02. Februar 2006, 12:21 Uhr

Ackermann-Mathematik

3,8 Milliarden Gewinn - 500 neue Jobs in Deutschland

Nach heftiger Schelte geht die Deutsche Bank zaghaft auf ihre Kritiker zu: Sie wird nun doch alle Anleger ihres jüngst geschlossenen, offenen Immobilienfonds entschädigen. Im laufenden Jahr will sie angesichts eines neuen Milliardengewinns wieder Stellen in Deutschland schaffen.

Frankfurt am Main - Josef Ackermann persönlich gab am Vormittag die Kehrtwende bekannt: Anders als bisher angekündigt, sollten doch sämtliche Anleger des offenen Immobilienfonds grundbesitz invest für entstandene Verluste entschädigt werden. "Wir haben hierfür im Jahresabschluss 200 Millionen Euro zurückgelegt", sagte der Vorstandsvorsitzende auf der Bilanzpressekonferenz in Frankfurt. Ursprünglich sollten nur Anleger, die in den zwei Jahren vor der Schließung Anteile erworben hatten, einen Ausgleich erhalten. Die Fonds-Immobilien werden derzeit neu bewertet.

Ackermann vor Bank-Slogan: "Nein, ich habe nie an Rücktritt gedacht"
REUTERS

Ackermann vor Bank-Slogan: "Nein, ich habe nie an Rücktritt gedacht"

Trotz Ackermanns Versprechen muss das Institut weiterhin mit Klagen rechnen. "Wir werden im Einzelfall prüfen, was die Ankündigung konkret für unsere Mandanten bedeutet und bei Bedarf weitere Klagen einreichen", sagte Sprecher Stephan Holzinger von der Tübinger Anwaltskanzlei Tilp der Agentur dpa-AFX.

Holzinger sagte aber auch, Ackermanns Ankündigung sei ein erster Schritt in die richtige Richtung. "Wir prüfen jetzt von Fall zu Fall, inwieweit noch Ansprüche bestehen." Seine Kanzlei vertritt geschädigte Immobilienfonds-Anleger vor Gericht und hat nach eigenen Angaben darüber hinaus mehrere hundert Anfragen. Die Palette bei den Mandanten reiche vom "Kleinstanleger bis zu Anlegern mit mehreren hunderttausend Euro". Die Deutsche Bank hatte im Dezember zum ersten Mal in der Geschichte der Anlageform einen offenen Immobilienfonds geschlossen und dafür von allen Seiten heftige Kritik einstecken müssen.

Nach Sparkurs wieder einige Stellen

Ackermann kündigte bei der Bilanzvorlage außerdem an, dass die Bank im laufenden Jahr neue Mitarbeiter anstellen wolle. "Wir werden in diesem Jahr allein in Deutschland 500 neue Arbeitsplätze in kundennahen Bereichen schaffen", sagte er. Noch Ende 2004 hatte die Bank mit der Ankündigung, 2300 Stellen in Deutschland streichen zu wollen, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Bereits damals hatte sie im Gegenzug die Schaffung von 380 Stellen angekündigt, so dass sich der angekündigte Stellenabbau auf netto 1920 belief. Ende 2005 hatte die Deutsche Bank in Deutschland 26.336 Vollzeitstellen, Ende 2004 waren es noch 27.093.

Im Gesamtjahr 2005 hat die Institut einen Überschuss von 3,8 Milliarden Euro (Vorjahr: 2,47 Milliarden) erzielt. Die Eigenkapitalrendite bezifferte das Institut auf 26 Prozent vor Steuern. Damit hat Ackermann das Institut in den vergangenen Jahren profitabler gemacht und sein Ziel von 25 Prozent übertroffen. Die Rendite sei um Sondereffekte bereinigt, teilte die Bank mit. Auch ohne diese Bereinigung wäre aber der Zielwert von 25 Prozent Rendite erreicht worden, sagte eine Sprecherin der Bank zu SPIEGEL ONLINE.

Wie das "manager magazin" jüngst vorrechnete, hat Ackermann das gewünschte Renditeergebnis allerdings nur mit einigen Tricks erreicht. Die Eigenkapitalrendite lässt sich schließlich nicht nur durch höhere Gewinne steigern, sondern auch, indem man das Kapital schrumpft. Ackermann soll sich auch dieses Mittels bedient haben - häufig eilig und billig verkaufte er etliche Beteiligungen. Das stolze Ergebnis im Privatkundengeschäft wiederum, das rund eine Milliarde Gewinn vor Steuern verdient, sei im Wesentlichen auf unterlassene Investitionen, sprich Kosteneinsparungen, zurückzuführen, so das Magazin.

Wie man die Rendite hochrechnet

Die Sprecherin der Deutschen Bank verwahrte sich hingegen gegen den Eindruck, Beteiligungen seien "verschleudert" worden. Dies sei unrichtig. Sie verwies darauf, dass auch Erträge von 2004 auf 2005 um 17 Prozent gesteigert worden seien. Die Steigerung der Dividende sei zudem "eine gute Nachricht für die Aktionäre".

Zum Verständnis der Renditefrage muss man allerdings auch auf die systematischen Aktienrückkäufe der Ära Ackermann hinweisen. Seit Amtsantritt des derzeitigen Chefs hat die Bank eigene Aktien in einem Volumen von fast zehn Milliarden Euro zurückgekauft. Während sich die Profite der Bank zu Ackermanns Antritt auf ein Eigenkapital von rund 40 Milliarden Euro verteilten, sind es heute nur 25 Milliarden Euro. Mit der veränderten Bezugsbasis steigt natürlich auch die Rendite.

Auch sonst sind dürften die Zahlen trotz des hohen Gewinnes für die Banker nicht nur Anlass zur Freude bieten - wichtige Geschäftsbereiche fallen zurück, die Dominanz des Investmentbanking steigt noch immer. Die Sparte "Corporate and Investmentbanking" (CIB) erreichte einen bereinigten Vorsteuergewinn von 4,8 Milliarden Euro. Der Anteil der Sparte am bereinigten Vorsteuerergebnis legte damit von 75,7 auf 77 Prozent zu. Ackermann hatte im September das Ziel aufgegeben, den Ertragsanteil des Investmentbankings auf 60 Prozent herunterzufahren. Er begründete dies damit, dass sich die Bank Wachstumschancen nicht entgehen lassen könne.

Aufholjagd der Commerzbank im Kreditgeschäft

Dass sich die anderen Geschäftsbereiche im Vergleich zum Investmentbanking deutlich schwächer entwickeln, wird im Unternehmen jedoch mit Sorge beobachtet. Das Privat- und Firmenkundengeschäft, das ebenfalls zu den Kernbereichen gehört, fällt zurück. Im Kreditgeschäft mit mittelständischen Unternehmen hat der Konkurrent Commerzbank die Deutsche Bank laut "manager magazin" fast schon eingeholt. Und einer Studie der IBM Unternehmensberatung zufolge gehört die Deutsche Bank im Privatkundensegment nicht mehr zu den fünf führenden Geldhäusern Europas.

DDP
Ackermann hielt aber heute an der Definition der Bank als Investmenthaus fest. "Die Deutsche Bank ist eine weltweit führende Investmentbank mit einem starken und erfolgreichen Privatkundengeschäft", sagte er. Größere Zukäufe im Investmentbanking wolle man einstweilen nicht tätigen.Dagegen werde die Bank im Privatkundengeschäft - auch in neuen Märkten - zukaufen, wenn es sinnvolle Möglichkeiten gebe. An aktuellen Transaktionen arbeite man allerdings nicht.

Ackermann: Rücktritt kam nie in Frage

Ackermanns Vertrag war gestern bis 2010 verlängert worden. Außerdem darf er sich nun "Vorstandsvorsitzender" nennen, nicht mehr nur "Vorstandssprecher". Das wurde als Zeichen dafür gewertet, dass der Aufsichtsrat Ackermann auch angesichts der Neuauflage im Mannesmann-Prozess den Rücken stärken will.

Auf der Pressekonferenz sagte der Bank-Chef, er werde "keinen Cent" bekommen, wenn er aufgrund einer rechtskräftigen Verurteilung im Revisionsverfahren zurücktreten müssen. Damit antwortete er auf die Frage, ob sein verlängerter Vertrag bestimmte "Mannesmann-Klauseln" enthalte. Er wolle kein Geld, wenn er keine Leistung abliefere. Dies habe er auch in einem Brief an den Aufsichtsrat deutlich gemacht, sagte Ackermann.

Ackermann sagte außerdem, trotz der massiven Kritik an seiner Person habe er nie in Erwägung gezogen, sein Amt aufzugeben. Auf eine diesbezügliche Frage antwortete er: "Nein, ich habe nie an Rücktritt gedacht."

itz/dpa/dpa-AFX/rtr/ddp/Dow Jones


URL:

FORUM:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH