14. Dezember 2004, 07:50 Uhr

Zocker-Fieber in den USA

"Pro Monat ein neuer Poker-Millionär"

Von Marc Pitzke, New York

Seit der Buchhalter Chris Moneymaker 2,5 Millionen Dollar erzockte, hat ein Fieber die Amerikaner erfasst: Inzwischen frönen 80 Millionen von ihnen dem Pokerspiel, im Casino, am Computer, am Fernseher. Im Fernsehen sind Turniere der neue Zuschauermagnet - manchmal bringen sie schon mehr Quote als Football-Spiele.

New York - Frauen sind die besseren Poker-Spieler. Das versichert einem jedenfalls Cathy ("Cat") Hulbert, die sie in der Szene alle nur "die Poker-Katze" nennen. "Weibliche Reize sind in der Lage, jeden männlichen Gegner auszustechen, egal wie hoch der Einsatz ist", sagt die lebenslange Glücksspielerin aus Los Angeles. "Wenn Männer auf ein hübsches Gesicht starren oder auf eine hübsche Brust, verlieren sie das Interesse an allem anderen."

Pokermillionär Greg "The Fossilman" Raymer nach Turniergewinn: 2576 Konkurrenten, mehr als je zuvor
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Pokermillionär Greg "The Fossilman" Raymer nach Turniergewinn: 2576 Konkurrenten, mehr als je zuvor

Hulbert muss es wissen, sie ist ein alter Profi. Sie spielt seit 1976 vollberuflich, war lange die einsame Frau im Männerclub am Poker-Tisch. Doch das hat sich geändert. Hunderttausende Amerikanerinnen haben Poker neuerdings als Geheimwaffe der Geschlechter entdeckt, und Hulbert gibt ihnen gerne Nachhilfe-Unterricht im Hollywood Park Casino für 250 Dollar pro Nase. Ihr erster Tipp: "Dein Hirn ist dein Ass."

Ein ganzes Land steckt im Poker-Fieber. Frauen, Männer, Kinder, Jugendliche, Senioren, Profis, Promis, Business-Leute, Börsenmakler: Alle entdecken sie es plötzlich neu, das uralte Zockerspiel um Full Houses und Royal Flushs. 80 Millionen Amerikaner, so schätzen Glücksspiel-Experten, erstarren inzwischen regelmäßig zum "Pokerface".

Poker-Chips in der Weihnachtsauslage

Und das nicht nur in den gigantomanischen Casino-Vergnügungsmaschinen von Las Vegas und Atlantic City oder in verschwiegen-verräucherten Hinterzimmern. Sondern in Tausenden privaten Poker-Salons, Wohnstuben und Schulaulen, im Internet, auf Benefizgalas, bei rekordbrechenden TV-Pokerturnieren - und selbst an der Wall Street, wo neuerdings die Aktie des Pokerkonzerns WPTE die Börsianer lockt.

Pokerturnier in Casino in Neuengland: "Bankrott, Selbstmord, Sucht"
AP

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Die wahren Helden des kleinen Mannes hier heißen nicht mehr J.Lo oder Julia Roberts. Sie heißen Chris Bigler, Jennifer Harman oder Casey Kastle, um nur drei der wechselnden Poker-Champions zu nennen. Und - ja, wirklich - Chris Moneymaker, ein Buchhalter aus Tennessee, mit dem der ganze Volkswahn ja erst angefangen hat, als er voriges Jahr aus dem Nichts heraus die Poker-Weltmeisterschaft gewann - und 2,5 Millionen Dollar Preisgeld. Poker-Legende Johnny Moss musste sich 1971 noch mit 30.000 Dollar zufrieden geben.

Moneymakers Thronfolger Greg Raymer kassierte jetzt sogar die Rekordsumme von fünf Millionen Dollar, eine Vergütung, von der ein Wimbledon-Sieger nur träumen kann. Dafür musste der Patentanwalt in Las Vegas aber auch 2576 Konkurrenten aus dem Feld schlagen, mehr als je zuvor in der Geschichte des Pokers. "Poker ist der heißeste Trend", sagt Ellen Heaney Mizer, Einkäuferin beim Buchhandelskonzern Barnes & Noble, in dessen Weihnachtsauslagen auch Poker-Chips liegen.

Umsatzexplosion von 1400 Prozent

Moneymakers Aufstieg vom Laien zum Karten-Multimillionär personifiziert diese Poker-Manie. Vor der World Series of Poker, wie sich die WM nennt, hatte der 27-Jährige noch nie gegen leibhaftige Rivalen am grünen Tisch gepokert, sondern nur virtuell in Internet-Casinos, und auch das erst seit drei Jahren. Über den Online-Salon PokerStars.com qualifizierte er sich für die World Series mit 40 Dollar Einsatz.

Teil zwei: Wie das Web das Spiel gesellschaftsfähig machte

Trendsetter Moneymaker nach dem Sieg in Las Vegas: Aus dem Nichts nach oben
AP

Trendsetter Moneymaker nach dem Sieg in Las Vegas: Aus dem Nichts nach oben

Auch für die meisten anderen Jung-Pokerfans begann alles am Computer. Online-Gambling demystifizierte Poker, befreite es vom Hauch des Dubiosen, machte es gesellschaftsfähig - und den Amerikanern breit zugänglich. Denn während reales Glücksspiel in den USA staatlich streng reguliert ist, ist die Rechtslage beim virtuellen Zocken noch unklar. "Kommt ganz auf den Bundesstaat an", sagt Poker-Jurist Nelson Rose. Die meisten der rund 1800 Glücksspiel-Websites haben ihren Sitz deshalb außerhalb der Staaten, etwa in der Karibik.

Das spornt die Spieler auf dem Festland nur an. Allein für dieses Jahr erwarten die Poker-Websites einen Gesamtumsatz von rund 1,5 Milliarden Dollar. Das ist eine Umsatzexplosion von 1400 Prozent in nur zwei Jahren - 2002 waren es noch 100 Millionen Dollar gewesen.

Auch das Fernsehen stieg groß ein, einen Quotengaranten witternd. Der Sportsender ESPN begann Poker-Turniere zu übertragen, erst zaghaft, dann immer aggressiver. Inzwischen schalten sich bis zu zwei Millionen Zuschauer pro Folge und Runde ein, manchmal sogar mehr als bei Football-Spielen. "Vor einem Jahr hätte noch keiner vorhergesagt, dass Poker das nächste große Ding sein würde", staunt ESPN-Exekutivproduzent Mike Antinoro. "Es ist wirklich unglaublich, wie es alles überrollt hat."

Dieses Jahr schlachtete ESPN ("Weltbester im Sport") die Poker-WM in zwei Dutzend Einzelepisoden aus und wiederholte die Highlights von 2003 in einem 22-Stunden-Marathon. Für die US-Meisterschaften hat der Sender einen Mehrjahresvertrag mit dem Immobilienhai Donald Trump abgeschlossen, um die Turniere aus dessen Casino Taj Majal in Atlantic City übertragen zu dürfen. "Wir schwimmen auf der Welle mit", sagt Antinoro.

Die "World Poker Tour" (WPT) ist neuerdings das erfolgreichste Programm des Travel Channels. Bei 14 WPT-Einzelturnieren sind da rund 70 Millionen Dollar zu erpokern; die Endlosserie rühmt sich, "pro Monat einen Poker-Millionär" zu krönen. Allein im Foxwood-Casino in Connecticut - "im größten Pokersaal der Ostküste im größten Casino der Welt" (Eigenwerbung) - spielten 674 Kandidaten um Preisgelder von insgesamt 6,8 Millionen Dollar.

Alte TV-Stars im Poker-Frühling

Hinter der "World Poker Tour" steckt die Produktionsfirma WPT Enterprises (WPTE). Die vermarktet die Zocker-Tournee überdies als Videospiel (24,99 Dollar, "eine tolle Füllung für den Nikolausstrumpf"), inklusive eines 45-Minuten-Trainingsfilms mit dem pokernden Hollywood-Schauspieler Lou Diamond Phillips. WTPE debütierte im August an der New Yorker Börse; seither hat sich der Kurs mehr als verdoppelt. "Eine kluge Wette", nennt Money-Manager Mario Gabelli die Poker-Aktie. Dennoch warnt er Investoren, dass Pokern weiter "eine spekulative Anlage" bleibe.

Bravo, der schräge Ableger des renommierten Networks NBC, hat derweil mit "Celebrity Poker Showdown" eine Reality-Show gefunden, bei der sich viele ausrangierte TV-Stars einen zweiten Fernsehfrühling erpokert haben. Fox Sports Net hat gleich zwei Poker-Serien im Angebot und präsentierte die erste Live-Übertragung eines Poker-Spiels überhaupt.

"Das Fernsehen hat die Leute süchtig gemacht", sagt Mike Gainey, Poker-Direktor des Seneca-Casinos an den Niagara-Fällen. "Und es wird noch weiter wachsen. Erst haben die Casinos ihre Poker-Zimmer dichtgemacht und stattdessen Slot-Maschinen aufgestellt. Jetzt reißen sie die Maschinen wieder raus und bringen die Poker-Zimmer zurück."

Bankrott, Scheidung, Gewalt

Größter Vorteil des TV-Pokers: Die Zuschauer sehen, was die Spieler nicht sehen können - wer eine gute Hand hat, wer eine schlechte, wer blufft. Denn Kameras unter den Tischen zeigen alle Karten durch kleine Glasfenster. Auf diese Idee kam der Spielzeug-König Henry Orenstein, der als erster die Lukrativität von TV-Pokers ahnte und nun die Fox-Serie "Poker Superstars" produziert. "Das ist es, was Poker im Fernsehen verkauft", sagt Jeff Shulman, der Chef des Fachblatts "Card Player". "Früher ahntest du die Bluffs nur. Jetzt siehst du sie."

Dank des Fernsehens sind selbst Kids den Karten verfallen. Überall in den Vorstädten treffen sich Boys und Girls regelmäßig zur flotten Runde Poker nach der Schule. Sie spielen um Cents und oft unter Aufsicht der Eltern. Wie die Erwachsenen sammeln sie Chips und Karten, debattieren Strategien, führen Statistiken. "Es ist nichts anderes, als wenn wir nach der Schule nach Hause gehen und einen Football durch die Gegend werfen", sagte Ben Wrobel, ein Schüler an der Mamaroneck High School auf Long Island, der "New York Times". Experten runzeln aber die Stirn: "Meistens ist das harmlos", meint die Psychiatrie-Professorin Nancy Petry, eine Spezialistin für Spielsucht. "Doch Eltern müssen wissen, dass das auch ein Problem werden kann, und viele wissen das nicht."

Schon warnt die konservative Lobbygruppe Center for Arizona Policy vor den Folgen übermäßigen Pokerns und anderen Glücksspiels. Auf der Schreckensliste der Zocker-Rache: "Bankrott, Selbstmord, Sucht, Scheidung, Kindesmisshandlung, Gewalt, generelle Kriminalität, Ausbeutung der Armen."


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