27. Februar 2006, 07:16 Uhr

Vorschlag zum Kassenrezept-Boykott

Lauterbach wirft Ärzten Erpressung vor

Der Vorschlag von Vertretern der Ärztevereinigung Virchow-Bund, künftig keine Kassenrezepte mehr auszustellen und so die Patienten alle Medikamente bezahlen zu lassen, hat eine Welle der Empörung ausgelöst. Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach wirft den Medizinern Erpressung vor.

Passau - Ein Arzt, der seine eigenen Patienten erpresst, kann kein guter Arzt sein", sagte der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach der "Passauer Neuen Presse". "Das ist der blanke Horror", so der SPD-Bundestagsabgeordnete. Bei dem kritisierten Gesetzesvorhaben handle es sich gar nicht um ein Arzneimittelsparpaket, sondern um ein "Anti-Verschwendungspaket".

Gesundheitsexperte Lauterbach: "Das ist der blanke Horror"
MARCO-URBAN.DE

Gesundheitsexperte Lauterbach: "Das ist der blanke Horror"

Nach dem jüngst verabschiedeten Arzneimittelsparpaket, das ab 1. April gelten soll, droht Ärzten ein Honorarabschlag, wenn sie zu teure Medikamente verordnen. Auf der anderen Seite gibt es für Mediziner, die am Patienten sparen, einen Bonus. Der Landesverband Westfalen-Lippe des NAC-Virchow-Bundes hatte Ärzte deshalb aus Protest dazu aufgefordert, künftig für Medikamente nur noch Privatrezepte auszustellen.

Damit müssten Versicherte ihrer Medizin zunächst komplett selbst zahlen und anschließend mit der Krankenkasse darüber verhandeln. So würde Druck auf die Kassen ausgeübt, weil diese jeden Fall einzeln prüfen müssten und so großer bürokratischer Aufwand entstünde, argumentierte der Verband.
"Durch das Sparpaket können wir ab April vielen Menschen nicht mehr das verschreiben, was medizinisch sinnvoll wäre", begründete der Arzt Ernst-Rüdiger Osterhoff, einer der Initiatoren der Aktion, gegenüber der "Bild am Sonntag" den Vorstoß. Gesundheitsexperte Lauterbach kontert, derzeit würden häufig besonders teure Präparate verschrieben. "Das ist ein krankes System", sagte er. Die Ärzte ließen sich von Pharmafirmen missbrauchen. Durch das neue Gesetz werde der einzelne Arzt dazu angehalten, die Verschreibung von Medikamenten teurer Firmen zu unterlassen.

Zuvor hatte schon Gesundheitsministerin Ulla Schmidt empört auf die Idee zum Rezept-Boykott reagiert. Statistiken zeigten, dass etwa in Bayern und Schleswig-Holstein die Medikamente wirtschaftlich verschrieben würden, ohne dass dies zu Lasten der Patienten-Versorgung gehe, hieß es aus ihrem Ministerium. Wer seine Verantwortung als Arzt nicht übernehmen wolle, könne ja seine Zulassung zurückgeben, fügte eine Sprecherin hinzu. Die Kassenärztlichen Vereinigungen und die Krankenkassen würden die Vorgänge genau beobachteten und im Zweifelsfall Sanktionen ergreifen.

Auch Patientenvertreter zeigten sich entsetzt: Der Präsident des Sozialverbandes VdK, Walter Hirrlinger, sagte, zwar sei das geplante Sparpaket besonders für chronisch Kranke schlimm, "doch die Ärzte können jetzt nicht die Patienten dafür bestrafen, dass die Politiker Fehler gemacht haben".

Selbst in der Ärzteschaft stieß die Idee auf geteiltes Echo.
Die Bundeszentrale des Virchow-Bundes distanzierte sich von dem Vorstoß ihres Landesverbandes. "Wir teilen die inhaltliche Kritik am Arzneimittelspargesetz, ansonsten aber gilt: Wir respektieren den Aufruf zwar als Einzelmeinung eines eigenständigen Landesverbandes - aber wir machen ihn uns nicht zu eigen", sagte Verbandssprecher Klaus Greppmeir dem "Tagesspiegel am Sonntag".

Ein Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung riet den Ärzten, bei aller berechtigten Kritik nichts zu tun, was das Vertrauensverhältnis Arzt-Patient zerstören und den Eindruck erwecken könnte, der Protest werde auf dem Rücken des Patienten ausgetragen.

ase/dpa/ddp


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