Von Kirsten Grieshaber, New York
New York - Den Neustart hat sich das "Wall Street Journal" (WSJ) einiges kosten lassen: Die kostenpflichtige Internetseite wurde für einen Tag frei geschaltet, insgesamt 500.000 Zeitungen gratis unters Volk gebracht. Zum krönenden Abschluss der bombastischen Werbekampagne sollte Peter R. Kann, der Präsident des "WSJ"-Mutterkonzerns Dow Jones, gestern Abend öffentlichkeitswirksam die Glocke zum Börsenschluss in New York läuten. Doch daraus wurde nichts - wegen des Staatsbegräbnisses für den amerikanischen Ex-Präsidenten Gerald Ford blieb die Wall Street, Namensgeberin des 117-jährigen Traditionsblatts, gestern geschlossen.
"Wall Street Journal" im neuen Design: Stärkung des Internetauftritts
Augenfälligstes Merkmal des neuen Erscheinungsbildes der "grey old lady" ist das verkleinerte Format. Während sich an der Länge der Zeitung nichts verändert hat, ist sie in der Breite um ein Fünftel oder 7,6 Zentimeter schmaler geworden – auf jeder Seite fällt damit eine Zeitungsspalte weg. Durch diese Verkleinerung will der Verlag rund 18 Millionen Dollar bei den Druck- und Versandkosten einsparen. Denn wie alle US-Zeitungen kämpft auch das "WSJ" seit Jahren gegen sinkende Anzeigeneinnahmen und eine schwindende Leserschaft.
"Die gesamte Zeitung wirkte so zusammengeschrumpft"
Mike Hoyt, Chefredakteur des führenden US-Medienmagazins "Columbia Journalism Review", zeigte sich optimistisch über die neue Fahrtrichtung des "WSJ". "Als ich die Zeitung heute Morgen aufgeschlagen habe, war ich zuerst zwar nicht sehr begeistert", sagte Hoyt zu SPIEGEL ONLINE. "Die gesamte Zeitung wirkte so zusammengeschrumpft." Dennoch sei es eine kluge Entscheidung, Geld beim Format einzusparen und diese Mittel dann in hochwertigen Journalismus und gründliche Recherche zu investieren.
Melissa Pordy, Mediendirektorin der Werbeagentur Cheil Communications America, bezeichnete das neue Design als "leserfreundlich". Sie glaube nicht, dass das verkleinerte Format den Status des Blatts mindern werde, sondern dass das "WSJ" weiterhin "seinen Platz als führende überregionale Zeitung" behalten werde, sagte sie zu AP.
Revolutionär ist der Schritt zum Tabloid-Format gewiss nicht, das "Wall Street Journal Europe" verschlankte sich schon vor mehr als einem Jahr und auch die "Los Angeles Times" und "USA Today" haben sich schon vor längerem für ein schmaleres und damit kostengünstigeres Blatt entschieden. Selbst die traditionsbewusste "New York Times" wird im kommenden Jahr den Gürtel enger schnallen und nur noch im Tabloidformat erscheinen.
Einige Rubriken wandern komplett ins Netz ab
Im Ergebnis bedeuten die Veränderungen eine Stärkung des Internets. Im Blatt werden viele Artikel kürzer, einige Rubriken wandern komplett auf die Homepage des Journals ab. So werden viele Kurznachrichten und Standardartikel wie beispielsweise über die vierteljährlichen Geschäftsberichte mittelgroßer Firmen in Zukunft nur noch beim "WSJ" Online veröffentlicht.
Die Printausgabe dagegen soll die Leser mit vermehrten Analysen locken. Die Zeitungsmacher versichern, dass das "WSJ" durch den Relaunch nicht an Qualität und Autorität verlieren werde. Achtzig Prozent des redaktionellen Inhaltes sollen in Zukunft der Interpretation der Nachrichten dienen und nicht einfach nur der Berichterstattung, ließ Dow Jones in einer Pressemitteilung verbreiten.
Im Idealfall sollte der typische "WSJ"-Leser deswegen schon morgens vor der Arbeit die Papierversion der Zeitung lesen, um einen Überblick über das Geschehen zu bekommen. Nach Meinung des Verlags sollte er sich dann im Laufe des Tages mit Blicken auf die Webseite permanent auf dem letzten Stand der Dinge informiert halten. In der Sprache der Verlagsmanager nennt sich das "bessere Print-Online-Vernetzung", und auch "WSJ"-Herausgeber Crovitz behauptet, das neue Format mache es "den Lesern einfacher, mehr Informationen in weniger Zeit zu bekommen".
Außerdem will man mit dem moderneren Aussehen der Zeitung wieder jüngere Leser für die Printausgabe gewinnen. Denn während die Leserschaft des Blatts im Durchschnitt 55 Jahre alt ist, sind die "WSJ"-Online-Leser mindestens zehn Jahre jünger. Ob sich die Jüngeren tatsächlich mit umfangreichen Analysen einfangen lassen oder ob die Zeitung mit dem neuen Layout vielmehr ihre alte Stammklientel verschreckt, wird sich erst in ein paar Monaten zeigen. Mike Hoyt vom Columbia Journalism Review ist jedoch zuversichtlich, dass der Relaunch einen cleveren Ausweg aus der Krise darstellt. "Die Leser des Wall Street Journals sind schließlich sehr kluge Leute. Die werden ein journalistisch hochwertiges Angebot zu schätzen wissen, selbst wenn die Zeitung auf den ersten Blick viel mickeriger aussieht als früher."
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