Berlin - In einer Erklärung der Bahn hieß es am Nachmittag, bei der Sperrung handele sich um eine Vorsorgemaßnahme, nachdem während des Orkans "Kyrill" am Donnerstagabend ein tonnenschwerer Träger aus rund 40 Meter Höhe abgestürzt war. Der eine Milliarde Euro teure Bahnhof war erst vor acht Monaten eröffnet und dabei als Meisterstück der Architektur gefeiert worden.
Abgesperrter Bahnhof am Abend: Passagiere bei Wind und Wetter nach draußen geschickt
Der Regionalverkehr wurde teilweise unterbrochen, Fernzüge erneut umgeleitet. Der unterirdische Teil des Kreuzungsbahnhofs soll bis auf weiteres in Betrieb bleiben. Er ist aber von außen nur noch über einen unterirdischen Zugang zu erreichen. Züge fuhren ohne Halt durch.
Mit der Sperrung folgt die Bahn ihrer Ankündigung, wonach ab einer Windstärke von acht bis neun aus Sicherheitsgründen erneut Einschränkungen des Betriebs angeordnet würden. In Berlin herrschte am Sonntagnachmittag starker, in Böen auch stürmischer Wind.
Die Bahn forderte Reisende im Fernverkehr auf, sie sollten auf die Stationen Spandau, Gesundbrunnen und Südkreuz ausweichen. Um diese zu erreichen sowie im Regionalverkehr solle auf die U-Bahn, nicht betroffene S-Bahn-Linien sowie Busse ausgewichen werden.
Passanten: "Skandal", "peinlich"
Die offenkundigen Baumängel haben Entrüstung in der Politik und bei Bahnpassagieren ausgelöst. "Das ist ein Skandal", hatte ein Mann geschimpft, der am Sonntag - noch vor Bekanntgabe der Evakuierung - vor der beschädigten Fassade stand.
Der tonnenschwere Stahlträger, der in der Sturmnacht zu Boden krachte, war da zwar bereits abtransportiert worden. Doch noch immer lagen Glassplitter am Unglücksort, Passanten schauten fassungslos an dem Vorzeigebau empor. Auch der Architekt, Meinhard von Gerkan, ist ratlos. "Das ist ein Unding, aber ich habe dafür noch keine schlüssige Erklärung", sagte er am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa.
Direkt nach der Sturmnacht wurde bekannt, dass die mehr als 100 waagerechten Träger in der markanten Fassade nicht festgeschweißt sind, sondern aus architektonischen Gründen nur wie Regalbretter lose auf Verstrebungen liegen. Die Elemente haben keine statische Funktion, sondern sind laut Deutscher Bahn nur Zierelemente. Auf Empfehlung eines Statikers will die Bahn die Träger nun aber doch mit winkelartigen Verstärkungen befestigen. Die Arbeiten dafür begannen am Wochenende.
Wusste die Bahn vorher Bescheid?
Wer die Verantwortung für den Unfall trägt, bleibt unklar. Die Bundestagsfraktion der Grünen will über die Frage auch im Verkehrsausschuss beraten.
Einem Bericht des "Tagesspiegel am Sonntag" zufolge soll der Bahn ein Sicherheitsrisiko bereits in der Planungsphase bekannt gewesen sein. Das wies ein Bahnsprecher umgehend zurück. "Hinsichtlich der schwimmend gelagerten Träger in der Stahlkonstruktion gab es keinerlei Sicherheitsbedenken in der Planungsphase, im Genehmigungsverfahren bei der Baubehörde des Bezirks Mitte von Berlin, während der Bauausführung und bei der Abnahme der Bauleistung", erklärte er. Die Bahn habe ein Bauwerk übernommen, bei dem sie davon ausgehen konnte, dass es nach allen Regeln der Technik geplant, genehmigt, gebaut und abgenommen wurde.
Star-Architekt Gerkan äußerte sich zurückhaltend. "Es ist gefährlich, schon jetzt Schuldzuweisungen von sich zu geben, bevor die Ursache sicher geklärt ist", sagte der 72- Jährige. Ihm hat der Vorfall eigenen Angaben zufolge schlaflose Nächte bereitet. Er habe einen Prüfstatiker beauftragt, der sich bereits vor Ort einen Eindruck vom derzeitigen Bahnhof gemacht habe. "Wir müssen sehen, was nicht planmäßig ausgeführt wurde und für welche Veränderungen es vielleicht keine Genehmigungen gab", sagte er.
"Es ist richtig, dass die Träger nur aufgelegt sind - aber das Stahlgerüst ist so konstruiert, dass sich die Träger eigentlich nicht bewegen können", erklärte von Gerkan. "Wenn es aber richtig ist, sie zu verschweißen, dann ist das in Ordnung. Aber ich frage mich, ob man das nicht auch schon vorher hätte tun können."
Diese Frage stellte sich auch zahlreichen Reisenden und Besuchern des Vorzeigebaus. "Das ist peinlich für die Bahn, für Berlin und die Bauherren", fand Peter Umbach aus Berlib. "Ein so starker Sturm war für Berlin zwar ungewöhnlich, aber so etwas darf dennoch nicht passieren."
itz/AFP/dpa/AP/Reuters
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