Blockade vor dem Opel-Werk in Bochum: Druck auf die Unternehmensleitung
Bochum - Bei der Arbeitsniederlegung handele es sich um eine "Informationsrunde", sagte Betriebsratssprecher Klaus Neumann. Alle Angestellten sollten über die aktuelle Situation in den Bochumer Opel-Werken in Kenntnis gesetzt werden. Doch die Veranstaltungen erwiesen sich als wirksames Mittel, um den gesamten Betrieb lahm zu legen. "Wir marschieren durch die Werkshallen und kontrollieren die Tore, um sicherzustellen, dass kein Lastwagen mit Material das Werk verlässt", sagte Neumann.
Die Mitarbeiter der Frühschicht schließlich setzten die Betriebsblockade mit "Informationsveranstaltungen" fort. Fast die gesamte Belegschaft von rund 10.000 Mitarbeitern, so Neumann, würde auf dem Werksgelände gegen die vom Mutterkonzern General Motors geplanten Stellenstreichungen protestieren.
In Rüsselsheim haben die Mitarbeiter am Morgen die Arbeit wie gewohnt aufgenommen. Arbeitsniederlegungen habe es bisher nicht gegeben und seien auch nicht geplant, berichtete der Betriebsrat in Rüsselsheim. "Die Leute gehen ganz normal zur Arbeit", sagte eine Sprecherin. Es sei jedoch eine extrem gedrückte Stimmung der Menschen zu spüren.
In Bochum sollen die Aktionen dagegen auch über das Wochenende fortgesetzt werden. Dass die Proteste möglicherweise mehr Schaden als Nutzen anrichten könnten, glaubt Neumann nicht: " Damit setzen wir die Unternehmensleitung unter Druck. Die Position der Unternehmensleitung ist für uns keine Verhandlungsbasis", sagte der Betriebsratssprecher. Es gehe nur noch darum, wie Arbeitsplätze abgebaut werden.
Von Streik sprechen die Arbeitnehmervertreter ganz bewusst nicht - schließlich würde der gegen die geltende Friedenspflicht verstoßen. "Die Kollegen wollen sich bei der Werksleitung informieren. Die stillen nur ihren Informationshunger", sagte der Betriebsratsvorsitzende Dietmar Hahn.
Bereits gestern hatten die Opel-Arbeiter ihrem Ärger Luft gemacht. Mit Transparenten und lautstarken Rufen protestierten sie sowohl gegen das Management als auch gegen die Gewerkschaft IG Metall. Die IG Metall habe die Opelaner "verkauft", hieß es mehrfach.
Unterstützung erhielten sie vom nordrhein-westfälische CDU-Vorsitzenden Jürgen Rüttgers, der die Krise bei Opel auch auf falsche Managemententscheidungen zurückführt. Die Betriebsräte in Bochum hätten ihm gesagt, dass dort immer wieder über die Probleme des Unternehmens geredet worden sei. "Die Wahrheit ist, dass dort seit zwei Jahren diskutiert worden ist - es ist aber nicht genügend investiert worden von Seiten des Unternehmens", sagte Rüttgers am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "Berlin Mitte". Wenn die Angestellten jetzt weitgehende Zugeständnisse an die Unternehmensführung machen, müsse sichergestellt sein, dass da auch in den nächsten Jahren investiert werde.
Von Investitionen war in der Ankündigung der Konzernführung gestern indes nicht die Rede. Im Gegenteil: Bs 2006 sollen in Europa insgesamt 12.000 Stellen wegfallen. Mit 10.000 Stellen werden die deutschen Standorte die Hauptlast tragen. Bei insgesamt rund 32.000 Beschäftigten der Adam Opel AG bedeutet dies, dass fast jede dritte Stelle gestrichen werden soll. Im Stammwerk in Rüsselsheim sind 4000 Stellen betroffen. In Kaiserslautern stehen nach einem Bericht des SWR 450 Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Nach Angaben von Hahn sollen in den nächsten drei Jahren auch im Opel-Werk Bochum mindestens 4000 Arbeitsplätze wegfallen, 3100 schon im nächsten Jahr. Ziel des Betriebsrats sei es aber, jeden Arbeitsplatz in Bochum zu erhalten. Hahn erklärte, er halte intelligente Lösungen durch mehr Flexibilität für möglich, die den Arbeitsplatzabbau weitgehend verhindern könnten.
Dem widersprach indirekt GM-Europachef Fritz Henderson in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Bis 2006 werden wir ohne Werksschließungen auskommen. Darüber hinaus können wir aber nichts garantieren", sagte er. Er bekräftigte, dass bei der Sanierung des defizitären Europageschäfts die deutsche Tochter die Hauptlast schultern müsse. Gut die Hälfte der 63.000 GM-Stellen in Europa entfallen auf Deutschland.
Zuvor hatte Henderson bereits darauf verwiesen, dass der europäische Zweig des Konzerns seit 1999 Verluste macht. "Wir haben eine klare Vorstellung von dem, was in jedem Werk geschehen muss", sagte Henderson. Zunächst wolle man mit den Betriebsräten reden. Sein Stellvertreter Carl-Peter Forster, der bis Juni Opel-Chef war und danach in die GM-Europazentrale nach Zürich wechselte, betonte, die Opel-Werke in Bochum und Rüsselsheim sowie das Saab-Werk im schwedischen Trollhättan produzierten nicht zu wettbewerbsfähigen Kosten. Sollte das Kostenproblem nicht in den Griff zu bekommen sein, dann sei die Zukunft von Bochum sehr düster, sagte Forster.
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH