26. April 2007, 17:56 Uhr

Rangelei mit Bodyguards

Telekom-Mitarbeiter bedrängen Konzernchef Obermann

Eklat bei einer Betriebsversammlung in Hamburg: Telekom-Mitarbeiter stürmen das Gebäude, um gegen die Verlagerung von 50.000 Stellen zu protestieren. Als sie Konzernchef René Obermann bedrängen, geraten sie mit den Sicherheitskräften aneinander.

Hamburg - Die Betriebsversammlung war von der Telekom-Tochter T-Systems im Hamburger Theater "Schmidts Tivoli" abgehalten worden. Anwesend war auch Konzernchef René Obermann. Vor dem Gebäude, auf dem angrenzenden Spielbudenplatz, demonstrierten gleichzeitig rund 2000 Telekom-Mitarbeiter lautstark gegen die geplante Auslagerung von 50.000 Arbeitsplätzen.

Telekom-Mitarbeiter stürmen das Hamburger Theater Schmidts Tivoli: Rangelei mit Sicherheitskräften
DDP

Telekom-Mitarbeiter stürmen das Hamburger Theater Schmidts Tivoli: Rangelei mit Sicherheitskräften

Plötzlich stürmten einige von ihnen die Betriebsversammlung, bedrängten Obermann. Es kam zu Rangeleien der Beschäftigten mit den Sicherheitskräften. Obermann signalisierte schließlich Gesprächsbereitschaft, ließ später aber mitteilen, es sei nur sinnvoll, mit einer Delegation zu verhandeln.

Der Protest der Telekom-Mitarbeiter richtet sich gegen die Verlagerung von rund 50.000 Stellen in eine Servicegesellschaft. Die Arbeitsbedingungen dort sollen sich nach dem Willen der Konzernspitze wesentlich verschlechtern, so soll die Bezahlung geringer, die Arbeitszeit jedoch höher sein als bisher.

Heute waren die Verhandlungen des Konzerns mit der Gewerkschaft Ver.di geplatzt. Beide Seiten hatten über die Details der Auslagerung gesprochen. Ver.di lehnte auch ein nachgebessertes Angebot der Konzernführung ab und kündigte eine Ausweitung der Protestaktionen an. "Ein Streik ist definitiv nicht mehr abzuwenden", sagte Ver.di- Verhandlungsführer Lothar Schröder. Damit steuert die Telekom auf die größte Auseinandersetzung seit ihrer Privatisierung 1995 zu.

Am Freitag kommender Woche soll nun die Große Tarifkommission von Ver.di über die Durchführung einer Urabstimmung entscheiden, die einen konzernweiten Arbeitskampf nach sich ziehen könnte. "Ich bin mir sicher, dass wir die dazu nötige Mehrheit von 75 Prozent erreichen werden", sagte Schröder. Die Verärgerung der Belegschaft über den geplanten Umbau sei "sehr groß".

"Wenn der Streik sein muss, dann muss er sein"

Der kommissarische Telekom-Personalvorstand, Karl-Gerhard Eick, hofft indes immer noch auf eine gütliche Einigung. Das Angebot des Konzern werde bis zum 2. Mai aufrecht erhalten. Zwei Tage später findet die Hauptversammlung in Köln statt. "Das Angebot macht deutlich, dass wir nach wie vor eine gemeinsame Lösung mit Ver.di anstreben", sagte Eick. Schröder sieht hingegen "wenige Chancen" für eine Einigung. "Inhaltlich sind wir weit von einer Verständigung entfernt."

Auch die fünfte Verhandlungsrunde wurde von bundesweiten Warnstreiks begleitet, an denen sich laut Gewerkschaft rund 11.000 Mitarbeiter beteiligten. Eick kündigte an, dass die Telekom gegen die Protestaktionen juristische Mittel prüfen werde. Einknicken will das Unternehmen nicht: "Wenn der Streik sein muss, dann muss er sein", sagte Eick.

Den Plänen der Deutschen Telekom zufolge sollen die Beschäftigten neun Prozent weniger Lohn erhalten und mindestens 38 Stunden in der Woche arbeiten. Die Absenkung der Löhne soll stufenweise über die kommenden 30 Monate geschehen. Im Gegenzug will das Unternehmen den Kündigungsschutz um drei Jahre bis Ende 2011 verlängern.

Die Gesellschaft steht vor allem auf ihrem Heimatmarkt massiv unter Druck. So kündigten im vergangenen Jahr zwei Millionen Kunden ihren Festnetzanschluss bei der Telekom. Der Marktführer musste daher im Januar zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr senken. Die Aktie notiert seitdem unter der Marke von 14 Euro.

Telekom-Chef Obermann hält angesichts des niedrigen Aktienkurses eine Übernahme der Telekom grundsätzlich für denkbar. "Ich halte es nicht für ausgeschlossen, Gegenstand von Übernahmeszenarien zu werden, wenn es uns nicht gelingt, in den nächsten Jahren die Unternehmensbewertung zu steigern", hatte er gestern Abend in Berlin gesagt.

wal/dpa


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