Von Matthias Streitz
Hamburg - In den späten fünfziger Jahren stellte der amerikanische Professor Thomas C. Schelling einer Gruppe von Jura-Studenten eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Jeder von ihnen sollte sich vorstellen, er sei in New York mit einer zweiten Person zu einem Treffen verabredet. Dummerweise war den Probanden allein das Datum des Stelldicheins bekannt - die genaue Uhrzeit und der Ort jedoch nicht.
Wo also würden sich die Hochschüler einfinden und zu welcher Zeit? Man sollte meinen, dass sie in der Millionenmetropole mit abertausenden Möglichkeiten hoffnungslos aneinander vorbeiirren müssten.
Menschenmasse (beim Weltjugendtag): Instinktiv unterschätzte kollektive Klugheit
Absage an den Geniekult
Schellings Studien über die oft verblüffenden Formen - und die Grenzen - zwischenmenschlicher Zusammenarbeit haben dem inzwischen 84-jährigen Emeritus vergangene Woche den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften eingebracht. Neben mehreren Generationen von Spieltheoretikern in aller Welt haben sie auch den US-Autor Surowiecki geprägt, dessen Buch "Die Weisheit der Vielen" soeben erstmals auf Deutsch erschienen ist.
Surowiecki-Buch: Der Autor begann bei "Slate" und schreibt nun eine Finanzkolumne im "New Yorker"
Tatsächlich seien aber Teams von wahllos zusammengewürfelten Menschen dank ihrer "kollektiven Intelligenz" in der Lage, erstaunlich komplexe Probleme zu lösen - und meist sogar besser als selbst die gescheitesten Einzelpersonen in ihrer Mitte. Anhänger des Genie-Kults werden "Die Weisheit der Vielen" nicht mögen. Fans möglichst weitgehender Demokratieauslegungen bekommen dadurch neue Argumentationshilfen.
Das Publikum weiß es
Surowiecki hat in seinem Buch nicht nur Erkenntnisse der Spieltheorie, sondern auch Ideen aus Disziplinen wie Politikwissenschaft, Soziologie und Behavioral Finance eingearbeitet. Gleichwohl bleibt die Lektüre des 350-Seiten-Wälzers kurzweilig, weil der Autor vielerlei Histörchen, Anekdoten und Alltagsbeobachtungen ausbreitet, um seine Ideen zu untermauern.
Modekette Zara: Mehr Einfluss fürs Personal als Erfolgsgarant
Besonders eindrucksvoll lesen sich die Beispiele, in denen die "Wisdom of Crowds" (so der US-Originaltitel) fast schon mysteriöse, schwer fassbare Züge annimmt. So schildert Surowiecki die Suche nach dem amerikanischen U-Boot "Scorpion", das 1968 aus ungeklärter Ursache im Atlantik verunglückte.
Weil sie nur eine vage Ahnung von der Position des havarierten Bootes hatte, suchte die Marine zunächst in einem Umkreis von 20 Seemeilen in großer Tiefe - eine fast hoffnungslose Aufgabe. Da trommelte der Marineoffizier John Craven verschiedene Experten - Mathematiker, Bergungsspezialisten - zusammen und bat sie, je einen Tipp abzugeben und so auf die richtige Position zu "wetten".
Teil zwei: Wo das U-Boot gefunden wurde. Und: Wie mächtige Einzelne Gruppen verdummen können - das Beispiel Nasa.
Der Durchschnitt dieser Schätzungen kam der Wahrheit erstaunlich nahe - die "Scorpion" lag lediglich 75 Meter von der dergestalt ermittelten Stelle entfernt auf dem Meeresgrund. Mehr noch: Das kollektive, gemittelte Urteil war präziser als selbst die beste Einzelwette aus dem Kreis der Befragten.
Surowiecki-Ideengeber Schelling nach Nobelpreisverleihung: Wie kooperieren Menschen und warum?
Als Beispiel für eine Organisation, die quasi kollektiv verblödete, führt Surowiecki die Nasa aus der Zeit vor dem "Columbia"-Absturz Anfang 2003 an. Eine Vielzahl von Mitarbeitern in der Weltraumorganisation, so zeigt er anhand späterer Zeugenbefragungen, befürchtete bereits das Schlimmste, als bekannt wurde, dass die Schutzhaut der Raumfähre beim Start beschädigt worden war.
Warum zahlen wir Steuern?
Die Diskussion im zuständigen Management-Team aber wurde unterdrückt, weil die Leiterin allen ihre Meinung aufdrängte: Es gebe kein Problem, und wenn doch, könne man ohnehin nichts dagegen tun. So wurde nicht einmal im Ansatz versucht, Ausmaß und Auswirkungen des Shuttle-Schadens vor dem Wiedereintritt in die Atmosphäre zu ermitteln. Menschenmassen, so Surowiecki, sind eben vor allem dann schlauer als einzelne, wenn alle möglichst simultan und unabhängig voneinander einscheiden - und wenn ein Mechanismus besteht, der die Einzelmeinungen zu einem Mittel bündelt, wie bei einer Wahl, an der Börse, im Wettbüro - oder beim Studio-Ted von "Wer wird Millionär?".
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Von Zara lernen
Das Buch dürfte für Politiker, aber auch Manager einige Lektionen bereit halten. In den meisten Unternehmen, so Surowiecki, wird die "Weisheit der Vielen" konsequent ignoriert. So hätten etwa die drei großen US-Autokonzerne in der Ära, als sie den Markt bequem unter sich aufteilten, Dutzende Hierarchieebenen installiert und so sichergestellt, dass ihre Beschäftigten möglichst jeden Anflug von Initiative in sich selbst erstickten.
Als Paradebeispiel für seine Thesen präsentiert Surowiecki dagegen die Modekette Zara - sie hat sich bewusst so organisiert, dass Verkäufer in den Filialen beständig Einfluss auf das Design der angebotenen Kleidung nehmen können. So gelingt es dem spanischen H&M-Konkurrenten, viel rascher und oft genauer auf Wandlungen des Kundengeschmacks zu reagieren.
Chefs von Unternehmen sollten sich eben öfter daran erinnern, dass ihr Personal und ihre Kundschaft kollektiv klüger sind als sie.
James Surowiecki: Die Weisheit der Vielen. Warum Gruppen klüger sind als Einzelne und wie wir das kollektive Wissen für unser wirtschaftliches, soziales und politisches Handeln nutzen können. Aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Gerhard Beckmann. München 2005 (C. Bertelsmann). 22,90.
James Surowiecki: The Wisdom of Crowds. Why the Many Are Smarter Than the Few. London 2005 (Abacus). 10,00.
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