firma Hill's aus Topeka, Kansas, macht den besorgten Tierfreunden auf ihrer Website sogar ein großzügiges Angebot: "Sollte es Ihrer Katze nicht schmecken, dann können Sie das Futter bei voller Erstattung des Kaufbetrages zurückgeben."
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